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Ostkreis Langjährige Haftstrafe für versuchten Mord und schwere Brandstiftung
Landkreis Ostkreis Langjährige Haftstrafe für versuchten Mord und schwere Brandstiftung
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21:32 11.05.2021
Landgericht Marburg.
Landgericht Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Kirchhain

Ein Großfeuer in Kirchhains Altstadt hätte viele Menschen das Leben kosten können – im schlimmsten Fall. Dass es am 26. September 2020 nicht dazu gekommen ist, schreibt Richter Gernot Christ „großem Glück“ und „purem Zufall“ zu. Die Handlungen des 33-jährigen Angeklagten, der an vier Verhandlungstagen auf der Anklagebank vor der 3. Strafkammer des Marburger Landgerichts saß, hätten „hohen Sachschaden verursacht, aber keinem Menschen körperlichen Schaden zugefügt“, so Christ.

Geplant hatte das der seit 2018 in Deutschland lebende Angeklagte nach Ansicht der Strafkammer allerdings anders. „Ich hätte sie besser bei Nacht erwischen sollen“, übersetzte ein Dolmetscher eine von der Polizei nach der Tat sichergestellte Sprachnachricht des Angeklagten.

Um die Mittagszeit schüttete der Angeklagte durch ein kaputtes Fenster in einem Fachwerkhaus in der Straße Hinterm Kirchhof in Kirchhain Benzin auf ein Sofa und zündete es an. Die Bewohnerin, seine Ex-Freundin, bemerkte das Feuer und flüchtete mit ihrer Tochter aus dem Haus.

Das Feuer breitete sich auf zwei Etagen aus. Auch das Nachbarhaus wurde beschädigt. Neben der gesamten Kernstadtfeuerwehr waren an diesem Samstagnachmittag auch zahlreiche Feuerwehrleute aus den Ortsteilen im Einsatz. Zudem standen weitere Wehren aus benachbarten Gemeinden bereit. „Das war eine hochgradig gefährliche Handlung: ein Feuer in einem Fachwerkhaus in einer dicht bebauten Altstadt“, sagte Richter Christ während der Urteilsverkündung.

Für das zuvor verlesene letzte Wort des Angeklagten, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, jemanden zu töten oder zu verletzen, sah der Richter keine Anhaltspunkte: „Sie haben das Feuer entzündet und es Zufall und Schicksal überlassen. Es gibt keinen Grund, den Vorsatz, der auf der Hand liegt, in Frage zu stellen.“

Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier bezeichnete die Tat des Angeklagten als „Rachefeldzug“ gegen seine Ex-Freundin. Tags zuvor wurde der Angeklagte nämlich von fünf Männern, einer war der damals aktuelle Freund der Ex-Freundin, in seiner Wohnung in Neustadt überfallen und ausgeraubt. Für diese Tat wurde der damals aktuelle Freund der Ex-Freundin vor kurzem zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt.

Dass die Brandstiftung in Kirchhain die Folge des Überfalls in Neustadt war, bestritt der Verteidiger nicht – ganz im Gegenteil: „Ohne den 25. September wäre die Tat vom 26. September nicht passiert“, sagte Rechtsanwalt Thomas Strecker über die Selbstjustiz seines Mandanten. „Er hat sich dazu entschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Das war eine verhängnisvolle Idee“, sagte Strecker, betonte aber, dass sein Mandant nicht die Absicht hatte, jemanden zu töten.

Die Kammer sah das anders und verurteilte den 33-Jährigen wegen versuchten Mordes und schwerer Brandstiftung zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren und sechs Monaten. Die Staatsanwaltschaft hatte elf Jahre gefordert. Die Verteidigung hielt viereinhalb Jahre für ausreichend. Der Vorsitzende Richter begründete das Urteil wegen des versuchten Mordes mit dem Einsatz „gemeingefährlicher Mittel“ und mit „Heimtücke“. Mit „gemeingefährliche Mittel“ ist in diesem Fall der Brandbeschleuniger in einem Fachwerkhaus gemeint.

„Heimtücke“ beschreibt die konkrete Situation, in der sich das Opfer befand. „Sie war gerade dabei, das Essen zuzubereiten. Sie war arglos und rechnete nicht mit einem Angriff. Es gibt keinen vertrauenswürdigen Anhaltspunkt dafür, dass Sie davon ausgehen konnten, dass niemand zu Schaden kommt. Damit liegen gleich zwei Mordmerkmale vor. Schon eines würde ausreichen“, sagte Christ.

Auf die Argumentation des Angeklagten, er habe während der Tat unter dem Einfluss berauschender Mittel gestanden, ließ sich die Kammer nicht ein. „Sie sind langjähriger Drogenkonsument und waren zum Tatzeitpunkt weit entfernt von einem Zustand, der Ihre Steuerungsfähigkeit hätte beeinflussen können. Sie sind voll schuldfähig“, sagte Christ. Zum gleichen Ergebnis kam zuvor auch ein Sachverständigengutachten einer forensischen Klinik.

Auch der Vorwurf des Handels mit Cannabis bestätigte sich während der Verhandlung und mündete ebenfalls in der Freiheitsstrafe, da der 33-Jährige diese Taten während einer laufenden Bewährung verübte. Eine minderjährige Mitangeklagte wurde wegen des Handelns mit Cannabis zu 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt.

Zwei weitere Anklagepunkte gegen den 33-Jährigen, eine angekokelte Wohnungstür in der Brießelstraße und eine körperliche Auseinandersetzung auf der Flucht vom Tatort Kirchhof, wurden vorläufig eingestellt.

Von Tobias Hirsch