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Ostkreis Nach fast 100 Jahren schließt Möbel-Scholl
Landkreis Ostkreis Nach fast 100 Jahren schließt Möbel-Scholl
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14:00 11.06.2021
Endlich wieder Zeit zum Schreinern: Gerhard Scholl schließt zwar das Möbelhaus – Schreinerei und Bestattungsunternehmen bleiben aber weiter geöffnet.
Endlich wieder Zeit zum Schreinern: Gerhard Scholl schließt zwar das Möbelhaus – Schreinerei und Bestattungsunternehmen bleiben aber weiter geöffnet. Quelle: Andreas Schmidt
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Kirchhain

Vor knapp 100 Jahren – 1925 – entwickelte sich aus der damals gegründeten Schreinerei von Johannes Scholl das erste Möbelhaus Scholl in Kirchhain. „Seine Frau Katharina war sehr geschäftstüchtig“, sagt Gerhard Scholl, Enkel des Gründers. „Sie hat mit dem Möbelhandel angefangen. Denn sie hat in der Bahnhofstraße in der Nähe vom Rathaus eine Ladenfläche mit gerade einmal 40, 50 Quadratmetern angemietet, dort aber bereits ein recht großes Sortiment verkauft“, weiß Scholl.

Diese Ära endet nun: Gerhard Scholl hat sich entschlossen, das Möbelhaus zu schließen. „Die Entscheidung ist recht kurzfristig gefallen“, sagt der 66-Jährige. „Vor acht Wochen habe ich an Schließung noch nicht gedacht.“ Aber, so Scholl: „Ich habe das Rentenalter erreicht, mein Stiefsohn wollte das Haus nicht weiterführen“ – also sei die Entscheidung gefallen.

Scholl erläutert: „Bei der Größe unseres Hauses ist der Schritt eigentlich längst überfällig.“ Der Möbelmarkt habe sich gravierend geändert. „Heute fangen die Häuser so bei 15 000 oder 20 000 Quadratmetern an – wir haben nur rund ein Fünftel davon.“

Im Laufe der Zeit kam es immer wieder zu Umzügen. So befand sich die Schreinerei in der Gründungszeit noch in der Schefferstraße. Johannes Scholl verstarb recht früh, doch sein Sohn Hans-Heinz und dessen Mutter Katharina führten die Geschäfte weiter. Und expandierten: Sie kauften ein Haus in der Hofackerstraße – dort, wo später das Kaufhaus Mittler entstehen sollte. „Das Haus wurde nach und nach umgebaut, der Handel ist immer mehr in den Vordergrund getreten“, sagt Scholl. Es wurde das Haus in der Römerstraße 17 mit einer Fläche von 1 000 Quadratmetern „als reines Möbelhaus gebaut. Das war für die damalige Zeit Anfang der 70er schon groß, auf drei Etagen“, sagt Gerhard Scholl. Und bedeutete im Vergleich zur Hofackerstraße mit lediglich 100 Quadratmetern Verkaufsfläche eine Verzehnfachung.

Dann kam es zu einem skurrilen Grundstücksgeschäft: In der Römerstraße gibt es eine Synagoge. „Die Synagoge übernahm die Raiffeisenbank, bekam im Gegenzug ein anderes Gebäude, Mittlers haben von uns die Hofackerstraße bekommen – und unsere Familie erhielt die Synagoge, alles irgendwie im Tausch“, so Scholl. Die Synagoge war bewohnt, der Mann „war am Bauen auf der Röthe. Mein Vater sagte ihm zu, dass er in der Synagoge bleiben könne, bis der Bau fertig sei“: Und wo der Mann ausgezogen war, „gab es das Denkmalschutzgesetz und die Synagoge durfte nicht mehr abgerissen werden, sonst würde sie heute nicht mehr stehen“, sagt Scholl lachend.

Aus der skurrilen Geschichte entwickelte sich jedoch ein viele Jahre währender Streit darüber, wie das anschließende Gebäude auszusehen habe – gegenüber des damaligen Hauses von Möbel-Scholl. „Das Grundstück lag lange brach, mein Vater konnte nichts machen, weil er keine Baugenehmigung bekam“, sagt Gerhard Scholl. Letztlich kam es zur Einigung und es entstand gegen 1975 ein weiterer Teil von Möbel-Scholl, „meine Eltern hatten dort auch ihre Wohnung“. Und: Auch das ehemalige Sparkassen-Gebäude in der Niederrheinischen Straße kam gut zehn Jahre später hinzu. Es gab also dreimal Möbel-Scholl, in drei Gebäuden, getrennt durch zwei Straßen.

Doch Anfang der 80er kam es bereits zu gravierenden Änderungen in der Branche: Hatte man die Möbelhäuser zuvor noch in die Städte integriert, wurden sie auf die „Grüne Wiese“ gestellt, mit großen Verkaufsflächen – Ikea war einer der Vorreiter. Doch Möbel-Scholl hatte weiter „eine sehr treue Stammkundschaft“, sagt Gerhard Scholl.

Dennoch wurde das Gebäude neben der Synagoge umfunktioniert: Dort entstanden nach der Jahrtausendwende Wohnungen sowie der Kinderladen von Scholl. „Mittlerweile sind dort Praxisräume“, sagt Scholl. Und genau dieses Prinzip soll es auch im noch existierenden Haus von Möbel-Scholl in der Römerstraße geben: Oben Wohnungen und unten Praxisräume. Und in der Rheinischen Straße? „Die Fläche steht noch zur Verfügung“, sagt Gerhard Scholl. Denkbar sei beispielsweise eine Großraumpraxis, „auch wegen der ebenerdigen Zugänge“.

Geht Scholl das Aus des Möbelladens nicht nahe? „Doch, sehr. Ich habe die Abwicklung an einen Profi übergeben – und als die Firma anfing, die Schaufenster zu bekleben, musste ich erstmal in den Urlaub fahren“, sagt er. Dennoch sei der Zeitpunkt jetzt genau der Richtige gewesen. Ja, auch Corona habe sein Scherflein dazu getan. Doch insgesamt sei „die Teilung der Häuser mit den kleinen Flächen“ nicht mehr zeitgemäß. Und ein großes Haus mit 20 000 Quadratmetern – „dafür fehlt hier in Kirchhain das Einzugsgebiet“, sagt Scholl.

Er will nun kürzer treten: Schreinerei und Bestattungsunternehmen laufen weiter, „mit sehr guten Mitarbeitern“, sagt er. „Ich freue mich darauf, jetzt auch mal wieder selbst zu schreinern, denn das habe ich seit dem Tod meines Vaters und der Übernahme des Möbelhauses nicht mehr gemacht.“ Und auch auf mehr Freizeit freut sich Gerhard Scholl. „Meine Lebensgefährtin lebt in München – da lässt es sich auch sehr gut aushalten“, sagt er lachend.

Von Andreas Schmidt

10.06.2021
09.06.2021