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Ostkreis Es traut sich nur eine Braut
Landkreis Ostkreis Es traut sich nur eine Braut
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17:58 11.02.2021
Daniela Näcker, Inhaberin von Pronto Brautmoden in Kirchhain, bangt um die Existenz ihrer Branche: „Corona ist unser Untergang“.
Daniela Näcker, Inhaberin von Pronto Brautmoden in Kirchhain, bangt um die Existenz ihrer Branche: „Corona ist unser Untergang“. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Kirchhain

In normalen Jahren gehen rund 300 Kleider (Leihkleider und Verkäufe) über den Ladentisch von Daniela Näcker. Im vergangenen Jahr, mit dem Beginn der Corona-Pandemie, hat der kleine Brautmodenladen in Kirchhain 60 Prozent weniger Umsatz gemacht. Für dieses Jahr hängen in einem kleinen Nebenraum 40 Brautkleider parat – eingepackt in weiße Schutzhüllen, versehen mit Etiketten mit Namen und Daten. Alles Vorbestellungen. Ob die Leihkleider abgeholt werden, weiß Daniela Näcker nicht. Auf die Frage, wie viele Bräute sie sicher für dieses Jahr habe, hebt sie den Daumen. Und es bedeutet nicht „Alles Gut“. „Nur eine“, sagt sie und streicht über den Stoff auf der Schneiderpuppe. „Die Änderungen sind gemacht. Die Braut muss es nur noch abholen“, sagt sie und blickt aus ihrer Werkstatt in den unbeleuchteten Laden. 500 körperlose Hüllen – edle helle Stoffe, von spitze bis schlicht – flankieren auf beiden Seiten den gut 20 Meter langen Ausstellungsraum. Das kleine Schaufenster lässt das Tageslicht nur begrenzt herein. „Das sieht schon irgendwie gespenstisch aus“, sagt sie.

Vor 18 Jahren hat Daniela Näcker ihren Brautmodenladen in Kirchhain eröffnet und während dieser Zeit schon viele Tiefschläge er- und überlebt. Sei es die Konkurrenz aus dem Internet oder das „geänderte Heiratsverhalten“, wie sie es nennt. „Die Leute haben in den vergangenen Jahren immer weniger Geld für ihre Hochzeiten ausgegeben: Die Feiern wurden kleiner, die Kleider schlichter und oft wurde sich nur vor dem Standesbeamten das Ja-Wort gegeben“, erklärt sie. Die Zeiten, dass sich Bräute Hochzeitskleider für 1000 Euro gönnten, seien schon länger vorbei. Das Geschäft mit Leihkleidern sei noch gut gelaufen. Aber die Corona-Pandemie habe alles bisherige übertroffen: „Jetzt ist alles finito“, bedauert die gebürtige Italienerin.

Ihre vier Mitarbeiter musste sie bereits entlassen. „Das war wirklich bitter. Wir waren alle gute Freunde. Aber ich hatte keine andere Wahl“, sagt sie. Es seien nämlich nicht nur die Hochzeitskleider, die in der Corona-Krise seltener gekauft oder geliehen werden. Auch schicke Abendkleider und Anzüge, die Hochzeitsgäste nun mal tragen, hängen weiter auf der Stange. Im Moment beschränkt sich die Arbeit der Brautkleid-Expertin auf das Kürzen von Hosen und das Einnähen von Reißverschlüssen in Arbeits- und Alltagskleidung. Von einer tagesfüllenden Aufgabe oder dem Begleichen ihrer Fixkosten sind diese Aufträge allerdings weit entfernt.

Die so genannten „Novemberhilfen“ sind erst Ende Januar bei der Unternehmerin eingegangen. „Ich habe etwas bekommen. Aber das ist weit entfernt davon die Kosten zu decken“, sagt Daniela Näcker. Sie hofft, dass sie ihren Laden bald wieder aufmachen darf. Das hofft auch ihr Kundenstamm: „Die Leute sind verzweifelt“, weiß Daniela Näcker. Selbst die, die eigentlich nicht auf Näckers Expertise verzichten wollten, suchten mittlerweile im Internet nach einem passenden Kleid beziehungsweise einem Anzug. „Diese Entwicklung ist unser Untergang“, sagt Daniela Näcker. Wenn es nicht bald Lockerungen gebe, werde das Licht im Brautmodenladen in der Borngasse nie wieder angehen: „Dann bin ich endgültig pleite“.

Von Tobias Hirsch

11.02.2021
11.02.2021