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Ostkreis Haft zur Bewährung ausgesetzt
Landkreis Ostkreis Haft zur Bewährung ausgesetzt
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18:39 02.03.2020
Im Prozess um einen handfesten Streit mit einer Mistgabel wurde das Urteil gesprochen. Quelle: Foto: Katharina Kaufmann-Hirsch
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Marburg

Die Verhandlung um den Mann, der im Jahr 2018 seinen Nachbarn mit einer Mistgabel angegriffen haben soll, wurde am Marburger Landgericht unter Vorsitz von Dr. Frank Oehm fortgesetzt. Der Angeklagte, der zum Prozessauftakt geschwiegen hatte, erklärte nunmehr, er habe wegen eines Rechtsstreits um einen Komposthaufen Post vom Gericht bekommen und daraufhin mit seinem Nachbarn reden wollen. Da dieser ihm schon in der Vergangenheit bei Konfrontationen aus dem Weg gegangen sei, habe der Angeklagte die Mistgabel in den Nachbargarten mitgenommen, um den Nachbarn am Ausweichen zu hindern. Der Angeklagte berichtete, er sei auf den Geschädigten, der in einem Liegestuhl lag, zugegangen. Als sich der Angeklagte kurz umdrehte, habe das Opfer die Zinken der Mistgabel gegriffen und sei nach kurzem Gerangel von seiner Liege gerutscht.

Als der Angeklagte einen kleinen Tropfen Blut an der Nase seines Kontrahenten sah, habe er von ihm abgelassen. Im weiteren Verlauf der Verhandlung kam auch der Geschädigte zu Wort. Laut seiner Aussage habe er sich reflexartig durch das Heben seiner Füße und dem Griff zu den Zinken der Mistgabel gewehrt, nachdem der Angeklagte gesagt hatte: „Ich habe wieder Post vom Gericht, jetzt stech‘ ich dich ab“. Nach einem Gerangel sei er mit dem Stuhl umgefallen und daraufhin von dem Angeklagten in den Rücken getreten worden. An der Mistgabel habe er sich verletzt, als er versuchte, diese von sich wegzudrücken.

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Geld für den guten Zweck

Auch zwei Sachverständige wurden befragt: Ein Arzt erklärte, der Geschädigte habe 21 oberflächliche Verletzungen erlitten, die auf einen längeren Kampf hindeuteten. Die Verletzungen sprächen jedoch nicht dafür, dass der Angeklagte vorgehabt hätte, sein Opfer zu töten. Der Psychiater, der mehrmals mit dem Angeklagten gesprochen hatte, erklärte, er erkenne bei ihm eine kognitive Störung, die dazu führe, dass er sich auf Themen versteife und aggressive Impulse nicht richtig steuern könne. Die Ermittlungsrichterin berichtete, der Angeklagte habe nach der Tat durchaus betroffen gewirkt, und der Geschädigte sei eher wütend als ängstlich gewesen.

Am Ende entschuldigte sich der Angeklagte beim Geschädigten und gab zu, den Komposthaufen verwüstet zu haben, was er bisher immer abgestritten hatte. Sein Nachbar sagte, er wolle sehen, wie ernst es dem Angeklagten mit der Entschuldigung sei, sah ihn jedoch auf einem guten Weg. Vor der Entscheidung des Gerichtes einigten sich die Vertreter beider Parteien auf einen sogenannten Schuldanerkennungsvertrag, demzufolge der Angeklagte seinem Nachbarn 2000 Euro zukommen lassen soll. Der Geschädigte betonte, er wolle das Geld für einen guten Zweck spenden.

Die Staatsanwaltschaft plädierte auf gefährliche Körperverletzung und versuchte Nötigung mit einer Strafe von einem Jahr und zehn Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt werden sollte. Der Anwalt des Geschädigten schloss sich den Forderungen des Staatsanwaltes an und forderte eine Bewährungszeit von drei Jahren. Der Verteidiger betonte in seinem Plädoyer, sein Mandant habe den Nachbarn nicht töten wollen und die Mistgabel nur mitgenommen, da er sich verbal unterlegen sah. Er sprach sich für die Zahlung an den Geschädigten aus und bat das Gericht darüber hinaus, die kognitiven Einschränkungen sowie die Einsicht seines Mandanten bei der Urteilsfindung zu berücksichtigen. Schon die – aus Sicht des Verteidigers unnötige – Untersuchungshaft habe seinem Mandanten sehr zugesetzt.

Der Angeklagte wurde schließlich wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit versuchter Nötigung zu einer einjährigen Freiheitsstrafe mit einem Bewährungszeitraum von drei Jahren verurteilt. Zudem trägt er die Kosten des Verfahrens und wird 2000 Euro im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs zahlen. Die Beteiligten erklärten den Verzicht auf Rechtsmittel.

Von Noa Pötter

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