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Ostkreis Die letzten Bäume fallen
Landkreis Ostkreis Die letzten Bäume fallen
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21:28 03.12.2020
Zwei Ausbaugegner sitzen gestern in Überlebensdecken gehüllt auf ihrem verschneiten Baumhaus im Dannenröder Forst. Nur noch wenige Baumhäuser sind für die Polizei zu räumen.
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Dannenrod

Nur noch wenige Bäume der insgesamt für das Autobahnprojekt zu rodenden 85 Hektar (in allen drei Waldgebieten) standen. Das Baumhausdorf namens „Oben“ ist das letzte, was von der Polizei geräumt werden muss. Es war das erste, das vor mehr als einem Jahr gebaut wurde. Die Verzweiflung bei den verbleibenden Ausbaugegnern war dementsprechend hoch. „Hier wird unsere Lebensgrundlage zerstört, der Ort, an dem wir gelebt und so viel gelernt haben, wo wir so viel Gemeinschaft auch mit den Bürger:innen aus der Umgebung erlebt haben“, sagte Aktivisten-Sprecherin Maja.

Es flossen Tränen, die verbliebenen Baumhäuser waren voller vermummter Menschen, mancher A-49-Gegner trank auf seinem Baumhausplateau einen Schnaps. Die Stimmung schwankte zwischen Verzweiflung, Resignation und Aggression. Mal erklang „Always look on the bright side of life“, mal wurde lauthals die Wut herausgeschrien. Andere Waldbesetzer schmierten sich die Hände mit Klebstoff ein und umarmten Bäume. Unter Protest lösten erst Polizisten die verklebten Hände mit einer speziellen Flüssigkeit. Als Rufe laut wurden, solch eine Prozedur dürfe nur von medizinischem Fachpersonal durchgeführt werden, postete die Polizei später auf Twitter ein Foto, wie eine Ärztin fachmännisch die Zusammengeklebten befreite.

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„Wir sind uns der hohen Emotionalität bewusst“, kommentierte Polizeisprecherin Sylvia Frech die „spezielle Stimmung“ in den Baumhäusern. Deshalb versuche man noch vorsichtiger vorzugehen, damit niemand auf den letzten Metern noch verletzt werde. Im Camp „Oben“, wie diese Ursprungs-Siedlung heißt, waren es am Morgen noch rund zehn Baumhäuser. Das Ende der Räumungen im Dannenröder Forst ist also unmittelbar in Sichtweite. Das gilt im wahrsten Sinne. Von Norden und Süden des Forstes waren die Schneisen vorangetrieben worden. Jetzt gibt es bereits Sichtkontakt zwischen den Rodungsabschnitten. Einen Vorfall vermeldete die Polizei aber doch noch am Abend: Aus einem Gebilde heraus wurde auf einen Beamten uriniert. Der musste anschließend „der Dekontamination zugeführt werden“, wie die Polizei schreibt.

B62: Seil ist abgebaut

Autofahrer, die auf die Bundesstraße 62 zwischen Niederklein und Lehrbach angewiesen sind, dürfen zumindest etwas aufatmen. Gestern entfernten Spezialisten das die Bundesstraße überspannende Seil. Vorher hatten Beamte einen noch von A-49-Gegnern besetzten Ankerpunkt geräumt. In den vergangenen Wochen war die Bundesstraße wegen des Polizeieinsatzes häufiger ganztägig gesperrt. War die Straße freigegeben, so war sie am Standort jenes Seiles nur einspurig befahrbar. Letzteres wird möglicherweise noch einige Tage so bleiben, so ein Polizeisprecher auf Nachfrage der OP. „Wir organisieren gerade den Rückbau des Gerüstes und die Termine“, so der Sprecher. Das Gerüst wurde seinerzeit notwendig, um zu verhindern, dass das Seil auf die Straße fällt, vor allem, wenn eine Person darin hängen sollte. Außerdem galt einer der Befestigungsbäume als instabil.

Auch wenn der letzte der insgesamt 27 Hektar Wald im Dannenröder Forst gefällt ist, soll der Widerstand der Waldbesetzer nicht beendet sein. Das kündigte zumindest einer der Autobahngegner und Klimaaktivisten an, während er im Baum auf die Polizei wartete: „Die Autobahn ist noch nicht gebaut, wir werden weiterhin versuchen, das zu verhindern und so das Trinkwasser zu schützen.“

Deges will ein Ende bis Weihnachten

Auch der Polizei ist klar, dass ihr Einsatz nicht mit dem symbolischen letzten Baum beendet sein wird, wann auch immer der fallen wird. „Wir werden auch die Nacharbeiten begleiten und vor Störungen schützen“, sagt Sprecher Jürgen Aut vom Presseteam A 49. Wann die letzten Fällungen stattfänden, sei offen.

„Wir gehen davon aus, dass wir unsere Arbeiten vor Weihnachten abschließen“, ordnet Deges-Sprecher Michael Zarth das derzeitige Geschehen ein. Denn es geht nicht nur um das Fällen der Bäume, es sind auch Rücke- und Transportarbeiten und Sicherungsmaßnahmen nötig. Einen Teil der etwa drei Kilometer langen Trasse hatte die Projektgesellschaft bereits eingezäunt.

Termine: Heute spielt Pianist Igor Levit an einer kahlgeschlagenen Stelle im Dannenröder Wald für den Klimaschutz. Dies ist eine Aktion von Fridays for Future und Greenpeace. Das Konzert wird voraussichtlich ab 9 Uhr über den Twitter-Account von Greenpeace übertragen.

Von Nadine Weigel und Michael Rinde