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Ostkreis Nachrichten vom Chef werden zur Qual
Landkreis Ostkreis Nachrichten vom Chef werden zur Qual
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18:00 18.05.2021
Kurznachrichten wurden für eine Mitarbeiterin zu einer enormen Belastung.
Kurznachrichten wurden für eine Mitarbeiterin zu einer enormen Belastung. Quelle: Symbolfoto: Nadine Weigel
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Ostkreis

Mit Kurznachrichten, verschickt über WhatsApp, begann es im Jahr 2018. Der Geschäftsführer eines Unternehmens aus dem Ostkreis zeigte einer Mitarbeiterin sein persönliches Interesse an ihr. Zumeist bekam die verheiratete Frau abends oder jedenfalls außerhalb der Bürozeiten Post. Die Staatsanwaltschaft sprach zunächst von Annäherungsversuchen. Der Ton bei den Nachrichten veränderte sich aber, auch, weil der Vorgesetzte selten oder gar keine Antworten bekam. Teilte der Mann ihr zunächst noch mit, dass er sie „nicht aus der Birne bekommt“, wurde er später deutlicher: Sie solle ruhig an „dem Versager“ (gemeint war ihr Ehemann) festhalten.

Und es blieb nicht bei Kurznachrichten. Nachdem die Frau den 57-Jährigen für weitere Kurznachrichten blockiert hatte, begannen abendliche Anrufe. Er ließ es mehrfach klingeln, um dann aufzulegen. Das passierte mitunter auch in der Nacht. All dies ereignete sich in einem Zeitraum von etwa zwei Jahren. Im Sommer 2020 ging die Frau zu ihrem Chef und sagte ihm unmissverständlich, dass er sie in Ruhe lassen solle. Danach wurde sie krankgeschrieben und sie stellte Strafantrag.

Nun gab es die Verhandlung am Amtsgericht Kirchhain unter dem Vorsitz von Direktorin Andrea Hülshorst. Die betroffene Frau trat als Nebenklägerin auf. Es gab auch im Sinne der Betroffenen keine aufwendigere Beweisaufnahme und es war auch keine Zeugenaussage notwendig. Es stimme im Wesentlichen, was vorgelesen worden sei, räumte der Angeklagte nach Verlesen der Anklageschrift ein. Angeklagt war der Mann nach Paragraph 238 Strafgesetzbuch, auch bekannt als der „Stalking-Paragraph“. Dem Mann war nach eigener Aussage erst im Nachhinein klar geworden, „welches Ausmaß das angenommen hat“. Er hätte da nicht so weit gehen dürfen.

Richterin Andrea Hülshorst hakte nach an dieser Stelle. Warum er denn immer weitergemacht habe, obwohl er keine positiven Rückmeldungen von der Frau bekam? Er sei eben ein sehr impulsiver Mensch. Beide hätten sich täglich gesehen angesichts der Größe des Betriebes. Man sei sich dort eben über die Füße gelaufen. Ein Lächeln der Mitarbeiterin hatte der Geschäftsführer dabei mal als positives Signal bewertet.

Das Erlebte hatte für die Frau attestierte Folgen: Sie leidet unter einer sogenannten Anpassungsstörung und zeigt nach Angaben aus der Anklageschrift Zeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sie ist seit vergangenem Spätsommer nicht mehr arbeitsfähig.

Vor Gericht machte der Geschäftsführer deutlich, dass er sich eine weitere Zusammenarbeit im Betrieb gut vorstellen könne. Sie sei eine gute Mitarbeiterin gewesen. „Und ich werfe ihr nichts vor“, sagte er. Da wiederum fragte Rechtsanwältin Ulrike Ristau als Vertreterin der Nebenklage nach. Wie er sich denn die Zukunft vorstelle? Letztendlich blieb diese Frage zumindest öffentlich unbeantwortet. Der Anwalt des Angeklagten regte vor Gericht an, auf die Vernehmung der Frau zu verzichten.

Es fiel das Wort Einstellung des Verfahrens nach dem Paragraphen 153. Auf Anregung von Richterin Hülshorst kam es zu einem Gespräch aller Verfahrensbeteiligten, wobei auch die Frage geklärt werden sollte, wie es am Arbeitsplatz für die Frau eventuell weitergehen könnte. Inwieweit es in diesem Punkt eine Übereinkunft gab, blieb vor Gericht öffentlich. Nach dem Gespräch verkündete Richterin Hülshorst das Ergebnis, eine Einstellung verbunden mit einer Geldauflage von 2000 Euro zu zahlen an die Betroffene. Und es gab einen guten Rat der Richterin an den Angeklagten, sich der Situation zwischen Chef und Mitarbeiterinnen bewusst zu sein. Der 57-Jährige gab am Ende, als die Verhandlung eigentlich schon geschlossen war, eine persönliche Erklärung ab. „Mir tut es so leid, dass alles so gekommen ist.“

Von Michael Rinde