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Ostkreis Alte Siedlung – neue Häuser?
Landkreis Ostkreis Alte Siedlung – neue Häuser?
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14:00 15.10.2021
Statt Bauvorbereitungen finden in Mardorf Ausgrabungsarbeiten statt.
Statt Bauvorbereitungen finden in Mardorf Ausgrabungsarbeiten statt. Quelle: Florian Lerchbacher
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Mardorf

Dort, wo zukünftig Häuser stehen sollen und Mardorfer leben wollen, wohnten wahrscheinlich schon einmal Menschen – und zwar um die Zeit zwischen 5 000 und 2 500 vor Christus. Das Landesamt für Denkmalpflege hatte dies bereits vermutet. Mitarbeiter der Firma Geißler Infra, die sich im Namen der Stadt um das neue Baugebiet „Bei der Schindkaute“ kümmert, stieß bei der Vorbereitung des Geländes auf entsprechende Spuren. Die Baumaschinen verschwanden also wieder. Nun sind statt ihnen Mitarbeiter des Vereins „Wissenschaftliche Baugrund-Archäologie“ dort tätig und tragen Stück für Stück den Boden ab mit dem Ziel, Funde der Besiedlung aus Jungsteinzeit – in der Fachsprache Neolithikum genannt – zu fotografieren und dokumentieren und somit zu sichern.

Für den Laien sind es nur dunkle Flecken in der hellen Erde. Für den Fachmann sind das eindeutige Spuren. Zwei runde Flecken sind beispielsweise markiert. Das sind wahrscheinlich Pfosten, die einst zu einem Haus gehörten, erklärt Grabungsleiter Dr. Thomas Birndorfer und vermutet, dass es dort also einst eine Siedlung gab. Er und seine Kollegen haben auch schon Keramik gefunden – allerdings nur Bruchstücke, die sich noch nicht datieren lassen. Außerdem stießen sie bereits mehrfach auf Holzkohle und Brandlehm, was dafür spricht, dass die Menschen dort Feuerstellen nutzten.

Funde waren angekündigt

Dr. Christa Meiborg, die Koordinatorin der Außenstelle Marburg des Landesamtes für Denkmalpflege, hatte im Zuge der Bauleitplanung der Stadt bereits mitgeteilt, dass mit archäologischen Bodenfunden, sogenannten Bodendenkmälern, zu rechnen sei. Aufgrund dieser Stellungnahme habe er die Entscheidung gefällt, schon jetzt mit der Vorbereitung einer Baustraße zu beginnen, berichtet Thomas Barg, Geschäftsführer der Firma Geißler Infra – dabei sei die Erschließung des Baugebiets eigentlich erst für April 2022 geplant gewesen. In Zusammenarbeit mit Meiborg habe es eine „begleitende Mutterbodenabtragung“ gegeben, dabei seien rund 25 auffällige Verfärbungen aufgetaucht, die nun ebenso wie der weitere Bereich der Baustraße genauer untersucht werden.

Diese erste Grabung wird vermutlich rund vier Wochen dauern, sagt Barg. Allerdings sei eine zweite „Kampagne“ geplant, wenn im kommenden April die Erschließung des Baugebiets beginnt. Eigentlich müssten die künftigen Bauherren sich um die Untersuchung der entstehenden 23 Baufenster (im Volksmund Bauplätze genannt) kümmern – so stehe es im Bebauungsplan.

Bauland wird teurer

„Wir als Entwickler des Baulandes fühlen uns aber verpflichtet, das ordentlich zu machen“, daher werde sich sein Unternehmen darum kümmern, dass es zu den Untersuchungen kommt. Dies werde weitere acht Wochen in Anspruch nehmen. Ziel sei, vom Landesdenkmalamt eine „Freibescheinigung“ zu erhalten, damit gebaut werden könne. „Es wird auch nicht von Sensationsfunden ausgegangen“, wirft Bürgermeister Michael Plettenberg ein. Nur im Extremfall können Erdarbeiten in Gebieten mit Bodendenkmalen untersagt werden.

Allerdings, so Barg, werden sich die Untersuchungen auf den Baulandpreis auswirken. Bisher waren 115 Euro pro voll erschlossenem Quadratmeter vorgesehen. Um wie viel der Preis steigt, lasse sich jetzt allerdings noch nicht abschätzen, sagt Barg und ergänzt, dass sein Unternehmen sich auch an den Kosten beteiligen und die tragen werde, die rund um die Baustraße entstehen. Der Rathauschef spricht der Firma großes Lob dafür aus, dass sie sich auch um die Grabungen auf den einzelnen Bauplätzen kümmern will: So ließen sich die Kosten auf alle Käufer solidarisch umlegen. Will heißen, es kommt nicht aufs Glück oder aufs Pech an, ob auf dem jeweiligen Grundstück viel oder wenig gegraben werden muss.

Wer nun neugierig geworden ist, muss sich aber dennoch nicht auf den Weg nach Mardorf machen: Das Betreten des Grabungsgeländes ist verboten.

Von Florian Lerchbacher

14.10.2021
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