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Ostkreis Nachbarschaftshilfe, die Leben rettet
Landkreis Ostkreis Nachbarschaftshilfe, die Leben rettet
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18:00 30.04.2020
Dr. Erich Wranze-Bielefeld (links), ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes, und Voraushelfer Uwe Segendorf. Quelle: Tobias Hirsch
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Stadtallendorf

Denn bei einem Herzstillstand zählt jede Minute. Nach drei bis fünf Minuten ohne Sauerstoff sterben Hirnzellen ab, nach zehn Minuten ist eine Reanimation fast aussichtslos. Die Voraushelfer sollen das „therapiefreie Intervall“ nutzen, bis Notarzt und Rettungssanitäter eintreffen. In der Regel sollen die Rettungskräfte den Patienten innerhalb von zehn Minuten erreichen, das schreibt das hessische Rettungsdienstgesetz so vor. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf klappt das in 90,7 Prozent der Fälle.

„Für einen Flächenlandkreis ist das sehr gut“, sagt Erich Wranze-Bielefeld, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes, der die Voraushelfer-Idee im Landkreis vorangetrieben hat. Denn immer wieder habe sich gezeigt, dass Telefonreanimationen durch die Leitstelle mit beispielsweise Angehörigen vor Ort ins Leere laufen. „Sie sind zu aufgeregt oder auch zu schwach, um die Reanimation über mehrere Minuten durchzuhalten.“

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Die Voraushelfer werden speziell geschult und sehen sich als verbesserte Nachbarschaftshilfe. Sie sind vor dem Rettungsdienst vor Ort, um den Laien abzulösen oder sogar erst mit der Reanimation zu beginnen. Informiert werden sie über eine App. Die Leitstelle sieht anonymisiert, welche drei Voraushelfer innerhalb von vier Minuten beim Patienten sein können und schickt diesen automatisiert eine Nachricht. „Erst wenn diese mit ,Ja‘ beantwortet wird, wird der Voraushelfer für die Kollegen der Leitstelle sichtbar und die Notfall-Adresse ausgetauscht.“

Uwe Segendorf hatte schon 59 Reanimationen seit seinem ersten Einsatz im Jahr 2013. „Manchmal passiert wochenlang gar nichts, ich hatte aber auch schon zwei Einsätze an einem Tag“, erzählt der 54- jährige Stadtallendorfer. Bei den meisten Patienten kam leider jede Hilfe zu spät, „aber acht Menschen sind durch meine Hilfe lebend ins Krankenhaus gekommen“, erinnert sich der Geschäftsführer, der schon seit 1982 bei der freiwilligen Feuerwehr aktiv ist. Er lobt die Zusammenarbeit mit dem Rettungsdienst. „Wir arbeiten miteinander und die Rettungskräfte sind froh, wenn jemand da ist, wenn sie eintreffen.“

Zwischen 300 und 400 Voraushelfer gibt es schon im Landkreis. Die meisten in Marburg und Biedenkopf. „Auf dem Land fehlen schon noch welche“, sagt Erich Wranze-Bielefeld, der sich über weitere Freiwillige freut. Vorkenntnisse sind erwünscht, aber nicht Bedingung. „Durch den Intensivkurs und die jährlichen Weiterbildungen kann es jeder lernen“, sagt der Notfallmediziner. Pro 100 000 Einwohner gibt es im Landkreis jährlich 70 bis 90 Reanimationen. Davon kommen etwa 30 Patienten in die Klinik, zirka 16 davon werden entlassen, 14 davon mit einem „klaren Kopf“, wie der Leitstellenleiter es ausdrückt. In 32 Prozent der Fälle mit Reanimationen war ein Voraushelfer vor Ort. Die arbeiten ehrenamtlich, sind aber versichert. „Wenn sich ein Überlebender bedankt, auch über Bekannte, dann ist das für mich das größte Lob“, sagt Segendorf und packt seine Lebensretter-Tasche wieder ins Auto.

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