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Landkreis Ostkreis Komm, lass 
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13:59 03.10.2019
Christina Stettin (links) und Elena Zarges wollen eine Telefon-Hotline für pflegende Angehörige initiieren. Quelle: Florian Lerchbacher
Mardorf

Die Mardorfer Bürgerhilfe gilt im Landkreis als vorbildlich. Ihr Angebot ist breit: Sie unterstützt Menschen durch Helfer im Alltag und bietet eine Art Sportgruppe für Demenz-Erkrankte an.

Ein Ziel dieser Initiative ist es, den pflegenden Angehörigen auch einmal wenige Stunden der Entlastung zu bieten.

„Oft schaut man nur auf die Menschen mit Pflegebedarf. Und die pflegenden Angehörigen geraten nicht selten aus dem Blick“, sagt Koordinationskraft Christina Stettin und betont, dass deren Belastung oftmals extrem hoch sei, da sie auch noch in Beruf und Familie eingespannt sind: „Oft gibt es einen Rollenkonflikt. Man ist Tochter, Mutter, Angestellte und Pflegekraft in einem – und hat entsprechend wenig Zeit für sich selbst.“ 

Oder im schlimmsten Fall gar keine. „Viele Menschen erkennen die eigenen Bedürfnisse erst sehr spät. Sie fühlen sich komplett verantwortlich und haben eine hohe Erwartungshaltung an sich selber.“

Wenn das schlechte Gewissen einen plagt

Aus diesem Grund will sie gemeinsam mit Elena Zarges ein neues Angebot aus der Taufe heben, um für Entlastung zu sorgen: Eine Selbsthilfegruppe, in der pflegende Angehörige sich Zeit für sich selber nehmen, mit „Leidensgenossen“ austauschen und vernetzen können – und vielleicht auch einmal Dampf ablassen bei Menschen, die sich in ähnlichen Lebenssituationen befinden.

Konkurrenz zum Angebot der Alzheimer-Gesellschaft sei dies nicht, hebt Stettin hervor. Es richte sich schließlich an alle pflegenden Angehörigen und nicht nur an die von Demenz-Erkrankten. „Das schlechte Gewissen plagt pflegende Angehörige sehr oft: Sie fragen sich, ob sie wirklich alles investieren, was sie können, ob sie alles richtig machen, ob nicht vielleicht noch mehr gehen würde“, wirft Hildegard Kräling ein, die stellvertretende Vorsitzende des Bürgervereins.

Betreuung während Treffen gewährleistet

Sie stellt heraus, dass es durchaus auch Momente gebe, in denen Angehörige mächtig wütend auf die zu pflegenden Angehörigen seien und vielleicht gar Aggressionen empfinden: „Auch darüber sollen sich die Menschen austauschen. In unserer Gruppe gibt es keine Vorwürfe. Man muss darüber reden und bekommt von anderen Betroffenen am besten noch Tipps, wie man mit der Situation am besten umgeht.“

Entsprechend lautet das Motto: „Pflegender Angehöriger – sein und bleiben. Wer könnte Sie besser verstehen als Menschen, denen es ähnlich geht?“ Damit sich die pflegenden Menschen während der Gesprächsrunden, die einmal im Monat stattfinden sollen, auch wirklich nur auf sich konzentrieren können, bietet die Bürgerhilfe während dieser Zeit eine Betreuung an – einzeln oder in der Gruppe. Ein Kennenlernabend ist für Sonntag, 13. Oktober, ab 17 Uhr im Schwesternhaus geplant.

Telefon-Hotline: Dampf ablassen und Hilfe erhalten

Doch damit nicht genug: Stettin und Zarges wollen eine Telefon-Hotline aus der Taufe heben für pflegende Menschen, die plötzlich ein Ventil brauchen, um Frust abzulassen. „Wenn die Angehörigen verzweifelt sind, vielleicht sogar wütend oder gewaltbereit – dann sollen sie uns anrufen können“, sagt Stettin. Ihre Aufgabe sei es dann zuzuhören, die „erste Spitze“ der Aggression wegzunehmen und zu beruhigen, erläutert Zarges.

Ein zweiter Schritt sei die praktische Hilfe, beispielsweise durch Vermitteln von Kontakten zu Pflegestützpunkten, zum Hausarzt oder zur ambulanten Pflege – also quasi als Lotse zu fungieren: „Die Menschen sollen wissen, dass es am Telefon jemanden gibt, der zuhört und auch helfen kann.“

Initiatorinnen sind im Thema ausgebildet

Die Qualifikation für diese Aufgabe haben Zarges und Stettin. Sie sind sogenannte „Case Manager“, als von der „Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management“ ausgebildete Menschen, die „bedarfsentsprechend“ für Unterstützung, Behandlung, Begleitung, Förderung und Versorgung von Menschen sorgen können.

Stettin ist sogar zertifizierte Dozentin – die einst ihre heutige Mitstreiterin ausbildete. Zarges studierte Gesundheits- und Pflegewissenschaften und hospitierte bei der Bürgerhilfe. Ihre Hoffnung: „Wenn unsere Selbsthilfegruppe gut läuft, braucht man wenig Krisenintervention.“     

  • Die Mardorfer Bürgerhilfe bittet für den ­Kennenlern-Abend um Anmeldung: telefonisch unter 06429/8291541, per Fax an 06429/8291542 oder per E-Mail an 
buergerhilfe-amoeneburg@t-online.de

von Florian Lerchbacher