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Ostkreis Geflüchtete glauben weiter an das Gute
Landkreis Ostkreis Geflüchtete glauben weiter an das Gute
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07:59 23.03.2022
Anna Yurchenko (rechts) sowie (von links) Polina, Yana und Platon Zinchenko haben in Neustadt Unterschlupf und in Marina Schreiner eine neue Freundin gefunden.
Anna Yurchenko (rechts) sowie (von links) Polina, Yana und Platon Zinchenko haben in Neustadt Unterschlupf und in Marina Schreiner eine neue Freundin gefunden. Quelle: Florian Lerchbacher
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Neustadt

Rund 60 Geflüchtete aus der Ukraine sind bei Privatmenschen in Neustadt untergekommen. Unter ihnen Anna Yurchenko sowie Yana Zinchenko mit ihren Kindern Platon und Polina – vier Menschen, die unfassbares Leid erleben und mit ansehen mussten und schweren Herzens ihre Männer und den Rest ihrer Familien in der Heimat zurückließen. „Hauptsache, die Kinder sind in Sicherheit.“ Dieser Gedanke habe bei der Entscheidung zur Flucht nach Deutschland im Vordergrund gestanden, betont Yana Zinchenko.

Am 24. Februar um 5 Uhr morgens waren sie und ihre Familie mitten in einem Wohngebiet in Charkiw von lautem Knallen geweckt worden. Ihre Mutter habe sofort alle Verwandten angerufen, um zu prüfen, dass alles in Ordnung ist, erinnert sich Polina Zinchenko zurück. Als der erste russische Angriff nicht endete, habe die Familie gemeinsam mit Nachbarin Anna Yurchenko und ihrem Mann erstmals im Keller des Gebäudes Schutz gesucht – ein Ort, an dem die Gruppe ebenso wie in einer nahe gelegenen, unterirdischen Metro-Station in der folgenden Woche viele qualvolle Stunden verbringen sollte. Nur in den wenigen „ruhigen“ Stunden kehrten die Menschen kurz in ihre Wohnungen zurück, um sich schnell zu waschen, die Zähne zu putzen und etwas Essen zu holen.

Zunächst hätten sie die Hoffnung gehabt, dass die Attacken schnell enden, berichtet das Mädchen. Doch es habe sich abgezeichnet, dass die Russen nicht von der Ukraine ablassen – und so sei die Entscheidung zur Flucht gefallen. Zu sechst in einem Auto machten sich die beiden Familien aus Charkiw in der Nähe der Grenze zu Russland auf den Weg in ruhigere Zonen im Landesinneren. Im Gepäck hatten sie nur das Nötigste, vor allem Kleidung für die Kinder sowie eine Katze und eine zahme Hausratte (die später bei der Großmutter bleiben sollten). Dabei kamen sie nur langsam voran, sagt Yana Zinchenko. Zum einen, weil viele Menschen flohen. Zum anderen, weil sie an zerstörten Panzern, Flugzeugen oder an Bombenkratern vorbeifahren und dabei entsprechend vorsichtig sein mussten. Einmal sei ein Zug in unmittelbarer Nähe abgeschossen worden. Wie man Kindern erklärt, was um sie herum vor sich geht? Das muss man nicht, antwortet die Ukrainerin: Die Angst sei permanent da und die Gefahr so offensichtlich, dass es keiner erklärenden Worte bedarf, wie groß die Bedrohung ist. „Aber wir waren jede Sekunde dankbar, dass wir noch am Leben sind und hatten großes Mitleid mit den Menschen, die um uns herum starben.“

Zweimal täglich in Kontakt mit ihren Männern

Im Landesinneren fanden die sechs dann auch tatsächlich einen Unterschlupf. Die Angst blieb jedoch omnipräsent. Doch dann kam aus Deutschland ein Anruf einer ehemaligen Schulkameradin der beiden Frauen, die ihnen mitteilte, dass ihnen in Neustadt eine Wohnung angeboten werden könne. Bei den Zinchenkos sei die Entscheidung sofort klar gewesen, erinnert sich Anna Yurchenko. Sie selbst habe das Land eigentlich nicht verlassen wollen, sich dann aber doch zur Flucht entschieden, um Schutz zu suchen. „Meine Mutter würde ich gerne noch nachholen“, erklärt sie und berichtet von einer Flucht mit dem Auto durch Moldawien, Rumänien, Ungarn und Österreich bis nach Deutschland.

Zweimal täglich stehen die beiden Frauen mit Eltern und Ehemännern per Whatsapp in Kontakt. Es gebe weiterhin ständig Angriffe – mit Ausnahme der Zeit zwischen 6 und 7.30 Uhr. Der einzigen Zeit, in der sich die Menschen aus dem Schutz der Metrostationen noch heraustrauen. „Unsere Männer haben noch nie ein Gewehr in der Hand gehalten. Wir hoffen, dass sie eines Tages auch aus der Ukraine fliehen dürfen“, sagt Anna Yurchenko und erinnert daran, dass für Männer zwischen 18 und 60 Jahren derzeit ein Ausreiseverbot gilt.

Geflüchtete trauern ihrer zerstörten Heimat nach

In Charkiw sind die Auswirkungen der russischen Angriffe immer deutlicher zu sehen. Auf ihrem Mobiltelefon hat Yana Zinchenko ein kurzes Video, das das Hochhaus zeigt, in dem sie und ihre Familie ebenso wie die Yurchenkos leben. Die Haustür wurde durch eine Explosion aus den Angeln gerissen, an den Wänden sind überall Rauchspuren und auch Einschusslöcher zu sehen. Sie seien immer noch sehr stolz auf Charkiw, stellen die beiden Frauen heraus. „Unser Bürgermeister hat die Stadt zu einer schönen europäischen Stadt entwickelt mit vielen sozialen Möglichkeiten. Ich bin sehr traurig, dass sie in Schutt und Asche gelegt wird“, sagt Yurchenko und verrät, wie sie mit ihrer Angst umgeht: „Ich sage mir immer, dass der Krieg bald aufhört.“ Und das ist das besonders Bewundernswerte an den beiden Frauen: Trotz der erlebten Gräueltaten glauben sie noch immer an das Gute und daran, dass der Krieg bald aufhört. Sie hoffen, dass sie alsbald zurück in die Ukraine können: „Genauso schnell, wie wir hergekommen sind.“

Bis es so weit ist, haben sie in Neustadt eine neue Heimat gefunden. Die Hilfsbereitschaft in der Junker-Hansen-Stadt ist – ebenso wie im Rest Deutschlands – riesig. Beispielsweise haben die vier Geflüchteten in Marina Schreiner bereits eine Freundin gefunden. Die Neustädterin stammt ursprünglich aus Kasachstan, lebt aber bereits seit 30 Jahren in Deutschland und arbeitet eigentlich bei Rewe an der Kasse. Spontan entschloss sie sich, Geflüchteten zu helfen, sie mit Spenden zu unterstützen und als Übersetzerin ihnen zur Seite zu stehen (so auch beim Gespräch mit dieser Zeitung). Das Gleiche gilt für Elena Mayer, die einst Übersetzerin und Deutschlehrerin war, jetzt aber als Physiotherapeutin arbeitet.

Stadt Neustadt will unbürokratisch helfen

Die Ehrenamtlerinnen sind zwei von vielen, die sich einsetzen und unter anderem auch beim (über das Programm des Landkreises „Misch mit“ geförderten) Neustädter Frühstück für ukrainische Geflüchtete halfen. Die Veranstaltung hatten das Quartiersmanagement, das Familienzentrum und Hephata für die rund 60 Menschen organisiert, die Unterschlupf in Neustadt gefunden haben. Ziel war es, sie zum einen willkommen zu heißen und zum anderen die Vernetzung zu fördern.

Im Familienzentrum gibt es beispielsweise bereits donnerstags zwischen 8 und 12 Uhr speziell für ukrainische Geflüchtete die Möglichkeit, sich zu treffen, kennenzulernen und zu vernetzen. Außerdem sind Deutschkurse geplant. Und Bürgermeister Thomas Groll – dessen Großmutter und Mutter vor ungefähr 75 Jahren ebenfalls als Flüchtlinge nach Neustadt kamen – hat zugesagt, dass die Stadt möglichst unbürokratisch helfen wolle. So denke er zum Beispiel darüber nach, Räume für Kinderbetreuung zur Verfügung zu stellen. Ein professionelles Betreuungsangebot mit Erzieherinnen und Erziehern lasse sich so einfach nicht organisieren, aber vielleicht gebe es ja ukrainische Mütter, die sich einsetzen wollen. Eine ausgebildete Pädagogin vermeldete bereits Bereitschaft, „Ich bin mir sicher, dass es gelingen kann und gelingen wird. Die Bürokratie darf Hilfe nicht blockieren“, betont Groll.

Hunderte Geflüchtete in Marburg

Knapp einen Monat nach Beginn des Ukraine-Krieges kümmert sich die Stadt Marburg um hunderte Kriegsflüchtlinge. Wie die Stadt gestern auf OP-Anfrage mitteilte, leben aktuell 170 geflüchtete Menschen in städtischen Unterkünften, unter anderem einem früheren Gebäude der Marburger Altenhilfe. Die Zahlen ändern sich ständig, weil Geflüchtete neu ankommen oder umziehen, beispielsweise zu Verwandten, erklärte Patricia Grähling von der Pressestelle der Stadt.
Die Stadt vermittelt auch Privatwohnungen an Flüchtlinge und hat dazu eine Ukrainehilfe-Börse eingerichtet. Sie ruft dazu auf, vor allem Wohnraum zu melden, der für mindestens sechs Monate zur Verfügung gestellt werden kann. Laut Grähling konnten bisher 58 Menschen in Privatwohnungen vermittelt werden, 56 Personen stehen unmittelbar vor dem Bezug einer Privatwohnung. „Weitere 109 private Unterkünfte sind der Stadt schon angeboten worden“, teilte Grähling mit.
In der Regel dauert es aber nach ihren Angaben eine bis zwei Wochen, bis Geflüchtete in den angebotenen Wohnungen untergebracht werden können. Der Grund: Die Stadt besichtigt die Wohnungen und prüft, für wen eine Wohnung passen könnte. „Beispielsweise benötigt eine Mutter mit Kleinkindern eine andere Ausstattung und Wohnungsgröße als eine alleinstehende Person mit einer Behinderung“, erklärte Grähling. Die Stadt bittet angesichts der großen Hilfsbereitschaft um Verständnis, dass nicht alle Angebote sofort geprüft werden können.
Nicht in den Flüchtlingszahlen enthalten sind die geflüchteten Menschen, die vom Regierungspräsidium auf die Notunterkünfte in Stadt und Kreis verteilt werden. Um sie kümmert sich das Regierungspräsidium.

Von Florian Lerchbacher

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