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Ostkreis „Dreiklang“ kommt Senioren zugute
Landkreis Ostkreis „Dreiklang“ kommt Senioren zugute
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13:58 12.07.2021
Gemeinsam handeln zum Wohl der Senioren - dieses Prinzip leben Wolfgang Schwalbe (von links), Daniela Petri, Burkhard Wachtel, Christina Stettin, Elisabeth Rhiel-Stempfle, Hans Loock und Hildegard Kräling.
Gemeinsam handeln zum Wohl der Senioren - dieses Prinzip leben Wolfgang Schwalbe (von links), Daniela Petri, Burkhard Wachtel, Christina Stettin, Elisabeth Rhiel-Stempfle, Hans Loock und Hildegard Kräling. Quelle: Florian Lerchbacher
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Mardorf

Rund elf Jahre ist die Gründung des Bürgervereins „Leben und Altwerden in Mardorf und Umgebung“ her, dessen wichtigste Säule die Bürgerhilfe ist: Ehrenamtliche Helfer kümmern sich rührend um ältere Mitmenschen und helfen ihnen, ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben in ihrem eigenen Zuhause zu führen.

Doch was passiert, wenn die Unterstützung eines Tages nicht mehr reicht? Auch dann gibt es vor Ort Lösungen: zum Glück für die Senioren in Form zweier Anbieter, die mit der Bürgerhilfe Hand in Hand arbeiten. Die Tagespflegeeinrichtung AurA ist ins Neubaugebiet des Dorfes gezogen – und wurde Nachbar einer Pflege-Wohngemeinschaft, die das Pflegeteam Conny Ridder betreut.

Platz für zwölf Menschen

Drei Vollzeitpflegekräfte und eine Betreuungskraft kümmern sich pro Schicht um die Bewohner. Theoretisch ist in der Einrichtung Platz für zwölf Menschen, aber derzeit sind vier Plätze nicht belegt. Eine Besonderheit: Die Angehörigen sind Verwalter der Einrichtung, die den Pflegedienst quasi anstellen.

Der Vorteil für hilfsbedürftige Menschen in Mardorf und Umgebung: Bürgerhilfe, Tagespflegeeinrichtung und Pflege-WG arbeiten Hand in Hand. Christina Stettin, Koordinationskraft der Bürgerhilfe, spricht von einem „Pflege-Dreiklang“, der aus ihrer Sicht selbstverständlich sei, denn Kooperationen wie diese ermöglichen es Senioren, wenn schon nicht im eigenen Heim, dann zumindest in ihrem Heimatort zu bleiben: „Wir haben doch alle das gleiche Ziel.

Alle Stationen durchlaufen

Was wir hier bieten, ist wie ein kleiner Stufenplan im Bereich der Unterstützung.“ Eine Einstellung, die laut Hildegard Kräling, Vorsitzende des Amöneburger Seniorenbeirats, nicht hoch genug zu loben ist.

Es gab auch schon Bürger, die alle Stationen des „Dreiklangs“ durchlaufen mussten, berichtet Stettin. Eine Frau habe die Schulung zur Bürgerhelferin durchlaufen und dabei bemerkt, dass ihr Mann unter einer angehenden Demenz leide. Sie habe daraufhin die über den Bürgerverein ausgerichtete Angehörigengruppe der Alzheimer-Gesellschaft besucht und habe auch die Freitags-Betreuung genutzt: „Als er nicht mehr zu uns kommen konnte, weil er zu krank war, ging er in die AurA und später in die WG.“

Die Vorteile

So hätten Frau und Kinder den Kontakt in der gewohnten Umgebung Mardorfs pflegen können, bis der Mann verstarb: „Auch wenn sie eigentlich keine Hilfe annehmen wollte, so war sie aber nie unbegleitet“, betont Stettin.

„Er konnte in der Heimat bleiben – und es war auf Spaziergängen deutlich anzumerken, dass heimatliche Gefühle bei ihm aufkamen, auch wenn er nicht mehr im eigenen Zuhause lebte“, ergänzt Daniela Petri, leitende Fachkraft der Pflege-WG, während AurA-Leiter Hans Loock die Vorteile der „Kleinräumigkeit“ eines Dorfes herausstellt und Burkhard Wachtel, der Vorsitzende des Bürgervereins, hinzufügt, dass niemand im Alter „verpflanzt“ werden wolle. „Es ist ein Segen, dass wir ein solches Angebot vor Ort haben. Das Alter verliert so etwas von seinem Schrecken“, freut sich Kräling.

Integrierter in Mardorf

Natürlich können sich Menschen gut in den Beratungsstellen der Pflegestützpunkte informieren und leiten lassen. Vorteil des Mardorfer Dreiklangs ist aber, dass sie sozusagen Stück für Stück hineinwachsen und von Stettin und ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern teilweise quasi auch an der Hand genommen und geleitet werden. „Diese Struktur hat uns gereizt, in Mardorf eine Pflege-WG aufzubauen“, erklärt Wolfgang Schwalbe, Geschäftsführer des Pflegeteams Conny Ridder.

In Marburg betreue das Pflegeteam eine ähnliche WG: „Aber im städtischen Raum sind unsere Senioren nicht so integriert, wie wir gedacht hätten. Das ist in Mardorf anders“, freut er sich und stellt heraus, dass das Umsiedeln der Mardorfer Arztpraxis ins Neubaugebiet – das den Namen „Leben und Altwerden an der Falkenstraße“ trägt – eine hervorragende Idee gewesen und ein wichtiger Standortfaktor sei.

Zuschüsse über die Dorfentwicklung

„Ich höre einerseits, dass eventuell eine stationäre Pflegeeinrichtung gewünscht ist in Amöneburg, zum anderen kriegen wir hier aber die WG nicht voll belegt“, sagt Stettin und ergänzt: „Das ist auch im Gedanken an das geplante Altenhilfekonzept der Stadt sehr schade.“ Und dennoch sieht Elisabeth Rhiel-Stempfle vom Bürgerverein durchaus noch Potenzial für den Ort: Sie könne sich eine „Wohngemeinschaft für Jung und Alt“ gut vorstellen.

Kräling hofft, dass sich ein solches Projekt in einem der leer stehenden Höfe des Dorfs umsetzen lässt und verweist darauf, dass es für solche Anliegen Zuschüsse über die Dorfentwicklung gibt – die Teilnahme daran steht in Amöneburg im Raum, ist aber umstritten.

Angebote des Bürgervereins

Der Bürgerverein Mardorf plant die nächste Schulung von Bürgerhelfern: Der neue Kurs soll Ende September beginnen. Es sei deutlich zu merken, dass Corona-bedingt zwei Kurse dieser Art ausgefallen seien, betont Koordinationskraft Christina Stettin. Online sei ein solcher Kurs nicht umzusetzen, ergänzt sie – entsprechend wichtig sei es, dass es nun wieder eine Schulung geben solle.

Insgesamt will der Bürgerverein seine Angebote nach dem Lockdown wieder aufleben lassen: Die Angehörigengruppe trifft sich wieder ab dem 15. Juli, die Moment-Gruppe findet voraussichtlich wieder ab August statt. Der Mittagstisch soll wieder ab September angeboten werden.

Der Bürgerverein ist im ehemaligen Schwesternhaus Mardorf angesiedelt. Kontakt: Christina Stettin, Telefon 0 64 29 / 8 29 15 41, E-Mail: buergerhilfe-amoeneburg@t-online.de

Von Florian Lerchbacher

11.07.2021