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Ostkreis 53-Jähriger in allen Punkten freigesprochen
Landkreis Ostkreis 53-Jähriger in allen Punkten freigesprochen
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19:53 18.07.2020
Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Gericht waren sich einig: Für eine Verurteilung reichen die Beweise nicht. Quelle: Silas Stein/dpa/Archiv
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Marburg

Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidiger waren sich nach weiteren zwei Stunden Hauptverhandlung am Marburger Amtsgericht einig. Sie plädierten durchgängig auf Freispruch für den 53-Jährigen aus dem Ostkreis.

Ihm war unter anderem Vergewaltigung und Körperverletzung vorgeworfen worden, begangen an seiner 50 Jahre alten damaligen Ehefrau. Bereits am ersten Verhandlungstag hatte der Mann alle ihm vorgeworfenen Taten komplett bestritten.

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Die Ehe der beiden war nach Jahren des Streites und des Zanks im Jahr 2016 geschieden worden. Im Mai 2018 kam es zu einem Aufeinandertreffen, bei dem es letztlich um Geld ging. Die Frau hatte sich von ihrem früheren Ehemann bedroht gefühlt, als der mit einer Spraydose in ihre Richtung gesprüht haben soll.

Zu Vergewaltigungen soll es seit 2013 immer wieder gekommen sein, so die Aussagen der Frau am ersten Verhandlungstag. Er habe sich genommen, was er gewollt habe, so ein zentraler Satz ihrer Aussage vor Gericht.

Kirchhainer Richterin sagt aus

Am Donnerstag, 16. Juli, folgten zunächst weitere Vernehmungen. Unter anderem klärte eine Hausärztin, die beide behandelt hatte, dass sie dem 53-Jährigen im Sommer 2015 tatsächlich ein Potenzmittel verschrieb. Der Angeklagte hatte am ersten Verhandlungstag von Erektionsproblemen und dem Arztbesuch berichtet. Die Ärztin hatte ihn auch wegen Depressionen mit Medikamenten behandelt, wie ein Blick in die Krankenakte durch die Medizinerin bestätigte.

Richter Dominik Best und die Prozessbeteiligten hörten dann auch Andrea Hülshorst, Direktorin des Amtsgerichts Kirchhain und im Jahr 2018 Ermittlungsrichterin in dem Verfahren. Sie hatte die 50-Jährige seinerzeit zu ihren Vorwürfen vernommen. Hülshorst schilderte vor allem auch ihre persönlichen Eindrücke. Die gesamte Situation sei im Sitzungssaal seinerzeit sehr emotional gewesen.

Aussage fehlt ausreichende Qualität

Ungewöhnlich war damals, dass der Beschuldigte zeitweise zumindest mit im Raum war. Ein Sohn der beiden, der ebenfalls ausgesagt hatte, habe sehr belastet gewirkt. Hülshorst merkte an, dass sie versucht habe, insbesondere bei den im Raum stehenden Vergewaltigungsvorwürfen sehr genau nachzufragen, um zu exakteren Tatvorwürfen zu kommen.

Für Staatsanwältin Janina Pristl haben sich die Tatvorwürfe an den beiden Verhandlungstagen nicht bestätigt. „Die Aussage der Angeklagten war nicht von ausreichender Qualität“, so Pristl. Wichtige Details hätten dabei gefehlt. So war dem Angeklagten wohl keine konkrete Tat nachweisbar, weder beim Vorwurf der Vergewaltigung, noch bei dem der Körperverletzungen. Sie sprach von Inkonstanz bei den verschiedenen Aussagen vor der Polizei, der Ermittlungsrichterin oder jetzt bei der Hauptverhandlung.

Staatskasse trägt Kosten des Verfahrens

Was sich abgespielt habe, sei nicht aufklärbar gewesen. Pristl plädierte auf Freispruch. Dem schloss sich der Anwalt der als Nebenklägerin auftretenden Frau an. „Meine Mandantin ist sehr angegriffen von allem, was passiert ist und ist froh, dass es jetzt vorbei ist“, so der Rechtsanwalt. Sie wolle einen Schlussstrich, auch im Sinne der beiden Söhne. Rechtsanwalt Thomas Strecker zollte der Nebenklage Respekt für die klaren Aussagen.

Nach kurzer Zeit verkündete Richter Best das Urteil Freispruch. Er machte klar, dass es für ein Gericht darauf ankomme, die „prozessuale Wahrheit“ zu ermitteln. „Wir können nicht ausschließen, dass es so war“, sagte er in Richtung der 50-Jährigen. Doch ein Gericht müsse überzeugt sein, wenn es einen Angeklagten verurteile. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse. Das Urteil ist rechtskräftig.

Von Michael Rinde