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Ostkreis Kraft der Sonne bringt die fehlende Wärme
Landkreis Ostkreis Kraft der Sonne bringt die fehlende Wärme
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13:00 14.11.2021
Gutachter Gunther Brandt stellte die Ergebnisse seiner Analyse im Schützenhaus in Rüdigheim vor.
Gutachter Gunther Brandt stellte die Ergebnisse seiner Analyse im Schützenhaus in Rüdigheim vor. Quelle: Michael Rinde
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Rüdigheim

Der Bau und Betrieb eines Nahwärmenetzes in Rüdigheim ist machbar und finanzierbar. Das ist das klare Ergebnis der Machbarkeitsstudie, deren wesentliche Ergebnisse der Physiker und Anlagenplaner Gunter Brandt vom Verein „GUT“ am Mittwochabend vor Ort vorstellte. Das Interesse im Ort ist ungebrochen groß, wie die Zahl der Teilnehmer an dem Abend zeigte. Rund 70 Rüdigheimer folgten dem Vortrag Brandts.

In Rüdigheim laufen die ersten Überlegungen seit 2017/2018. Dort existiert seitdem eine ehrenamtliche Arbeitsgruppe rund um Alfred Rhiel und seine Mitstreiter.

Noch hängt der Ort vom Öl ab

Hauptproblem in Rüdigheim für ein Nahwärmenetz: Es gibt keine Wärmequelle wie etwa eine Biogasanlage in Ortsnähe. Gutachter Brandt und sein Team haben deshalb mehrere Möglichkeiten analysiert und bewertet, wie sich am Ort Wärme zu einem finanzierbaren Betrag erzeugen ließe. Im Ergebnis empfiehlt Brandt, auf die Sonnenenergie zu setzen. Sein Modell sieht den Bau eines Solarfeldes am Ortsrand vor, etwa zwei Hektar Fläche werden für die etwa 1 000 Kollektoren benötigt. Hinzu kommt ein Wärmespeicher mit einem Fassungsvermögen von etwa 20 000 Kubikmetern und eine kleinere Wärmepumpe. Sie käme jedoch nur in „Randzeiten“ zum Einsatz, zum Beispiel im Oktober mit Herbstbeginn oder im März mit Start des Frühjahres.

Jener Wärmespeicher ist schon eine Besonderheit. Brandt schlägt ein Modell ähnlich wie ein großer „Topf“ vor. Es wäre etwa 20 Meter hoch und hätte mehr als 30 Meter Durchmesser. Wasser wäre das Speichermedium für die Wärme. „Stellen Sie sich den Speicher ähnlich vor wie einen Silobehälter bei Biogasanlagen“, wählte Brandt einen Vergleich. Alternativ wäre auch noch eine Anlage ohne Wärmepumpe, dafür aber mit einem doppelt so großen Wärmespeicher vorstellbar, das wäre nach Brandts Berechnungen aber wohl kaum zu finanzieren.

Der Gutachter geht davon aus, dass sich mit dem dargestellten kleineren Anlagentyp ein Nahwärmenetz für Rüdigheim wirtschaftlich und mit einem bezahlbaren Wärmepreis betreiben lässt, erst recht vor dem Hintergrund steigender Ölpreise. Letzteres Argument ist in Rüdigheim besonders gewichtig. Denn: 92 Prozent der 120 Teilnehmer einer Bürgerbefragung setzen in dem Amöneburger Stadtteil auf Ölheizungen. Noch. Denn bei dieser Befragung haben auch 100 Teilnehmer klar signalisiert, dass sie an ein Nahwärmenetz anschließen möchten.

Gunther Brandt geht davon aus, dass in Rüdigheim ein Leitungsnetz von etwa 4,5 Kilometern Länge benötigt wird. Er erwartet, dass es bis zum Betrieb der Anlage von heute an gerechnet noch etwa fünf Jahren dauern dürfte. Einen Baubeginn hält er in etwa drei Jahren für möglich. Dann wäre Rüdigheim nach Mardorf und Erfurtshausen das dritte Bioenergiedorf in Amöneburg.

Auch in Rüdigheim wäre eine Genossenschaft als Betreiber von Anlage und Netz sinnvoll. Alfred Rhiel von der Arbeitsgruppe will Anfang nächsten Jahres eine weitere Versammlung dazu abhalten. Dann begänne die Feinplanung und es käme für Interessierte über kurz oder lang zum Schwur. Sie müssten entscheiden, ob sie Genossenschaftsmitglieder werden und beitreten wollen.

Stadt will für Kredite bürgen

Bürgermeister Michael Plettenberg warb deutlich dafür, den grad eingeschlagenen Weg in jedem Fall weiterzugehen. Die Unterstützung der Stadt sei den Rüdigheimern dabei sicher. So sei Amöneburg bereit, städtische Grundstücke bei Bedarf für die Solaranlagen bereitzustellen und einen Gestattungsvertrag für das Verlegen der Leitungen durch die Straßen zu schließen. Und er stellte den Rüdigheimern eine städtische Bürgschaft für die nötigen Bankkredite in Aussicht. Das lobte Experte Gunther Brandt ausdrücklich. „Eine Bürgschaft der Stadt ist ein großes Plus, denn sie macht eine längere Laufzeit der Kredite möglich“, erläuterte er den Zuhörern.

Es geht schließlich um Millionenbeträge. Brandt sprach gegenüber der OP von Investitionen von 9 bis 10 Millionen Euro in Rüdigheim. Wobei er angesichts des Förderprogramms „Nahwärme 4.0“ eine Förderung von bis zu 50 Prozent erwartet. Blieben aber immer noch zu finanzierende 4 bis 5 Millionen Euro.

„Sprechen Sie zuhause und mit Ihren Nachbarn darüber“, warb Bürgermeister Plettenberg für die nächsten Schritte. Von den Teilnehmern der Infoveranstaltung kam am Mittwochabend langer Applaus für das Gehörte. „Das ist ein total überzeugendes Konzept“, hieß es aus dem Publikum.

Mehr zum Thema

Mitglieder der Arbeitsgruppe wollen Ausdrucke der Präsentation in den nächsten Tagen im Ort verteilen. Außerdem soll sie auf der Seite der Stadt www.amoeneburg.de online gestellt werden.

Von Michael Rinde

12.11.2021
11.11.2021