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Ostkreis Forstkapelle im Herrenwald wird 125
Landkreis Ostkreis Forstkapelle im Herrenwald wird 125
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07:57 01.06.2020
Die Forstkapelle ist idyllisch im Herrenwald zwischen Neustadt und Stadtallendorf gelegen.  Quelle: Florian Lerchbacher
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Neustadt

Vor zwei Jahren machte der Eichenprozessionsspinner den Gläubigen einen Strich durch die Rechnung, in diesem Jahr verhinderte die Corona-Pandemie bereits einige Veranstaltungen in der Forstkapelle zwischen Neustadt und Stadtallendorf.

Doch so leicht lassen sie sich nicht entmutigen – vor allem nicht, wenn Feiern anlässlich des 125-jährigen Bestehens der kleinen Wallfahrtskapelle im Herrenwald anstehen.

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Einige mussten zwar ausfallen und sollen im kommenden Jahr nachgeholt werden, wie Monika Groll, die Vorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Neustadt, betont, doch nun soll’s erstmal weitergehen. Allerdings natürlich unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen.

„Die Heilige Messe am Pfingstmontag um 15 Uhr wird der erste Gottesdienst in diesem Jahr bei der Kapelle sein, zu dem der gesamte Pastoralverbund Maria Bild eingeladen ist. Leider ist die Zahl der Gottesdienstbesucher auf 100 Personen begrenzt, Abstands- und Hygieneregeln wie das Tragen von einer Mund-Nase-Bedeckung sind einzuhalten, und beim Betreten des Geländes werden Listen der Teilnehmer geführt“, teilt Annette Schmitt, Sekretärin des Katholischen Pfarramts Neustadt mit.

Bewirtschaftung fällt wegen Corona aus

Gläubige sollen ein Gesangbuch mitbringen – ob sie dann auch wirklich Lieder singen, stehe noch nicht fest, betont Pfarrer Andreas Rhiel und verweist auf die Frankfurter Baptistengemeinde, in der sich das Corona-Virus nach einem Gottesdienst verbreitete: „Unser Vorteil ist, dass wir im Wald feiern. Da kann man viel besser Abstand halten. Und man kann sich auch gut ausweichen.“

Noch dazu glaubt er ohnehin nicht, dass viele Gläubige zur Forstkapelle pilgern: „Die Menschen kommen nicht gerade in Strömen in die Gottesdienste – das geht erst langsam wieder los.“

Und noch etwas ist anders als sonst: Die Kolpingfamilie, die sich traditionell um die Bewirtschaftung kümmert, darf dieses Mal aufgrund der Beschränkungen weder Essen noch Getränke anbieten. Im Altarraum werden keine Messdiener stehen – und Weihbischof Karlheinz Diez hat seine eigentlich geplante Teilnahme auch schon abgesagt.

Baumeister musste Strafe zahlen

Seit 125 Jahren besteht die Forstkapelle im Herrenwald – Einweihung war am 29. Juni 1895 mit fast 4.000 Gläubigen, wie Hans-Richard Krapp, Mitglieder der Kolpingfamilie, aus der Geschichte berichtet. Die Pläne für das Gotteshaus stammen von Professor Karl Schäfer, dem Architekten der Marburger Universität.

Die Bauzeit betrug damals ein Jahr – wobei der Neustädter Baumeister damals schlechte Arbeit leistete, mehrere Rüffel kassierte und letztendlich auch eine Strafe zahlen musste. Die Finanzierung des Projektes sei damals schwierig gewesen, erklärt Krapp: „Es war mühsam, das Geld zusammenzubekommen. Die letzten noch fehlenden Goldmark gab dann ein Herr Bacherach, ein jüdischer Mitbürger.“

Bau gegen „diffuse Frömmigkeit“

Doch schon viel früher waren Gläubige in den Wald gepilgert. Die „Wallfahrt nach Forst“ habe eine fast 400-jährige Tradition, heißt es in einer Chronik. Der Legende nach, weil während des 30-jährigen Krieges an dieser Stelle kaiserliche Truppen „zwölf rote Mönche“ umgebracht hatten.

Die Idee, eine Kapelle im Forst zu errichten, kam dann von Kaplan Malkmus, weil er die vor Ort aktiven Bußprediger „kanalisieren“ wollte, wie Pfarrer Rhiel sagt. Diese hätten mit ihren exzentrischen Persönlichkeiten die Menschen magisch angezogen – und wurden von den Gläubigen auch mit Essen versorgt: „Von daher war es seelsorgerisch sehr geschickt, sie mit aufzunehmen – sonst entsteht eine diffuse Frömmigkeit.“

Glocken wurden zweimal gestohlen

Erst habe dort ein hölzerner Bildstock gestanden, der 1850 abbrannte, dann wurde eine Pieta (eine Darstellung der trauernden Maria, die den Leichnam Christi im Schoß hält) angefertigt, die heute in der Friedhofskapelle steht.

Die letzte grundhafte Renovierung der Forstkapelle erfolgte zwischen 1974 und 1976, vor fünf Jahren wurde das Dach erneuert. Und seit 1977 gibt es dort einen kleinen Turm für eine mobile Glocke, wie Krapp betont: „Das war notwendig, weil die Glocken zweimal gestohlen wurden.“

Für den 7. Juni plant die Katholische Kirchengemeinde ihren Kirchweih-Gottesdienst – der, da die Kirmes ausfällt, dieses Jahr auch ohne die Protestanten Neustadts stattfindet. Die Feierlichkeiten anlässlich des Forstkapellen-Jubiläums setzt der Pastoralverbund dann am Samstag, 27. Juni, um 18 Uhr mit einer Abendmesse fort.

Ausgefallene Feste werden nachgeholt

Eigentlicher Weihetag war zwar der 29. Juni (Peter und Paul), doch aufgrund eigentlich anstehender anderer Festlichkeiten in der Umgebung hatten die Organisatoren sich im Vorfeld des Festjahres entschlossen, die Forstmesse früher stattfinden zu lassen.

Ausfallen mussten in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie bereits eine Lichterprozession mit „Frauengottesdienst“, ein ökumenischer Kreuzweg und eine heilige Messe – die im kommenden Jahr nachgeholt werden sollen.

Gläubige werden gebeten, möglichst zu Fuß zur Forstkapelle zu kommen – oder möglichst Fahrgemeinschaften zu bilden und nicht direkt bis vor Ort zu fahren.

Von Florian Lerchbacher

28.05.2020
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