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Ostkreis Mann tritt Tür ein und schlägt Ex-Frau
Landkreis Ostkreis Mann tritt Tür ein und schlägt Ex-Frau
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13:58 06.02.2020
Direkt nach der Verhandlung ging‘s für den Angeklagten zurück in die Justizvollzugsanstalt Kassel. Quelle: Manfred Schubert
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Kirchhain

Die pure Auflistung der Vergehen, die dem in einem Dorf im Ostkreis wohnenden, derzeit aber in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Kassel einsitzenden Mann vorgeworfen werden, klang wie das Verzeichnis der Taten eines Schwerstkriminellen.

Neun Anklageschriften verlas der Staatsanwalt zu Beginn der Verhandlung vor dem Strafgericht. Dabei ging es um zwischen Oktober 2016 und April 2018 in Stadtallendorf, Neustadt, Marburg und anderen Orten begangene Delikte.

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Rechtsanwalt Thomas Strecker hatte schon vor Verhandlungsbeginn Strafrichter Joachim Filmer angekündigt, dass sein Mandant – der vor Gericht wohl auch anders aufgetreten war – ruhig und in guter Verfassung sei, sich äußern und mindestens einige der Vorwürfe zugeben wolle.
Am geringsten wogen darunter zwei Ladendiebstähle. Einmal soll der Mann einen Tetrapack Weißwein zu 1,69 Euro entwendet haben, ein anderes Mal Holzkohle und Grillbriketts.

Alkohol, Drogen und Medikamente am Steuer

In Marburg soll der Angeklagte mit einer kleinen Menge ­Marihuana und Heroin erwischt worden sein. Dazu erklärte er, er habe für 20 Euro Marihuana gekauft, aber kein Heroin: „Ich habe mitgekriegt, dass andere Festgenommene Heroin hatten. Ich nehme es schon lange nicht, das ist nicht meine Droge.“

Mehrfach soll der heute 38-Jährige ohne Fahrerlaubnis mit seinem Leichtkraftrad gefahren sein – was er auch schon eingeräumt hatte. Außerdem soll er dabei zweimal betrunken und unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln unterwegs ­gewesen sein. In dem einen Fall wurden 1,13 Promille sowie der Genuss von Cannabis und ­Methadon festgestellt.

Zeuge: Das Ganze hat sich hochgeschaukelt

In mehreren Fällen ging es um Körperverletzung. Eine recht sympathische Auflösung fand der Vorfall in einem Regionalexpress nahe Stadtallendorf, bei dem der Beschuldigte einen ­Jugendlichen beleidigt, geschlagen und dabei dessen Handy beschädigt haben soll. In seiner Stellungnahme sagte er, dass der Jugendliche Nazimusik gehört habe, die „unter die Gürtellinie ging“. Als er ihn bat, die Musik leiser zu machen, sei der auf der Treppe zum Oberdeck sitzende Jugendliche aufgestanden, habe ihn geschubst, und er habe sich an dessen Jacke festgehalten, so dass beide zusammen hinunterfielen.

Der geschädigte 16-jährige Schüler sagte, der Beschuldigte sei alkoholisiert gewesen, habe ihn angesprochen, das Ganze habe sich hochgeschaukelt. Er selbst habe keine Musik gehört, vielleicht ein Klassenkamerad. Ein bis zwei Minuten habe das gegenseitige Beleidigen gedauert. Dann habe der Beschuldigte ihn von der Treppe gezogen und an Brust und Arm geschlagen, bis zwei andere Personen ihn in eine Art Polizeigriff nahmen.

Provokationen am Bahngleis

Der Angeklagte entschuldigte­ sich bei dem Jugendlichen, welcher die Entschuldigung annahm. Außerdem erklärte er, dass er das beschädigte Handy bezahlen möchte. Die im Zuhörerraum sitzende Mutter des Beklagten gab diesem zwei 100-Euro-Scheine, er reichte sie dem Jugendlichen weiter.

Auffällig bei den Einlassungen des Beschuldigten zu den weiteren Vorwürfen des Staatsanwalts war, dass er jeweils eine ganz eigene Sicht der Vorgänge schilderte. Zwei Polizisten berichteten, dass der Angeklagte­ zunächst laut pöbelnd und angetrunken durch die Unterführung am Marburger Bahnhof gezogen war, dann auf einem Bahnsteig Wartende provoziert habe, schließlich über die Gleise gelaufen sei und nach ­beleidigenden Äußerungen wie „Drecksbulle“ und einer Angriffsbewegung auf einen uniformierten Polizisten von einem weiteren in Zivil zu Boden gebracht worden sei.

„Sie sind ziemlich oft Opfer, finden Sie nicht?“

„Der Polizist hat gesagt, ich soll meine Zigarette ausmachen. Das habe ich nicht gemacht, da hat er mich zu Boden gedrückt. Warum sollte ich über die Gleise gegangen sein, in Marburg ist der Bahnsteig hoch“, lautete die Version des Angeklagten.

Am Neustädter Bahnhof soll er eine Frau als „asoziale Schlampe“ beleidigt, deren Tochter mit dem Fuß an die Hüfte getreten und mit einem Kieselstein nach dem zweijährigen Enkel im Kinderwagen geworfen haben. „Ich wartete da, da kommt die auf mich zu, ich kannte sie gar nicht, schlägt mir ein Spielzeugauto für meinen Sohn aus der Hand und hat geschrien ‚du Schwein‘“, beschrieb er die Szene. „Sie sind ziemlich oft Opfer, finden Sie nicht?“, fragte Richter Filmer den Angeklagten – was dieser bejahte.

Nach Schlägerei im Zug abgeführt

Die 44-jährige Zeugin aus Neustadt erklärte, der Beschuldigte habe sie und ihre Tochter „angemacht“. Als sie ihn an eine Wand urinieren sah, habe sie eine Bemerkung über seine Manieren gemacht, darauf habe er zunächst den Stein in Richtung ihres Enkels geworfen, dann ein Handgemenge mit ihr begonnen. „Er hatte keine Chance, an mich zu kommen, ich habe ihn weggedrückt, damals war er dünn“, sagte die Frau über den Angeklagten, der mittlerweile ordentlich an Gewicht zugelegt hat. Dann habe er ihre Tochter an die Hüfte getreten und sei davongerannt.

Nachdem es, wiederum in ­einem Zug, zu einer Schlägerei zwischen dem Angeklagten und einem ihn Bekannten gekommen war, soll er am Bahnhof Stadtallendorf beim Abführen in Fesseln seinem Widersacher gegen die Füße und ­einem Polizeibeamten gegen die Hand getreten sowie ihm gezielt ins Gesicht gespuckt haben. Da er Träger des Hepatitis-C-Virus sei, habe er dabei eine mögliche Infektion des Beamten billigend in Kauf genommen.

Zeugin: Er stach mit einer Nagelfeile zu

Einer der schwerwiegendsten Vorwürfe lautet, dass er seine von ihm geschiedene Frau in deren Wohnung geschlagen, getreten und mit einer Nagelfeile in den Unterarm gestochen haben soll. „Wir haben uns gestritten. Ich habe die Tür nicht eingetreten und sie nicht geschlagen. Ich liebe meine Frau, das würde ich nie tun“, beteuerte der Angeklagte. „Es gibt ein ärztliches Attest. Woher hatte ihre Frau dann die Verletzungen?“, fragte der Richter. „Keine Ahnung, vielleicht hat sie sich selbst verletzt“, kam als Antwort.

Als Zeugin trat die Cousine der Exfrau, mit der der Angeklagte ein Kind hat, auf. Sie war damals in der Wohnung dabei gewesen und berichtete vor Gericht, die Tür sei nach dem Tritt des Angeklagten umgefallen. Er habe seine Exfrau geschlagen und ihr eine Nagelfeile tief in den Arm und an andere Stellen gestochen – und auch sie schlagen wollen. Außerdem habe er gesagt, er habe eine Pistole dabei und wolle sie umbringen.

„Er hat immer Alkohol getrunken“

„Meine Cousine hat versucht, mich zu schützen, dann wieder ich sie. Das dauerte etwa zehn Minuten. Erst stand sie, dann lag sie am Boden und er stach weiter und sagte, er werde sie jetzt umbringen“, erzählte sie und erklärte, sie habe sich zeitweilig im Kinderzimmer eingeschlossen.

Auf die Frage des Staatsanwalts, ob der Mann alkoholisiert war, sagte sie mit ungarischem Akzent: „Er hat immer Alkohol getrunken, immer Kopf kaputt.“ Schließlich sei er weggelaufen, weil die Polizei kam. „Ich möchte nie mehr mit diesem Mann zu tun haben, er hat die Familie kaputt gemacht“, schloss sie.

Darauf zeigte der Angeklagte,­ der auch zuvor einige Male in Zeugenaussagen hinein geredet hatte und vom Richter zur Ordnung gerufen worden war, seine bislang heftigste Reaktion und rief: „Du hast meine Familie kaputt gemacht. Du bist eine Hexe!“

Psychiaterin gewinnt neue Erkenntnisse

Am Ende der fast fünfstündigen Sitzung, während der zwölf Zeugen gehört wurden, bat der Angeklagte, der seit zehn Monaten in der JVA in Kassel einsitzt, in flehendem Ton um Haftentlassung: „Ich bitte Sie, ich habe meine Strafe abgesessen. Ich habe meinen Sohn lange nicht gesehen, meine Mutter braucht Hilfe.“

Eine Psychiaterin erklärte, sie habe während der Verhandlung neue Erkenntnisse gewonnen, die sie in ihr Gutachten einfließen lassen wolle. Dies wird sie in der nächsten Sitzung vortragen. Vorläufig sprach sie von einer dissozialen Persönlichkeitsstörung und dass der Angeklagte sich zunächst auf seine Entlassung vorbereiten müsse. 

von Manfred Schubert