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Ostkreis 18 Monate Haft für sexuelle Nötigung
Landkreis Ostkreis 18 Monate Haft für sexuelle Nötigung
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20:08 22.06.2022
Ein 52-Jähriger hatte eine junge Frau am Bahnhof in Neustadt am Oberschenkel gestreichelt, auf Wange und Mund geküsst und ihre Brüste angefasst. Das Gericht verurteilte den Mann zu 18 Monaten Haft.
Ein 52-Jähriger hatte eine junge Frau am Bahnhof in Neustadt am Oberschenkel gestreichelt, auf Wange und Mund geküsst und ihre Brüste angefasst. Das Gericht verurteilte den Mann zu 18 Monaten Haft. Quelle: Themenfoto: Jens Kalaene
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Neustadt

Anderthalb Jahre ohne Bewährung – so lautet das Urteil für einen 52-Jährigen, der sich vor dem Marburger Schöffengericht wegen sexueller Nötigung verantworten musste.

Der Mann hatte vor ziemlich genau einem Jahr am Neustädter Bahnhof eine junge Frau wegen einer Zigarette angesprochen und sie dann nach bezahltem Geschlechtsverkehr gefragt. „Ich sagte, ich will das nicht. Er redete auf mich ein und kam immer näher. Dann fasste er mich an den Schultern an. Ich habe versucht, mich wegzudrehen – aber er hielt mich fest, und ich wusste nicht, was ich machen sollte“, berichtete die 22-Jährige.

Anschließend habe der Mann sie am Oberschenkel gestreichelt, sie an sich herangezogen, auf die Wangen und den Mund geküsst und an ihre Brüste gefasst. „Ich war wie in Schockstarre“, erklärte sie auf Nachfrage von Richterin Melanie Becker. Letztlich habe sie sich aber wegdrehen, losreißen und davonlaufen und die Polizei informieren können.

Opfer ist nach wie vor stark belastet

Auf Bitten des Staatsanwaltes identifizierte die Zeugin den Mann, der inzwischen einen anderen Bart trage, als damals. Anschließend ergänzte sie, dass sie die Geschehnisse noch immer stark belasteten: „Seitdem habe ich Angst vor Männern.“ Es reiche schon, wenn sie aus Versehen angerempelt werde: „Dann kriege ich Gänsehaut und empfinde Ekel. Das war früher nicht so.“

Der Anwalt des Mannes, der ursprünglich aus der Türkei kommt und nur gebrochen Deutsch spricht, erkundigte sich, ob sein Mandant die Ablehnung verstanden habe. Die Frau entgegnete, dass sie dies nicht sicher wisse – ein Punkt, zu dem Richterin Becker in der Urteilsbegründung Stellung bezog: Die Körpersprache des Opfers sei klar und deutlich gewesen und auch aus sprachlicher Sicht gehe das Gericht nicht davon aus, dass der Mann das Nein nicht verstanden habe.

Angeklagter hat 23 Anträge im Bundeszentralregister

Hatte der Angeklagte zu Beginn der Verhandlung die Tat noch bestritten, so zeigte er sich nach der Aussage seines Opfers geständig und erklärte, dass alles wie geschildert geschehen sei und er sich entschuldigen wolle. „Lieber spät als nie“, kommentierte der Staatsanwalt später.

Die Richterin berichtete von 23 Einträgen ins Bundeszentralregister, die der 52-Jährige seit dem Jahr 1998 angehäuft hat. Gleich mehrfach drehen sich diese um das Erschleichen von Leistungen und Beleidigung. Im Jahr 2013 kam eine Verurteilung wegen exhibitionistischer Handlungen dazu, im Jahr 2019 eine wegen sexueller Belästigung und 2020 dann eine wegen sexueller Nötigung (acht Monate auf Bewährung): Diese bezog sich auf eine Tat im Jahr 2018, als der Mann einer Passantin in Marburg einfach in den Schritt gefasst hatte.

„Haben Sie mal an eine Therapie gedacht?“, fragte die Richterin den Angeklagten, der seit einigen Monaten in Untersuchungshaft sitzt. Sein Anwalt entgegnete, eine Sozialarbeiterin wolle seinem Mandaten – der unter psychischen Schwierigkeiten leide – eine Therapie und einen Platz im betreuten Wohnen organisieren. Zu Details konnte er aber keine Angaben machen. Das sei ihr zu wenig beziehungsweise zu unkonkret, resümierte die Richterin in der Urteilsfindung und sprach in der Begründung der Verurteilung zu anderthalb Jahren Gefängnis wegen sexueller Nötigung von „erheblichen sexuellen Handlungen“ des Angeklagten – die dieser auch noch während einer laufenden Bewährung begangen habe. Sie kritisierte, dass eine deutliche Steigerung in der Schwere der Taten erkennbar sei. Und eine positive Sozialprognose könne sie dem Mann auch nicht zusprechen – diese hatte auch seine Bewährungshelferin nicht formuliert, da sie seit über einem Jahr keinen Kontakt mehr zum Angeklagten aufnehmen konnte.

Hintergrund

Was ist sexuelle Nötigung?

Nach § 177 StGB sind sexuelle Handlungen strafbar, die eine Person an einer anderen gegen ihren Willen unter Anwendung von Gewalt oder Drohungen vornimmt – oder die schutzlose Lage des Opfers ausnutzt. Sexueller Natur sind diese Handlungen, wenn sie einen deutlichen Bezug zum Geschlechtlichen aufweisen – zum Beispiel das Berühren von Geschlechtsteilen oder das Küssen. Diese Handlung muss erkennbar gegen den Willen der anderen Person geschehen – eine Ablehnung kann dabei verbal aber auch durch Gesten, Wegdrehen oder auch Weinen erfolgen.

Von Florian Lerchbacher