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Ostkreis Alkoholkranken Angeklagten fehlt die Einsicht
Landkreis Ostkreis Alkoholkranken Angeklagten fehlt die Einsicht
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00:18 28.01.2019
 Ein 30-jährigen Äthiopier wird vom Marburger Amtsgericht zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt, nachdem er mehrere Straftaten begangen hat. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Strafrichterin Maja Schlenzig verurteilte den Mann im Marburger Amtsgericht letztlich wegen Bedrohung, begangen im Zustand verminderter Schuldfähigkeit, Diebstahl, Körperverletzung und wegen vorsätzlichen Verstoßes gegen das Gewaltschutzgesetz jeweils zu Geldstrafen. Sie verband diese Einzelstrafen mit einer gesamtstrafenfähigen einjährigen Freiheitsstrafe, die der Angeklagte derzeit verbüßt, weil er im Sommer 2018 im Vollrausch versucht hatte, nachts in einer Frankfurter Grünanlage eine ihm bekannte Frau zu vergewaltigen. Eine herbeieilende Zeugin verhütete Schlimmeres.

Die Richterin setzte die Gesamtfreiheitsstrafe auf nunmehr ein Jahr und vier Monate fest, die in Ermangelung einer günstigen Sozialprognose nicht zur Bewährung ausgesetzt werden könne. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Bemerkenswert: Die eigentliche Haupttat vom 11. Dezember 2015 wurde auf Antrag von Staatsanwalt Nicolai Wolf nach Paragraf 154, Absatz 1 der Strafprozessordnung eingestellt.

Angeklagter bedroht seine Familie 

Anfangs hatten die Strafverfolgungsbehörden gegen den Äthiopier wegen versuchten Mordes ermittelt und ihn in Untersuchungshaft genommen, obwohl zu diesem Zeitpunkt gerichtsmedizinisch schon feststand, dass dessen damals sechs Monate alter Sohn unversehrt war. Lediglich eine kleine Rötung auf dem Rücken wurde festgestellt. Die Beweisaufnahme am ersten Tag ergab, dass so gut wie nichts von dem Tatvorwurf übrig blieb, für den der Angeklagte sechs Monate in Untersuchungshaft saß – ohne Haftentschädigung.

So blieb das eigentliche Randgeschehen, das sich nach Überzeugung des Gerichts und der Staatsanwaltschaft so zugetragen hat, wie von der Staatsanwaltschaft angeklagt: Unmittelbar nach dem Ereignis mit seinem Sohn bedrohte der Angeklagte seine Frau und sein Kind mit dem Tode. Im September stahl der Angeklagte das Notebook einer jungen Frau aus dem ehrenamtlichen Betreuerkreis der Flüchtlinge, die zeitweise eine Liebesbeziehung zu dem verheirateten Äthiopier unterhielt, die zum Zeitpunkt der angeklagten Taten nicht mehr bestand.

Später stieß der Mann in Wehrda seine Exfreundin bei einer ungewollten Begegnung gegen eine Hausecke und würgte diese, was zwei Zeugen mit ihren Aussagen untermauerten. Nach diesem Vorfall erwirkte die junge Frau ein Annäherungs-verbot, gegen das der Angeklagte wissentlich verstieß, als er seine Freundin durch die Oberstadt verfolgte und beleidigte.

Gutachter sieht großes Problem

Am ersten Verhandlungstag hatte der alkoholabhängige Angeklagte noch stolz von seiner Abstinenz im Maßregelvollzug Hadamar berichtet, wo er anstelle des Strafvollzugs eine Therapie gegen seine Alkoholsucht mache. Seine geringe Chance auf eine Bewährungsmöglichkeit machte er selbst zunichte. Maja Schlenzig verlas einen Brief aus Hadamar, wonach der Angeklagte seine Therapie abgebrochen habe und auf die Rückkehr in den Strafvollzug dringe.

Er sehe nicht ein, dass er möglicherweise zwei Jahre in Hadamar verbringen müsse – viel länger als die acht Monate Reststrafe, die auf ihn warteten. Er wolle einfach nur weg, zeige keinerlei Einsicht. Pflichtverteidiger Thomas Strecker erhielt erst kurz vor der Verhandlung Kenntnis von dieser Entwicklung und nahm seinen Mandanten in Schutz. „Er dachte, dass ihm ein weiterer Verfahrensweg offensteht. Dem ist nicht so“, sagte der Strafverteidiger, der nicht müde wurde, immer wieder für seinen Mandanten zu intervenieren.

Wie sind die Aussichten für den Angeklagten, ein alkoholfreies und straffreies Leben zu führen? Aus Sicht des Gutachters ist dies das ganz große Problem. Das fange mit den unzureichenden Deutschkenntnissen an. In der Therapie werde die Auseinandersetzung mit dem eigenem Zustand verlangt.

Verteidiger bat von einer Gesamtstrafe abzusehen

Patienten müssen das Für und Wider abwägen können. Dabei würden auch hohe kognitive Fähigkeiten verlangt. Der Angeklagte wolle nichts an seinem Zustand und seiner Suchtkrankheit ändern, obwohl er wisse, was beim nächsten Suff passieren könne.

Der Gutachter stellte klar, dass der Angeklagte von Hause aus keine dissozial-kriminelle Person sei. Seine Dissozialität beruhe allein auf seiner Trunksucht. Unter Alkoholsucht verliere der Angeklagte ab einem bestimmten Pegel seine Steuerungsfähigkeit. Ohne Langzeittherapie sei die Wahrscheinlichkeit erhöht, das der Äthiopier weitere Straftaten im Rausch begehe.

Staatsanwalt Nicolai Wolf ­beantragte für die verbliebenen Anklagepunkte jeweils Geldstrafen, die er in seinem Antrag mit der Frankfurter Freiheitsstrafe von einem Jahr zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verband. Der Verteidiger Thomas Strecker bat darum, von einer Gesamtstrafe für seinen Mandanten abzusehen.

von Matthias Mayer