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Ostkreis Suche im trockengelegten Flüsschen
Landkreis Ostkreis Suche im trockengelegten Flüsschen
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18:59 16.10.2021
Die künftige Baustelle an der Mühlenwohra nahe der Papiermühle ist bereits eingezäunt.
Die künftige Baustelle an der Mühlenwohra nahe der Papiermühle ist bereits eingezäunt. Quelle: Michael Rinde
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Kirchhain

Gut einhundert Meter lang ist der Bauzaun an der Mühlenwohra in direkter Nachbarschaft zur Papiermühle. In der nächsten Woche fängt eine Baufirma dort mit den Vorarbeiten für die Trockenlegung eines Teiles des Flüsschens an. Das Unternehmen errichtet eine mobile Wassersperre, wie Bürgermeister Olaf Hausmann erläutert. Mit Hilfe eines Rohres wird das Wasser dann abgeleitet.

Ein Experte fängt nach der Trockenlegung dann damit an, Bewohner dieses Teiles der Mühlenwohra umzusiedeln. Er hatte auch die Umweltverträglichkeitsprüfung vorgenommen. Grund für den großen Aufwand: Kampfmittelräumer werden nach der Trockenlegung im Flussbett nach weiterer Weltkriegsmunition suchen und sie bergen – ebenso wie nach weiteren Hinterlassenschaften der Wehrmacht bei Kriegsende (die OP berichtete).

Kampfmittelexperten hatten das Ufer bereits im Januar und Februar intensiv nach Munition abgesucht und waren dabei reichlich fündig geworden. Historische Gasmasken und ein Stahlhelm fanden schließlich ihren Weg in Kirchhains „kleines Dachmuseum“.

Die Fachfirma Tauber, die jetzt auch die weiteren Arbeiten vornimmt, hatte der Stadt Kirchhain dringend dazu geraten, auch in der Mühlenwohra nach weiterer Munition zu suchen. „Es gibt eindeutige Hinweise, dass dort etwas liegt“, sagt Kirchhains Bürgermeister Olaf Hausmann.

Erst wenn der abgetrennte Teil der Mühlenwohra abgefischt ist, treten die Räumungsfachleute in Aktion. Sie werden das Bett des kleinen Flüsschens Stück für Stück absuchen, insbesondere in dem Gebiet, in dem am Uferrand die Munition entdeckt und geborgen worden war.

Stadt muss für den Bund vorlegen

Die Umweltschutzbehörden hätten der Trockenlegung schon im Vorfeld zugestimmt, da sie die Gefahr sähen, die von der Munition unter Wasser ausgehe, so Hausmann. „Die Munition wäre auf Dauer auch eine Gefahr für das Grundwasser“, betont er.

Das Stadtparlament hatte mit dem Nachtragshaushalt auch die Trockenlegung und die Munitionssuche finanziert. Im Etat stehen derzeit 463 000 Euro dafür bereit. Mit etwas Glück wird die Stadt so viel Geld aber nicht brauchen. Denn die Ausschreibungsergebnisse liegen unter den erwarteten Kosten.

Für das Tiefbauunternehmen sind 177 000 Euro vorgesehen, für die Munitionsexperten 110 500 Euro. Weitere 3 000 Euronen kosten Umweltgutachten und Abfischen oder Absammeln von Flussbewohnern. Sollten die Arbeiten aufwendiger werden als gedacht – etwa, weil die Munition tiefer liegt als erwartet oder weil mehr als die geplanten 120 Meter Flussbett abgesucht werden müssen – so gibt es also noch finanziellen Spielraum.

Die Stadt Kirchhain finanziert die gesamte Räumung für den Bund vor. Vorausgesetzt, es findet sich tatsächlich weitere Munition und zwar ausschließlich Wehrmachtsmunition. „Sollten wir alliierte Munition entdecken, was wir nicht erwarten, dann zahlt der Bund dafür nicht“, erläutert Hausmann die Ausgangslage bei der Finanzierung. Außerdem ist unklar, wie lange die Stadt auf ihr Geld wird warten müssen. Denkbar sind Zeiträume von mehr als einem Jahr.

Woher Munition, Waffenreste und Wehrmachtsgegenstände letztlich genau stammen, ist nach wie vor unklar. Die Stadt hält es nach Zeitzeugenberichten für denkbar, dass sich bei Kriegsende ein Munitionslager in der Papiermühle befand, das „fluchtartig“ geräumt wurde – indem man den Inhalt ins Flüsschen kippte. Doch vollständig geklärt ist die Herkunft der Wehrmachts-Hinterlassenschaft nicht.

Am 29. März 1945 hatten sich Wehrmachtseinheiten und alliierte Soldaten in Kirchhain teils schwere Gefechte geliefert. Quellen berichten allein von 40 getöteten Deutschen an jenem verhängnisvollen Tag in der Stadtgeschichte.

Von Michael Rinde

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