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Ostkreis Quadratmeterpreis macht Fraktionen Sorgen
Landkreis Ostkreis Quadratmeterpreis macht Fraktionen Sorgen
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16:00 08.03.2022
Im Dezember endeten die archäologischen Untersuchungen auf den Baustraßen. Die Bauplätze sind noch nicht untersucht worden.
Im Dezember endeten die archäologischen Untersuchungen auf den Baustraßen. Die Bauplätze sind noch nicht untersucht worden. Quelle: Florian Lerchbacher
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Mardorf

„Junge, heimische Familien wollen sich im Baugebiet ,Bei der Schindkaute’ den Traum vom eigenen Heim in Mardorf erfüllen“, hebt der SPD-Stadtverordnete Christoph Grimmel hervor und verweist auf die zusätzlichen Kosten, die für zukünftige Bauherren durch archäologische Voruntersuchungen entstehen. Diese könnten Menschen an die Grenzen der Belastbarkeit bringen – oder sogar verhindern, dass sie bauen können.

Befürchtungen seien, dass sich junge Familien extrem lange mit Schulden belasten müssen oder gar Bauplätze frei bleiben. Aus diesem Grund hatte seine Fraktion einen Antrag auf den Weg gebracht und Überlegungen angestellt, wie mit den entstehenden Zusatzkosten umgegangen werden könnte. Die Mitglieder der anderen drei Amöneburger Fraktionen griffen die Ansätze auf, überarbeiteten sie gemeinsam mit den Sozialdemokraten und schlossen sich dem Antrag letztendlich an.

Grimmel fasste noch einmal zusammen: Die ursprünglich veranschlagten 115 Euro pro Quadratmeter – die Erschließung und Straßenendausbau beinhalten – seien für Amöneburg bereits schon hoch. Hinzu kämen Hausanschlusskosten von 15 000 bis 17 000 Euro pro Bauplatz. „Zusätzlich zu diesen bereits hohen Kosten bilden die archäologischen Voruntersuchungen einen weiteren erheblichen Kostenfaktor“, hob Grimmel hervor.

Zusatzkosten von rund 57.500 Euro

Dem Baulandentwickler seien bei den Voruntersuchungen auf den Baustraßen Zusatzkosten von rund 57.500 Euro entstanden – was ungefähr 27,50 Euro pro Quadratmeter entspreche. Übertrage man diesen Preis aufs Bauland, steige der Quadratmeterpreis auf rund 143 Euro. „Welcher Normalverdiener kann sich dies noch leisten?“, fragte Grimmel.

Die Stadtverordneten beschlossen einstimmig, dass sich der Magistrat mit dem Landesamt für Denkmalpflege in Verbindung setzen und nachfragen soll, ob sich die Untersuchungsergebnisse von den Baustraßen auch auf die Bauplätze ableiten ließen. Ziel der Frage soll sein, den Untersuchungsaufwand und entsprechend die entstehenden Kosten zu verringern.

Auf Anregung der CDU sollen Bauentwickler und Landesamt für Denkmalpflege in den zuständigen Ausschuss zu einem Gespräch eingeladen werden, um die Ergebnisse der Untersuchungen vorzustellen.

Außerdem ist eine Infoveranstaltung für Bauwillige angedacht. Ein ursprünglich angestrebter städtischer Zuschuss ist inzwischen vom Tisch.

Bürgermeister Michael Plettenberg widmete sich dem Antrag unmittelbar nach der Stadtverordnetenversammlung – und hatte im Nachgang keine guten Nachrichten für die Fraktionen: Sowohl das Landesamt als auch der Erschließungsträger lehnen die Teilnahme an einer Infoveranstaltung ab.

Genaue Ausdehnung der Funde noch nicht bekannt

Die Hausanschlusskosten beziffert der Erschließungsträger auf 17 017 Euro. Zudem teilte der Bürgermeister mit, dass das Unternehmen in Kooperation mit dem Landesamt eine Handlungsempfehlung für Bauherren erstellt habe.

Bei den Untersuchungen, die im Oktober 2021 begonnen und kurz vor Weihnachten abgeschlossen wurden, gab es Siedlungsfunde aus der Zeit um 5 000 vor Christus sowie etwa 800 bis 600 vor Christus, teilt Dr. Christa Meiborg, die Koordinatorin der Außenstelle Marburg des Landesamtes für Denkmalpflege, auf Nachfrage dieser Zeitung mit. Die genaue Ausdehnung der Bodendenkmäler – die dokumentiert und so für die Nachwelt erhalten werden sollen – lasse sich allerdings noch nicht abschätzen.

Sie könne also nicht sagen, inwieweit auch die Baugrundstücke betroffen sind. Es sei aber von vornherein klar gewesen, dass es Grabungen beziehungsweise Untersuchungen des Bodens geben müsse. Die Stadt habe dies gewusst. Rund um Mardorf seien immer wieder Bodendenkmäler aufgetaucht. Es werde sich bereits auf ein Minimum an Dokumentation und Ausgrabungen beschränkt. Sie halte es für sinnvoll, die gesamte Fläche des Baugebiets „in einem Rutsch“ zu untersuchen, um die Kosten möglichst gering zu halten.

Und sie sei auch kein Fan des Angebotes, nur die Flächen zu untersuchen, auf denen gebaut werden solle – eine Möglichkeit, die jeder Bauherr privat in Auftrag geben kann. Die Bauherren müssen – so sie diese Variante wählen – in Zukunft immer dann, wenn sie etwas bauen wollen, für das sie tiefer als 30 Zentimeter ins Erdreich gehen, im Vorfeld das Landesamt informieren und das Okay einholen und gegebenenfalls weitere Untersuchungen beauftragen.

Vom Erschließungsträger berichtet Plettenberg, dass dieser bereits erreicht habe, dass es den Käufern der Grundstücke überlassen ist, die Grabungen selbst zu veranlassen. Dies reduziere die Kosten erheblich. Auf seinen Vorschlag hätten bislang alle Interessenten positiv regiert.

Das bestätigt auch Thomas Barg, Geschäftsführer der Firma Geißler Infra, der ebenso wie das Landesamt Kritik aus Reihen von CDU und SPD erntet. Die Fraktionsvorsitzenden Jan-Gernot Wichert und Winfried Nau sprechen von „fehlender Transparenz“. Sie ärgern sich über die ausbleibende Bereitschaft, an einer Infoveranstaltung teilzunehmen – und haben verschiedene Fragen an den Erschließer.

Unter anderem wollen sie wissen, warum dieser den potenziellen Käufern nur anbiete, jeweils den gesamten Bauplatz zu einem Preis von 30 Euro pro Quadratmeter auf Bodendenkmäler untersuchen zu lassen, aber nicht nur die Fenster, auf denen gebaut werden solle.

Nachfrage nach den Bauplätzen weiterhin groß

Das sei nicht leistbar, entgegnet Barg auf Nachfrage dieser Zeitung: Bei mehr als 20 Kunden sei es nicht leistbar, auf diese individuellen Details einzugehen – die sich im Laufe der Planungen der Bauherren ja auch immer wieder noch ändern würden. In Sachen Infoveranstaltung verweist er darauf, dass er seine Kunden auf dem Laufenden halte und ansonsten den Bürgermeister als Sprecher des Magistrats.

Meiborg verweist darauf, dass eine Fachfirma die Untersuchungen vorgenommen habe und ihr noch keine endgültigen Ergebnisse vorlägen. Wenn, dann sei die Firma Ansprechpartner für Detailfragen. Barg zeigt sich derweil generell überrascht über den politischen Protest: Die Nachfrage nach Bauplätzen sei weiterhin groß und es sei auch niemand abgesprungen: Insgesamt seien auch nur noch vier Plätze zu vergeben.

Von Florian Lerchbacher