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Ostkreis Mit Countrymusik fährt es sich besser
Landkreis Ostkreis Mit Countrymusik fährt es sich besser
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00:17 21.05.2019
Ralf Kalabis-Schick ist Trucker aus Leidenschaft. Der Fernfahrer ist Woche für Woche in Deutschland und Europa unterwegs.  Quelle: Katja Peters
Stadtallendorf

„Herzlich Willkommen in meinem Wohnzimmer!“ Damit meint Ralf Kalabis-Schick das Führerhaus seines 40-Tonners. Hinter den beiden Sitzen ist über die gesamte Breite sein Bett, zwischen den Sitzen sein Kühlschrank mit Eisfach. Darin liegen proportioniert Brot – vier Scheiben pro Tag – verschiedene Wurstsorten – abgepackt, damit es nicht anfängt zu riechen – Margarine, Getränke. Außerdem sind noch eine kleine Kaffeemaschine, ein Wasserkocher, ein Umwandler, ein Fernseher und Fotos seiner Tochter Matti mit an Bord.

Ralf Kalabis-Schick ist Trucker aus Leidenschaft. Foto: Katja Peters

Es ist Montagmorgen, 8 Uhr. Ralf Kalabis-Schick ist schon seit etwa drei Stunden auf den Beinen. Die Nacht hat er auf dem Betriebshof verbracht. Jeden Sonntag verabschiedet er sich noch vor dem Tatort von seiner Frau und den beiden Töchtern. „Zu Hause ist immer was los. Hier kann ich in Ruhe schlafen. Meistens muss ich ja schon gegen zwei oder drei Uhr starten“, erklärt der 47-Jährige. Heute hat er eine Tagestour, fährt Süßwaren zum Verpacken zu einem Dienstleister in Thüringen, bringt von dort verpackte Ware wieder mit nach Stadtallendorf. Sonst fährt er die komplette Woche durch Deutschland und Europa. 

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„Wir sind in diesem Land nichts wert. Dabei funktioniert ohne uns gar nichts in der Wirtschaft.“

Noch bevor er den Motor das erste Mal startet, heißt es: Abfahrtskontrolle. Reifen, Bremsen, Lampen – all das überprüft der Berufskraftfahrer, bevor sich das tonnenschwere Gefährt in Bewegung setzt. Schon um halb sechs war er in Stadtallendorf zum Laden. Das Verfahren dort ist streng durchgetaktet. „Ist man nur ein paar Minuten zu spät, dann darf man sich hinten anstellen“, weiß er aus Erfahrung. Heute läuft alles nach Plan, um 8 Uhr verlässt er den Betriebshof Richtung Thüringen.

Sechs Spiegel zum Beobachten

Seine Augen kontrollieren permanent den Straßenverkehr. Über insgesamt sechs Spiegel kann er sowohl den nachfolgenden Verkehr beobachten als auch das, was „unterhalb“ passiert. Mit dem über der Frontscheibe kann er genau sehen, was vor seinem Lkw passiert – Fußgänger, Radfahrer und den Abstand zum Vordermann. „Jetzt sieht er nur noch den Stern auf dem Kühler“, sagt Ralf Kalabis-Schick lachend, als er bei Rot anhalten muss und er gefühlt die Stoßstange des Autos vor ihm berührt. „Das ist noch mindestens ein Meter“, betont der Mardorfer augenzwinkernd und wird wieder ernst: „Wir müssen auf alle gucken im Straßenverkehr: Autos, Fahrradfahrer, Fußgänger und immer vorausschauend fahren. Es ist ein täglicher Wahnsinn!“

Dass Lkw-Fahrer in Deutschland so einen schlechten Ruf haben, kann er nicht verstehen. „Wir sind in diesem Land nichts wert. Dabei funktioniert ohne uns gar nichts in der Wirtschaft“, ärgert er sich schon manchmal über unqualifizierte Kommentare in den sozialen Medien oder in der Presse. Denn in anderen europäischen Ländern ist das ganz anders. In der Schweiz hat sein Job einen sehr hohen Stellenwert. „Da heißen wir auch nicht Lkw-Fahrer, sondern Chauffeur.“

Ralf Kalabis-Schick in seinem „Wohnzimmer“. Er ist Trucker aus Leidenschaft und fährt die ganze Woche durch Deutschland und Europa. Foto: Katja Peters

Als Ralf Kalabis-Schick die Anzeige auf Platt von der Spedition Kautetzky gelesen hatte, bewarb er sich sofort. Denn er hatte bereits den Führerschein und alle notwendigen Qualifikationen in der Tasche. Seinen Job als Verkaufsleiter für Fenster und Türen hatte er satt. Er rauchte Kette, trank zu viel Kaffee und hatte nur den Telefonhörer am Ohr. Als er den Geschäftsführer Gert Kautetzky auf Platt begrüßte, war das Eis gebrochen und er bekam den Job. Blauäugig war er nicht, hatte vorher mit Kautetzky-Mitarbeitern aus seinem Freundeskreis gesprochen. Jetzt raucht er wesentlich weniger, trinkt nur noch zwei Tassen Kaffee am Tag und lebt ruhiger.

Um 9 Uhr fährt er auf die A5 Richtung Osten. Das können die Kollegen im Büro in Stadtallendorf auch verfolgen. Über das Fleetboard wissen sie zu jeder Tages- und Nachtzeit, wo sich ihr Fahrer aufhält. Ein Problem hat er damit nicht. „Im Gegenteil. Dann wird nicht permanent angerufen und nachgefragt“, sagt Ralf Kalabis-Schick. „Klar haben wir Zeitvorgaben, aber ich kann auch nicht zaubern. Wenn Stau ist, ist Stau.“ Und er weiß, dass sein Chef das genauso sieht.

"Verhungern" auf dem Beschleunigungsstreifen

Auf Risiko fahren soll bei Kautetzky niemand. Und auch die sogenannten „Elefanten-Rennen“ sollen vermieden werden. „Ich überhole nur, wenn ich deutlich schneller bin“, erklärt Ralf Kalabis-Schick. Wie schnell sein Vordermann unterwegs ist, das sagt ihm der Bordcomputer. Der berechnet genau den Abstand, die Geschwindigkeit und piept, wenn er zu lange über 90 Stundenkilometer fährt. Denn Regelverstöße werden bis zu 28 Tage lang auf seiner Fahrerkarte sowie dem Lesegerät gespeichert und können im Nachhinein geahndet werden.

Um 9.44 Uhr verlässt er die Autobahn und lenkt den Lkw über die Bundes- und Landstraßen, durch die kleinen Orte. Beim Abbiegen muss nicht selten der Gegenverkehr warten. „Ich muss viel weiter ausholen und länger geradeaus fahren“, erklärt Ralf Kalabis-Schick. Wenn er und seine Kollegen das nicht tun würden, dann gäbe es viele kaputte Ampeln oder Hausecken in Deutschland und der Welt.

Die Kühlung muss regelmäßig gereinigt werden. Foto: Katja Peters

Der Fernfahrer ärgert sich über Lichthupen von entgegenkommenden Autofahrern beim Abbiegen, wenn sie ihn auf dem Beschleunigungsstreifen „verhungern“ lassen und er dann nicht auf die Autobahn fahren kann, wenn bei einem Unfall seine Kollegen aus Osteuropa keine Rettungsgasse bilden, sondern dreist am Stau auf der Mittelspur vorbei fahren oder ein Pkw-Fahrer sich noch schnell zwischen zwei Lkw drängt, wenn vorne der Verkehr schon zum erliegen kommt. „Das ist Selbstmord!“, und für ihn die kritischste Situation im Verkehr. Denn wenn hinter ihm einer zu spät auf den Stau reagiert, dann kann das fatale Folgen haben. Gleiches gilt für nächtliches Parken an Ein- und Ausfahrten von Rastplätzen. Das kommt für ihn nicht in Frage. 

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„Auf die Straße gucken und den Lkw lenken ist meine Arbeit.“

Um 10.30 Uhr rangiert Ralf Kalabis-Schick den 40-Tonner zentimetergenau an die Rampe des Dienstleisters. Für ihn selbstverständlich, für einen Außenstehenden Zauberei. Als das Gespann steht, schiebt er gefühlt zeitgleich das Lenkrad nach oben, öffnet die Tür und „rutscht“ aus der Fahrerkabine. Die Mitarbeiter haben ihn schon erwartet. Nach einer halben Stunde verlässt er das Gelände. Auf dem Weg zur nächsten Station hält er noch einmal an. Der Mardorfer holt einen Besen raus und kehrt den Auflieger aus – Holzspäne, Staub, Folienfetzen. Macht er das nicht, dann wird der Dreck von der Kühlung angesaugt und verdreckt diese. Das bedeutet Ausfall und Reparaturkosten.

Zehn Minuten vor zwölf steht er an der nächsten Rampe und beobachtet genau, wie sein Auflieger beladen wird. Palette für Palette schiebt der Dienstleister mit dem Stapler die Ware in den meterlangen Anhänger. Ralf Kalabis-Schick informiert per App auf seinem Smartphone den Disponenten in Stadtallendorf darüber. Gerade einmal eine Viertelstunde später sitzt er wieder hinterm Lenkrad und bugsiert den 40-Tonner über die schmalen Straßen und Kurven im Gewerbegebiet. Vorher hat er noch die gefrorenen Brotscheiben für den Tag aus dem Eisfach geholt. Als er an einem anderen Lkw vorbeifährt, fällt ihm ein platter Reifen auf. Sofort hält er an, informiert den Fahrer. Der bedankt sich. „So läuft das. Wir Trucker halten zusammen und passen auf“, erklärt er.

Vor dem nächsten Laden muss der Auflieger ausgefegt werden. Foto: Katja Peters

Um 13 Uhr macht er eine erste offizielle Pause. Denn das Warten beim Ab- und Aufladen ist Arbeitszeit. Auf einem Rastplatz bei Eisenach werden die vier Brote geschmiert und im Führerhaus gegessen. Danach geht es raus, ein bisschen frische Luft schnappen, rauchen, Nachrichten auf dem Handy checken. Angst hat er keine, wenn er irgendwo in Deutschland auf einem Rastplatz steht. Auch nicht nachts. „Ich steige nicht aus, wenn ich hören sollte, dass jemand am Lkw rummanipuliert. Außerdem schlafe ich sehr gut“, sagt er und steigt wieder ein.

Weiter geht es nach Stadtallendorf – mit Countrymusik von Keith Urban. „Bei Tempo 90 ist das total entspannend“, hat Ralf Kalabis-Schick festgestellt. Ob er dabei manchmal ins Grübeln kommt? „Nein! Nicht, wenn die Musik gute Laune verbreitet“, sagt er aus voller Überzeugung. Und ist es nicht auch manchmal langweilig? Auch das verneint er: „Auf die Straße gucken und lenken ist meine Arbeit“, stellt er klar. Um 15.20 Uhr fährt er in Stadtallendorf auf den Betriebshof, spannt den Auflieger ab, macht sich bettfertig. Um 1 Uhr klingelt der Wecker und er muss wieder los – nach Minden.

von Katja Peters