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Ostkreis Neuer Treff gibt Raum zum Trauern
Landkreis Ostkreis Neuer Treff gibt Raum zum Trauern
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12:00 30.05.2022
Nadine Krapp (von rechts) kümmert sich um den Trauertreff "Tränentrost", den Eva Hartmann und Nicole Zinkowski auf den Weg gebracht haben. Zum Einsatz kommt dabei oft die "Landkarte der Befindlichkeiten".
Nadine Krapp (von rechts) kümmert sich um den Trauertreff "Tränentrost", den Eva Hartmann und Nicole Zinkowski auf den Weg gebracht haben. Zum Einsatz kommt dabei oft die "Landkarte der Befindlichkeiten". Quelle: Florian Lerchbacher
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Neustadt

„Alle Menschen trauern – aber eben unterschiedlich. Und das ist auch gut so. Es gibt dabei kein richtig und kein falsch“, betont Nadine Krapp. Gleichzeitig stellt die Neustädterin heraus, dass dies das Trauern beziehungsweise den Umgang mit der Trauer im Kreise von Familien und Freunden schwieriger macht: „Oftmals verstehen sich die Menschen dabei nicht. Jeder verändert sich durch den Verlust eines anderen, aber eben individuell.“ Aus diesem Grund sei es wichtig, den Menschen einen geschützten Raum zu bieten, in dem sie sein können, wie sie wollen – und aus dem auch nichts herausgetragen wird. „Auf neutralem Boden kann man seinen Gefühlen viel besser freien Lauf lassen – und unterdrückt sie auch nicht“, fügt Eva Hartmann hinzu, die in Neustadt die kommunale Leitstelle „Älterwerden“ betreut und sich als Koordinationskraft in der Bürgerhilfe einbringt. „Zuhause muss man sich noch dazu um den Alltag kümmern und nimmt sich dadurch auch keine Auszeit, um zu trauern“, ergänzt Nicole Zinkowski, die Leiterin des Familienzentrums.

Aus diesen Gründen wollten Zinkowski und Hartmann einen Trauertreff auf den Weg bringen. Noch dazu sei im Angehörigen- und Beratungstreff – in dem es eigentlich um Demenz und Angehörigenberatung geht – eines Tages das Thema Trauer aufs Tableau gekommen. Auf einmal hätten alle Teilnehmenden von Verstorbenen erzählt und geweint. „Das ließ sich nicht auffangen“, erinnert sich Zinkowski. Und somit sei endgültig klar gewesen, dass Neustadt einen gesonderten Trauertreff benötige. „Man kann ja in solchen Situationen nicht einfach sagen, dass dies nicht hierhin gehört und das Gespräch abgebrochen werden muss“, fügt Hartmann hinzu.

Aus diesem Grund machten sich die beiden Frauen auf die Suche nach jemandem, der ein solches Angebot machen würde. Fündig wurden sie in Nadine Krapp, die sofort Bereitschaft bekundete und kurz danach ihre Ausbildung zur Trauerbegleiterin im Ehrenamt begann. Sie habe sich schon immer für die Thematik interessiert, erklärt die Neustädterin. Ein Grund seien die privaten Erfahrungen im Umgang mit dem Tod. Ein anderer aber, dass Tod und Trauer zum Leben dazugehören. „Aber oftmals wird nicht darüber gesprochen und das Thema ausgeklammert. Viele sind unsicher und voreingenommen im Gespräch mit Menschen, die einen Verlust erfahren haben“, sagt sie: „Ich finde, es muss mehr Aufmerksamkeit bekommen – und es muss offener darüber gesprochen werden.“ Niemanden sei zum Beispiel mit abgedroschenen Floskeln geholfen: „Es bringt viel mehr, so natürlich wie möglich über den Tod zu sprechen und dabei ganz offen zu sagen, was man empfindet.“

Treffen finden im Familienzentrum statt

Der Trauertreff „Tränentrost“ richtet sich insbesondere an Menschen, die enge Freunde oder Angehörige verloren haben – aber auch an alle, die sich mit Tod und Trauer auseinandersetzen wollen. Die Treffen finden im Familienzentrum im Kultur- und Bürgerzentrum statt. Ein zentraler Aspekt ist: Nichts, was in diesem geschützten Raum gesagt wird, verlässt diesen. Ziel ist, dass sich die Teilnehmenden mit der Trauer auseinandersetzen und sich mit anderen Betroffenen austauschen. „Gefühle zum Ausdruck bringen und gemeinsam nach Antworten, Hilfen und Hoffnungswegen für die Zukunft suchen“, lautet das Credo. Mal kommt dabei das Spiel „Landschaften der Trauer zum Einsatz, mal die „Landkarte der Befindlichkeiten“, auf der verschiedene Emotionen verortet werden können. „Das Visualisieren soll erleichtern, sich einzuordnen“, sagt Krapp. Noch dazu lasse sich so erkennen, wie der Mensch sich im Umgang mit der Trauer entwickelt. Die Gefühle der Trauer seien sehr vielfältig und intensiv – aber Trauer sei eben auch keine Krankheit, die hinter sich gebracht, bewältigt oder beseitigt werden muss.

Unterstützung bekommt Nadine Krapp beim Trauertreff durch Andrea Sollorz und Hiltrud Kempe von der Bürgerhilfe. Die Veranstaltung findet an jedem ersten Mittwoch im Monat ab 17 Uhr im Familienzentrum statt und ist offen für alle Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Herkunft. Ausrichter sind das Familienzentrum und die kommunale Leitstelle Älterwerden.

Zur Person

Nadine Krapp ist gebürtige Neustädterin, 42 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Sie ist gelernte Bankkauffrau und bringt sich ehrenamtlich in mehreren Vereinen ein: Krapp ist Mitglied der zur historischen Bürgergarde gehörenden Biedermeierdamen und wirkt im Neustädter Karneval bei den „Suppentanten“ der Kolpingfamilie mit. Zudem engagiert sie sich im Vorstand des Fördervereins der Kindertagesstätte „Regenbogen“. Derzeit absolviert sie in Königstein im Taunus die Ausbildung zur Trauerbegleiterin im Ehrenamt: Dort befindet sie sich im zweiten Ausbildungsjahr (das erste finanzierte die Stadt Neustadt komplett).

Von Florian Lerchbacher