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Ostkreis Leben mit Lärm und Lebensgefahr
Landkreis Ostkreis Leben mit Lärm und Lebensgefahr
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19:58 15.07.2020
Familie Hausmann wohnt in Josbach direkt an der B3. Täglich muss die 14-jährige Mia die vielbefahrene Straße überqueren, um zum Schulbus zu kommen. Auch dem sechsjährigen Ron steht das nach den Sommerferien bevor. Dann wird er eingeschult. Quelle: Nadine Weigel
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Josbach

Keine 30 Meter hinter dem kleinen Leon rasen Lkw entlang. Leon ist ein Jahr und zehn Monate alt und spielt gern im Sandkasten. Der steht auf dem Hof seiner Eltern.

Und der liegt direkt an der Bundesstraße 3. „Wir lassen ihn keine Sekunde aus den Augen“, sagt Leons Mutter Sabrina Winter und reicht ihrem Sohn ein Schäufelchen.

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Papa Daniel blickt auf die vorbeidonnernde Fahrzeugkolonne und seufzt. „Ich bin ja hier aufgewachsen und kenne es nicht anders“, sagt der 32-Jährige, der sich die Zukunft für sein eigenes Kind allerdings anders vorgestellt hat.

Die junge Familie hat vor fünf Jahren die alte Scheune in der Lischeider Straße ausgebaut – direkt bei Daniels Großeltern auf dem Hof. Entscheidender Grund dafür war, dass die Autobahn 49 gebaut wird und so die versprochene Entlastung kommt.

Diese Hoffnung hatten auch die Nachbarn: Familie Hausmann ist vor sechs Jahren nach Josbach gezogen. Ein schönes Häuschen mit Garten, alles hat gepasst für die Eltern mit ihren drei Kindern. Bis auf die Lage direkt an der B3. „Aber man hat ja gedacht, dass die A49 schneller kommt“, sagt Oliver Hausmann und hält seinen jüngsten Sohn Ron fest an der Hand.

Der Sechsjährige wird nach den Sommerferien eingeschult. Dann muss er jeden Morgen die B3 überqueren, um zum Schulbus zu kommen. „Wir sind die ersten zwei Jahre jeden Tag mit dabei und schauen, dass die Kinder auch heil über die Straße kommen“, sagt Mutter Sandra in der Hoffnung, dass das mit dem Jüngsten genauso gut klappt wie mit den älteren Geschwistern.

Mia ist 14 Jahre und überquert jeden Morgen gemeinsam mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Ian die B3. „Als ich klein war, hatte ich schon Angst, über die Straße zu gehen, weil eben viel los ist und die so schnell fahren. Da kann es schon sein, dass man mal übersehen wird“, sagt Mia, die sich Sorgen darüber macht, dass nach ihrem Abschluss ihre Brüder allein zum Schulbus laufen müssen.

Täglich 6.787 Fahrzeuge, davon 1.453 Lastwagen

Laut der letzten Verkehrszählung von 2015 fahren täglich 6.787 Fahrzeuge an Josbach vorbei. Davon sind 1.453 Fahrzeuge dem Schwerlastverkehr zuzuordnen. Und genau der macht den Anwohnern am meisten zu schaffen. Der Leidensdruck ist groß. Zu einem spontanen Ortstermin mit der OP sind rund 30 Anwohner gekommen, um ihre Sorgen und Nöte darzulegen.

„Es wird immer extremer“, findet Regina Schade zum Beispiel. Die 61-Jährige wohnt seit 36 Jahren in Josbach und hat das Gefühl, dass immer Lkw an ihrem Haus vorbeidonnern. Und tatsächlich: laut Hessen Mobil waren es bei der Verkehrszählung 2010 noch 1.239 Lastwagen – also im Schnitt täglich 214 Lkw weniger als fünf Jahre später.

„Plötzlich war Stille“ durch Corona-Lockdown

Neben der Lebensgefahr für die Kinder – und den Haustieren, die immer wieder unter die Räder kommen – ist der Lärm die größte Belastung für die Josbacher. „Der Schall zieht durchs ganze Dorf, mit offenem Fenster schlafen geht eigentlich nicht. Es ist nicht mehr zu ertragen“, sagt Ortsvorsteher Rainer Kuche just in dem Moment, als ein Motorradfahrer den Gashahn bis zum Anschlag aufdreht und ein ohrenbetäubendes Knattern dröhnt.

Als durch den Corona-Lockdown der Schwerlastverkehr in Deutschland plötzlich einbrach, war das für die Anwohner der B3 eine riesige Erleichterung. „Es war schön. Plötzlich war Stille“, erinnert sich Regina Schade lächelnd und erzählt, dass sie während des Lockdowns zum ersten Mal ganz normal mit ihrer Nachbarin über den Gartenzaun hinweg reden konnte ohne sie anzuschreien.

„Wir haben ein Haus geerbt“

Die B3-Anwohner hoffen, dass die Lockdown-Stille ein Vorgeschmack war auf die Zeit, wenn die A49 gebaut ist. Alle hoffen, dass der Weiterbau tatsächlich eine Entlastung für sie bringt. Dass sich dann zumindest der Schwerverkehr nicht mehr vorbeiwälzt. Dennoch können sie die Proteste gegen die A49 verstehen.

„Auch ich finde es schlimm, wenn der Wald abgeholzt wird, aber wir leiden sehr unter der Situation und es wird immer schlimmer“, betont Schade. Ortsvorsteher Rainer Kuche sieht auch den Menschen klar im Mittelpunkt und weist darauf hin, dass mit der Abholzung ja auch Ausgleichsflächen geschaffen und Bäume wiederaufgeforstet werden sollen.

„Man kann ja auch nicht einfach wegziehen. Wir haben ein Haus geerbt, unsere Familie ist hier und eigentlich wohnen wir auch gern auf dem Dorf“, sagt Margrit Wiegand-Henkel, die mit einigen anderen extra aus Lischeid zum Ortstermin nach Josbach gekommen ist. Auch der Ort im Nachbarkreis leidet extrem unter der B3. „Vor allem hat man das Gefühl, dass sich keiner mehr an das Nachtfahrverbot hält“, mahnt Heike Kolb. Genau wie die anderen Anwohner hofft auch sie auf Entlastung.

Plädoyer für Lärmschutzkonzept

Ob und wann diese Entlastung mit dem Weiterbau kommt, da sind einige vorsichtig. Falls im Herbst der Bau der A49 tatsächlich weitergeht – nach Jahrzehnten des politischen Changierens und der juristischen Auseinandersetzungen – ist mit einer Fertigstellung frühestens in vier Jahren zu rechnen.

Deshalb plädieren einige für zeitnahe Hilfe in Form eines Lärmschutzkonzeptes: „Man sollte Lärmschutzschilder aufbauen und regelmäßig die Geschwindigkeitsbegrenzung kontrollieren“, mahnt Heike Wagner und erzählt, dass die Strecke zwischen den beiden Einfahrten nach Josbach eine regelrechte Rennstrecke sei. „Das ist eine extreme Belastung und dagegen müsste man mehr unternehmen.“

Mögliche Verkehrsentlastung

Der Planfeststellungsbeschluss für die A49 (aus dem Jahr 2012) geht von folgender Entlastung für die B3 aus: Im Raum Wohratal zwischen 4.900 und 6.000 Fahrzeuge am Tag, in Schönstadt 4.900. Diese Prognosen beziehen sich auf das Jahr 2025, also nach aktuellem Stand unmittelbar nach Inbetriebnahme des gesamten A49-Stückes.

Im „Dannenröder Appell“ haben A49-Gegner eine Alternative aufgezeigt. Sie bezieht sich auf Untersuchungen, die die Straßenbauverwaltung im Jahr 2009 selbst vom Büro SSP Consult erarbeiten ließ.

Es beinhalte ab Treysa einen zweispurigen Weiterbau bis zur Straße Speckswinkel – Neustadt und von dort den Bau einer 1,5 Kilometer langen Spange zur B454 Stadtallendorf – Neustadt. Ursprünglich hatten die Autobahnkritiker nur für eine gemeinsame Ortsumgehung von Wiera und Neustadt plädiert, die weniger Land verbraucht hätte, formuliert Reinhard Forst.

Für Neustadt und Wiera bedeute die Alternative eine optimale Lösung, so Forst, weil der gesamte Verkehr aus Nordosten und Südwesten an beiden Städten vorbeigeführt werde. Stadtallendorf hätte aus Sicht der Autobahngegner die Vorteile, dass der gesamte Erholungsbereich von Nordosten bis zum Geiersberg erhalten bliebe.

Eine Funktion kann diese Lösung aber nicht erfüllen: Sie könnte nicht zu einer Entlastung der A5 führen, wie es für die A49 vorhergesagt ist. Das räumt Forst offen ein. „Doch man muss in diesen Zeiten überlegen, ob allein das den Weiterbau wert wäre“, sagt er auch.

Standpunkt von Nadine Weigel

Runter von der Straße!

Stellen Sie sich vor, Sie wohnen an einer Straße, an der täglich 6 787 Fahrzeuge vorbeidonnern. Davon sind 1.453 tonnenschwere Lkw. Täglich Lärm. Täglich Angst um Ihre Kinder.

Die Anwohner der B3 leben seit Jahrzehnten damit. Sie hoffen auf Entlastung durch die A49, weil sie unter dem zunehmenden Verkehr leiden. Sie wünschen niemandem eine Autobahn vor der Tür. Aber sie sehen keinen Ausweg aus dieser Misere.

Doch ist ein Autobahnbau eine zeitgemäße Lösung? Wohl kaum. Die Klimaerwärmung und deren Folgen, wie Dürren und Naturkatastrophen, erfordern ein Umdenken.

Der Schwerlastverkehr hat nichts mehr auf der Straße verloren. Er gehört auf die Schiene! Dringend. Wir alle müssen zudem öfter mal Bahn, Bus oder Rad fahren statt Auto. Nur eine Verkehrswende ist der richtige Weg in eine umwelt- und klimafreundliche Zukunft.

Von Nadine Weigel