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Ostkreis Bürgermeister glaubt weiter ans „Filetstück“
Landkreis Ostkreis Bürgermeister glaubt weiter ans „Filetstück“
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11:58 25.08.2020
Das Atmen-Gelände am Fuße des Basaltkegels, auf dem Amöneburg angesiedelt ist. Quelle: Fotos: Florian Lerchbacher
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Amöneburg

Vor einigen Jahren übernahm die Stadt Amöneburg das Gelände des ehemaligen Steinbruchs, kümmerte sich weiter um die dortige Erddeponie und hatte ein großes Ziel: Investoren anlocken beziehungsweise das „Filetstück“ vermarkten. Bisher klappte das nicht. Grund genug, mit dem „Vater“ des Projektes – also Bürgermeister Michael Plettenberg – ein Gespräch zu führen und die Situation zu beleuchten.

Ein Vergnügungspark mit Affengehege wollten die Bürger nicht, gegen ein Biohotel sprachen sich die Stadtverordneten aus, und auch das ursprüngliche Konzept für das Atmen-Gelände mit großer Veranstaltungsfläche und einem See stieß bei möglichen Investoren offenbar nicht auf Gegenliebe. Wie geht es weiter mit dem Atmen-Gelände, welche alternativen Ansätze und Ideen haben Sie?

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Bei dem Projekt Erlebnispark der Familie Görge ging es nicht wirklich um einen „Vergnügungspark“, der auf einer Fläche dieser Größe gar nicht unterzubringen ist. Es ging um eine hochattraktive Sommerrodelbahn, die ihresgleichen gesucht hätte, sowie Zusatzattraktionen wie die Tiergehege und das Ganze auf einem naturnah zu gestaltendem Gelände mit strengen Regeln für eine Bebauung. Dass sich alle Welt, auch die Presse, auf den Begriff „Affenpark“ gestürzt hat, ändert nichts an diesen Fakten. Mit der Familie Görge hatten wir einen phantastischen und regionalen Investor an unserer Seite, der bereit war, recht viele kommunale Belange in sein Konzept zu übernehmen. Die ehrenamtliche Stadtpolitik hat jedoch tatenlos zugeschaut, wie dieser Investor von interessierten Kreisen öffentlich „gegrillt“ wurde, obwohl man ihn mehrheitlich wollte.

Ich behaupte weiterhin, dass auf die Gesamtbevölkerung bezogen nur eine Minderheit gegen das Projekt war. Selbstverständlich werde auch ich weitere Ideen entwickeln. Schließlich habe ich mal gesagt, dass ich so lange Bürgermeister bleiben will, bis das Projekt Steinbruch zum Erfolg gebracht worden ist. Momentan habe ich jedoch etwas Zweifel, ob man das bei den hier herrschenden Rahmenbedingungen in einem „Bürgermeisterleben“ überhaupt schaffen kann.

Es dauerte nicht lange, bis Kritik an den Plänen für den Vergnügungspark wach wurde. Schreckt das potenzielle Investoren ab, oder gibt es eine realistische Chance zur Vermarktung?

Ich hoffe das natürlich nicht. Ich für meine Person werde alles daransetzen, dass das nicht passiert. Die Stadtverordnetenversammlung hat jedoch, getrieben von einem großen Misstrauen, jegliche Entscheidungskompetenz in Sachen Steinbruch an sich gezogen, obwohl man keine gemeinsame Vision hat. Im Hintergrund stehen die Fraktionen bei dem Projekt immer noch auf der Bremse und sorgen dafür, dass jetzt schon im zweiten Jahr die Rekultivierungsarbeiten gestoppt sind. Statt nach vorne zu schauen streiten wir uns zum Beispiel über umsatzsteuerrechtliche Details, und es werden Vorwürfe gegen mich und den Magistrat verteilt, zuletzt in einem von Herrn Winfried Nau für die Fraktionen formulierten Schreiben an die Kommunalaufsicht, in dem der Magistrat beschuldigt wird, er habe durch die Vergabe der Rekultivierungsarbeiten an ein Erdbauunternehmen der Stadt einen Millionenschaden beschert.

Bisher gab es viel Kritik an unterschiedlichen Ansätzen. Hat sich die Stadt verhoben beziehungsweise ist der Ansatz zu groß für eine Kleinstadt wie Amöneburg?

Nein, keineswegs. Ich stehe nach wie vor auf dem Standpunkt, dass es sich um ein besonderes und einmaliges Areal handelt, auch wenn es objektiv bewertet aktuell keinen Millionenwert hat. Doch es hat mit dieser Größe und seiner wirklich besonderen Lage weiterhin Potenzial für ein großartiges touristisches Angebot, das für das gesamte Marburger Land Wirkung entfalten wird.

Bei ihrem Aufbegehren gegen den Vergnügungspark haben die Amöneburger angeregt, sich selber um die Zukunft des Geländes zu kümmern und einige Vorschläge gemacht. Was halten Sie davon?

Die Weichen für das Projekt hat die Stadtverordnetenversammlung im Jahr 2014 gestellt und im Rahmen der Planung die Schranken für eine spätere Nutzung gesetzt. Jetzt, wo nach einem recht langen Planungsprozess endlich der Bebauungsplan in Kraft getreten ist, macht es keinen Sinn, die öffentlichen Workshops mit Bürger*innen von damals heute mit Menschen zu wiederholen, die seinerzeit vielleicht noch gar nicht hier gewohnt haben.

Auch wenn die Kosten für das Projekt genialerweise aus dem Projekt selbst erwirtschaftet werden konnten, sind doch immerhin schon 500 000 Euro in das Projekt gesteckt worden. Allein schon deshalb sind wir alle gemeinsam zum Erfolg verpflichtet. Und den erreicht man meines Erachtens weniger dadurch, dass man neue Diskussionsforen aufmacht, sondern sich konsequent auf neue Investoren einstellt.

Die Politik ist sich zumindest sehr überwiegend darüber einig, dass das Projekt am Ende mit privatem Geld umgesetzt werden soll. Also ist in dieser Phase vor allem die Auseinandersetzung mit den Ideen von Investoren wichtig. Natürlich müssen Investoren ihre Pläne transparent und öffentlich vorstellen. Ein Wunschkonzert für Einzelne oder Interessengruppen kann es nicht geben.

Glauben Sie, dass die Amöneburger diese Vermarktung überhaupt wünschen?

Die Politik muss immer die Argumente von Menschen, auch denen, die lautstark, teils auch aggressiv gegen öffentliche Projekte kämpfen, anhören und muss sich dem Gespräch stellen. Wir erleben aber auch hier einen Niedergang politischer Kultur, wenn jede noch so kleine Initiative für sich reklamiert, das Volk zu sein. Politik muss auf kluge Weise verhindern, dass diese Menschen zu Unrecht die Deutungshoheit erlangen. Zur Aufgabe der Politik und der gewählten Mandatsträger zählt es, auch mal Widerstände auszuhalten und der schweigenden Mehrheit eine Stimme zu geben, mit dem Ziel übergeordnete Allgemeininteressen zur Umsetzung zu verhelfen.

Stolz war ich im Januar 2017, als alle drei Fraktionsvorsitzenden in einer Bürgerversammlung fast 200 aufgebrachten Windkraftgegnern gegenüberstanden und Position bezogen, anstatt sich wegzuducken. Leider sind solche starken Augenblicke in der Politik hier in Amöneburg eher selten.

Wie sieht es aus mit dem Kosten-Nutzen-Faktor?

Die Idee, den Steinbruch zu einer touristischen Attraktion zu entwickeln, ist nie vorrangig aus monetären Überlegungen heraus entwickelt worden. Vorrangig handelte es sich um eine strukturpolitische Entscheidung. Natürlich soll kein betriebswirtschaftliches Minus entstehen, das ist doch klar. Vielmehr soll langfristig auch ein dickes volkswirtschaftliches Plus entstehen, und das wird, wenn wir einen Investor mit einem geeigneten Konzept finden, immens sein. Trotz momentanem Frust bin ich zuversichtlich, dass das gelingen wird. Auch wenn das Projekt schon seit sechs Jahren in der Diskussion ist, haben wir erst jetzt den Punkt erreicht, wo das Grundstück bebaubar und marktfähig ist. Von daher ist keine Zeit vertrödelt worden.

Wie viel Geld hat die Stadt bisher mit dem Gelände erwirtschaftet und wie viel beispielsweise für die Planungen oder die Vermarktung des Atmen-Projektes ausgegeben? Glauben Sie, das Gelände wird jemals Geld in die Kasse spülen?

Aktuell wurden seit Projektbeginn etwa 500 000 Euro an Einnahmen erzielt, und es sind genauso viel an Ausgaben entstanden. Bis zum Abschluss der Rekultivierung wird sich das jeweils noch erhöhen. Ich rechne fest damit, dass sich das Projekt am Ende aus sich selbst heraus finanzieren wird, und das wäre eine großartige Leistung.

Von Florian Lerchbacher

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