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Ostkreis Mann betoniert sich in Baumhaus ein
Landkreis Ostkreis Mann betoniert sich in Baumhaus ein
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22:27 27.11.2020
Dieser Ausbaugegner hatte sich seinen Arm in einem Betonklotz einbetonieren lassen. Polizisten befreiten den jungen Mann.
Dieser Ausbaugegner hatte sich seinen Arm in einem Betonklotz einbetonieren lassen. Polizisten befreiten den jungen Mann. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Dannenrod

Über die Matratze ist ein weißes Laken gespannt. Der junge Mann mit dem schwarz bemalten Gesicht liegt im Baumhaus. Er hat eine bequeme seitliche Liegeposition gewählt und schaut hinunter zu den Polizeibeamten am Waldboden. Am Abend wird sein Camp, das „Nirgendwo“, komplett geräumt sein. Neben ihm werden heute noch 53 weitere Ausbaugegner in Gewahrsam genommen werden. Aber an ihn wird man sich erinnern.

Heute hat die Polizei weiter das Barrio "Nirgendwo" im Norden des Waldes geräumt. Dort musste ein Ausbaugegner aus einem Betonklotz befreit werden. "Nirgendwo" zählte zu den größten Baumhausdörfern im Dannenröder Forst. 

Auch am Freitag begleitete die Polizei die Arbeiten zum Weiterbau der A 49 im Dannenröder Forst. In den vergangenen zwei Wochen haben die Beamten drei Camp-Strukturen im Norden und drei im Süden komplett geräumt. Bei anderen Camps wurden bereits Teilbauten entfernt. Seit Freitag ist auch das Camp „Nirgendwo“ mit seinen 13 Baumhäusern Geschichte. Neben den 54 Personen in Gewahrsam wurden 13 Ermittlungs- und 42 Ordungswidrigkeitsverfahren eingeleitet sowie 56 sogenannte Platzverweise ausgesprochen.

In „Nirgenwo“ trennen Höhenretter der Polizei um 10.13 Uhr die Halteseile des Baumhauses. Der junge Mann mit dem geschwärzten Gesicht befindet sich weiterhin an seiner ursprünglichen Position in Seitenlage. Die Matratze liegt jetzt allerdings gut acht Meter tiefer. Die Plattform ist krachend auf den Waldboden gestürzt. An dem Arm des Baggers, der bis eben noch bis zur Hälfte unter der Weißen Dachplane des Baumhauses steckte, baumelt nun ein etwa 60 mal 60 Zentimeter große Holzkiste.

Der Inhalt: ausgehärteter Beton. Auf der Kiste hocken zwei Höhenretter und seitlich daneben hängt immer noch der junge Mann mit dem geschwärzten Gesicht. Sein linker Arm steckt bis zum Ellenbogen in der Kiste. Er selbst ist mit Gurten an Baggerarm und Betonkiste gesichert. Eine dreiviertel Stunde später wird der Mann unverletzt abgeführt. Mit Meißel und Trennschneider schälten die Beamten seinen Arm vorsichtig aus dem Beton.

Die Ausbaugegnerin, die gestern einem Beamten vor den Kopf getreten hatte (die OP berichtete) sitzt in Untersuchungshaft. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Gießen besteht Fluchtgefahr, da die Festgenommene keinerlei Ausweispapiere mit sich führt und bis dato keine Angaben zu ihrer Identität macht. Sie steht unter dem dringenden Verdacht des versuchten Totschlags sowie des tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte in einem besonders schweren Fall.

Nach dem aktuellen Ermittlungsstand der Polizei bewegte sich die Frau am Donnerstagmorgen mehrfach, mittels Karabiner an einem Seil gesichert, von Baum zu Baum. Als sie von einem Beamten ergriffen und festgehalten wurde, wehrte sie sich – mit Schlägen und Tritten gegen den Kopf und die Hände des Beamten. Einem zweiten Polizisten rammte die Frau ihr Knie ins Gesicht. Dieser setzte zur Unterbindung des Widerstands kurzfristig unmittelbaren Zwang in Form von einfacher körperlicher Gewalt ein, wie die Polizei mitteilte. Erst nachdem der Einsatz eines Distanz-Elektroimpulsgerätes angedroht wurde, ließ sich die Beschuldigte festnehmen. Bei diesem Vorfall wurde niemand verletzt.

Abseits des Geschehens rund um „Nirgendwo“ geht die Auseinandersetzung um die EU-Wasserrahmenrichtlinie und die Diskussion über die jeweiligen Gutachten weiter. Vergangenen Mittwoch hatte das hessische Verkehrsministerium das über die Projektgesellschaft Deges in Auftrag gegebene Gutachten nachdrücklich verteidigt. Mit diesem Fachbeitrag ist aus Sicht des Ministeriums der Nachweis geführt, dass die A-49-Planungen hinsichtlich Trinkwasser- und Grundwasserschutz den Anforderungen der Wasserrahmenrichtlinie entspricht. Das Gutachten hatte das Land seinerzeit nach dem Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht freiwillig in Auftrag gegeben.

Die Umweltorganisation BUND setzt auf ein Gutachten des Marburger Büros RegioConsult. Das wiederum wehrte sich am Freitag per Pressemitteilung gegen Aussagen aus Wiesbaden. Eine Kernaussage: In den Augen von RegioConsult könne das Fachgutachten mangels Datengrundlagen und ausgebliebener Untersuchungen nicht beurteilen, ob die hohen Anforderungen der Wasserrahmenrichtlinie erfüllt werden. Der BUND forderte am Freitag abermals ein Moratorium für den Weiterbau der A49.

Verkehr: Die Bundesstraße B 62 und die Landesstraße 3343 waren am Freitag komplett gesperrt. Die B62 konnte am Abend wieder freigegeben werden. Für den heutigen Samstag ist hiergeplant, den Verkehr halbseitig fließen lassen zu können. In den Morgenstunden kann es temporär zu Sperrungen kommen.

Termine: Das Aktionsbündnis Keine A49 plant am Sonntag eine Kundgebung mit Jürgen Resch, dem Vorsitzenden der Deutschen Umwelthilfe. Beginn ist um 14 Uhr am Sportplatz Dannenrod. Gegen 15.15 Uhr ist der Beginn des Waldspazierganges geplant.

Von Tobias Hirsch und Michael Rinde