Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Von der Alm fast auf die Schlachtbank
Landkreis Ostkreis Von der Alm fast auf die Schlachtbank
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 16.04.2019
Michaela Sack und ihr Lebensgefährte Thomas Bäumler sind rundum glücklich mit dem Haflinger Arcado, den sie vor einem Schlachter in Österreich bewahrt haben. Foto: Nadine Weigel Quelle: Nadine Weigel
Momberg

Doch heute steht der knapp ein Jahr alte Haflinger im Stall von Michaela Sack. Sobald die 48-Jährige die Stalltür öffnet, reckt das kleine Pferdchen den Hals, streckt seinen blonden Schopf über die Stalltür und begrüßt Michaela Sack mit einem heiseren Schnauben.

„Ich bin sehr glücklich, Arcado hat sich super eingelebt“, sagt die Mombergerin und streichelt dem jungen Haflinger über den Kopf. Der schnuppert freudig an der Jacke seiner Retterin und sucht nach Leckerli.
Vor wenigen Wochen ist ­Arcado mit einem Transporter Hunderte Kilometer durch die ­Republik gefahren worden. Von Österreich bis nach Hessen. Rund sieben Stunden verbrachte der Jährling auf der Autobahn. „Wir sind während des gesamten Transportes auf dem Laufenden gehalten worden. Wir haben sogar regelmäßig Fotos gesendet bekommen“, sagt Thomas Bäumler, der Lebensgefährte von Michaela Sack.
Für das Paar aus Momberg ging ein langgehegter Traum in Erfüllung, als die Klappe des Transporters aufging und zwei treue Augen sie ­anblickten.

„Man kann doch nicht einfach Fohlen schlachten"

„Ich wollte schon seit Jahren einem Schlachtfohlen ein Zuhause schenken“, erzählt Michaela Sack. Dazu bewogen haben sie viele Berichte darüber, dass wenige Monate alte Pferdekinder aus Österreich, meistens im Herbst den Weg auf die Schlachtbank finden – und das, obwohl sie kerngesund sind. Für die Landwirte ist der Unterhalt im Herbst und Winter, wenn die Pferde von den Weiden in den Stall kommen, oft zu teuer.
Michaela Sack war geschockt. „Man kann doch nicht einfach Fohlen schlachten, nur weil es einfach zu viele von ihnen gibt. Das ist doch nicht richtig“, findet die tierliebe Friseurin, die auch noch stolze Besitzerin eines Friesen namens „Muck“ und des Shetlandponys „Vegas“ ist.

Unzählige Tierschutzorganisationen kritisieren das Geschäft mit den Schlachtfohlen, das sich, so die Kritik der Tierschützer, aus einer „Überschussproduktion“ von Haflingern und Norikern speise. Jahr für Jahr würden in Österreich und auch in Süddeutschland Hunderte Haflinger und Noriker zum Metzger gefahren. Gründe dafür seien unter anderem, so die Tierschützer, dass die Fohlen den Sommer über gerne als Touristen-Attraktionen auf den Almen präsentiert würden. Kritisiert werden auch die Zuchtverbände. Sie werden dafür verantwortlich gemacht, dass viele Fohlen, die nicht dem züchterischen Schönheitsideal entsprächen, geschlachtet würden. Tatsächlich gibt es viele Viehmärkte in Österreich, bei denen Fohlen nach Italien verkauft werden. Dorthin, wo Pferdefleisch immer noch regelmäßig seinen Weg auf den Teller findet.

„Das ist eine Sauerei“, schimpft Thomas Bäumler und tätschelt Arcados Hals. Der 49-Jährige gebürtige Bayer ist sauer, dass die Praxis der „Schlachtfohlen“ auch noch subventioniert werde. Das zumindest behaupten diverse Tierschutzorganisationen und berufen sich dabei auf das Österreichische Programm für umweltgerechte Landwirtschaft (ÖPUL). Dieses durch EU-Mitteln subventionierte Programm fördert die Erhaltung gefährdeter Nutztierrassen im Alpenland. „Dass die meisten dieser Tiere dann aber auf der Schlachtbank landen, ist wirklich schlimm“, so Bäumler.

Zehntausende Menschen haben im Internet Petitionen an das österreichische Landwirtschaftsministerium unterzeichnet, um „die Fohlenproduktion für den Schlachthof zu stoppen“, wie es heißt. Eine Nachfrage der OP beim österreichischen Landwirtschaftsministerium blieb bislang unbeantwortet.

Masche mancher Metzger

Zahlreiche Tierschutzorganisationen fahren zu den Viehmärkten, um dort Fohlen „freizukaufen“. Michaela Sack und Thomas Bäumler haben ihren Arcado­ von Privatpersonen vermittelt bekommen. Die Momberger haben 950 Euro für den einjährigen Haflinger bezahlt, plus  rund 400 für den Transport nach Deutschland.

„Uns hat nie jemand unter Druck gesetzt. Dann hätten wir das auch nicht gemacht. Wir hatten lange Zeit Kontakt mit den Vermittlern, bis wir uns für Arcado entschieden haben, und wir stehen mit diesen Menschen noch immer in Kontakt“, so ­Michaela Sack.

Sie spielt auf eine gängige Masche mancher Metzger an, die ihre Tiere über das Internet an tierliebe Menschen verkaufen – und so oftmals einen viel höheren Preis erzielen, als der Kilopreis des Schlachttieres ergeben hätte. Erst im vergangenen Jahr deckte der NDR die Mitleidsmasche eines Pferdehändlers aus Baden-Württemberg auf, der auf Facebook das weiche Herz von Tierfreunden ausnutzte. Nach dem Motto: „Wenn sich bis Sonntag kein Käufer findet, wird das arme Pferd am Montag geschlachtet“, zockte der Mann zahlreiche Käufer ab. Denn viele der Pferde durften laut Equidenpass gar nicht geschlachtet werden.

Michaela Sack und Thomas Bäumler betonen, dass sie nicht moralisch erpresst wurden. „Wir haben Arcado von Privatpersonen vermittelt bekommen. Nicht über solch eine Masche. Im Internet muss man vorsichtig sein. Da muss man aufpassen“, wissen die beiden.

Sie sind glücklich mit dem hübschen Haflinger. So glücklich, dass sie überlegen, „Wiederholungstäter zu werden“ und noch ein weiteres Schlachtfohlen zu retten.

von Nadine Weigel