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Ostkreis Landgericht verkürzt Haftstrafe und setzt sie zur Bewährung aus
Landkreis Ostkreis Landgericht verkürzt Haftstrafe und setzt sie zur Bewährung aus
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20:00 13.01.2022
Der angeklagte Mann hat seine Partnerin mehrfach geschlagen, gewürgt sowie beleidigt. (Symbolfoto)
Der angeklagte Mann hat seine Partnerin mehrfach geschlagen, gewürgt sowie beleidigt. (Symbolfoto) Quelle: Maurizio Gambarini/dpa
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Kirchhain

Beim Betreten des Marburger Landgerichtes musste ein 31 Jahre alter Kirchhainer noch Handschellen tragen, beim Verlassen des Gebäudes nicht mehr. Richterin Dr. Heike Schneider und zwei Schöffinnen hatten kurz zuvor die Strafe des Mannes von zwei Jahren und einem Monat auf zwei Jahre verkürzt, zur Bewährung auf vier Jahre ausgesetzt und den Haftbefehl aufgehoben. „Das war keine leichte Entscheidung. Der Fall stand auf der Kippe“, betonte die Vorsitzende Richterin.

In der Berufungsverhandlung war es ausschließlich um das Strafmaß gegangen: Die Staatsanwaltschaft hatte eine längere Strafe, als ursprünglich am Amtsgericht ausgesprochen, im Sinn, der Angeklagte hoffte indes auf Verkürzung und Bewährung. Die angeklagten Taten waren nicht mehr Gegenstand der Verhandlung.

Gutachter: Missbrauch von Alkohol

Der damals in Kirchhain lebende Mann hatte Anfang des vergangenen Jahres sechsmal gegen Gesetze verstoßen – und das sind nur die Taten, die auch zu Anklagen geführt hatten. Die Polizei habe sogar noch weitaus öfters ausrücken müssen, berichteten die Staatsanwältin und die Richterin. Letztere war einst über die Führungsaufsichtsstelle immer wieder auf den Mann aufmerksam geworden – aber auch auf seine damalige Lebensgefährtin, die mehrfach die Polizei rief, aber auch oftmals dann die Anschuldigungen direkt wieder zurücknahm.

Der Kirchhainer hatte seine Partnerin einst unter anderem vor einem Einkaufsladen vor den Augen ihres Sohnes und anderer Zeugen geschlagen und als Hure und Missgeburt bezeichnet (Körperverletzung in Tateinheit mit Beleidigung). Zwei Tage später drohte er ihr unter Alkoholeinfluss, sie umzubringen (Bedrohung). Zwei Monate später schlug er sie erneut unter Alkoholeinfluss erst mit der flachen Hand ins Gesicht und später mit der Faust auf den Arm und würdigte sie zudem noch (gefährliche Körperverletzung).

Eine Woche später schlug er sie nach einem eigentlich schon beendeten Streit unter der Dusche (Körperverletzung).

Drei Tage später drohte er einem Mann, ihn und seinen Enkel umzubringen, wenn er nicht den Ort verrät, an dem sich die Lebensgefährtin aufhält (Bedrohung). Außerdem schlug er einen Mann ins Gesicht und zerbrach dessen Telefon, weil er den Eindruck hatte, dieser habe Gefallen an seiner Freundin gefunden (Körperverletzung in Tateinheit mit Sachbeschädigung).

Es sei eine „toxische Beziehung“ gewesen – da waren sich alle am Verfahren Beteiligten einig. Die einstige Freundin räumte ein, auch nicht ganz einfach gewesen zu sein. Wie sich herausstellte, nahm sie damals Crack und Heroin und leidet zudem unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Der Angeklagte derweil konsumierte immer wieder Alkohol, wie ein Gutachter herausstellte – aber „nur“ so viel, dass von Missbrauch, aber nicht von einer Abhängigkeit zu sprechen sei. Allerdings habe er einen Intelligenzquotienten von 67 festgestellt, also eine „leichte Intelligenzminderung“. Noch dazu sei bei dem Angeklagten von einer dissozialen Störung zu sprechen.

„Hohes Rückfallrisiko“ bei der angeklagten Person

Der Mann könne sich also rechtskonform verhalten – dies sei aber von „Setting und Tagesstruktur“ abhängig. Gerate er insbesondere in Beziehungen an die falschen Personen, bestehe wieder die Gefahr, erneut zu „eskalieren“.

Er habe also zwei Gesichter und das Rückfallrisiko sei hoch. Beziehungen seien seine Achillesferse – was auch damit zusammenhänge, dass der Angeklagte, der ohne Vater und nur mit seltenem Kontakt zur Mutter aufwuchs, sich dringend eine Familie wünsche und unter Verlassensängsten leide. Nur mit „extrem engen Leitplanken“ könne der Angeklagte in der Gesellschaft funktionieren.

Und genau darum ging es lange Zeit während der Verhandlung: Eine Mitarbeiterin des Diakonischen Werks in Gießen hat eine Einrichtung für sozialtherapeutisches Wohnen aufgetan, in der der Mann unterkommen kann. Er soll dort unter anderem auch eine Gruppe für junge Süchtige besuchen und sich auf seinen Hauptschulabschluss vorbereiten.

Der Staatsanwältin ging es in der Verhandlung zu viel um Bewährung. Sie glaube alleine schon nicht an eine positive Sozialprognose. Zu oft habe der Mann brutal zugeschlagen und sich anderer Vergehen schuldig gemacht. Unter anderem finden sich Raub, gefährliche Körperverletzung, sexuelle Nötigung und vieles mehr in seinem Vorstrafenregister.

Langes Vorstrafenregister

Noch dazu seien alle Bewährungen schiefgegangen. So engmaschig wie nötig erscheine, könne er ihrer Meinung nach nicht betreut werden, resümierte sie und forderte eine Gesamtstrafe von zwei Jahren und vier Monaten.

„Sie hat meinen Mandanten schon aufgegeben“, ärgerte sich der Anwalt, erinnerte an die Resozialisierungsfunktion des Strafvollzuges und sprach sich für ein Jahr und sechs Monate aus – mit dem Hinweis, dass das Risiko „kalkulierbar“ sei.

Letztendlich bekam der Angeklagte die von ihm erhoffte Bewährungsstrafe – aber mit einem engen „Korsett“, wie die Richterin betonte: Er muss sich unter anderem regelmäßigen Alkoholkontrollen unterziehen, eine Therapiegruppe besuchen und ein Bildungsangebot an der Abendschule wahrnehmen.

Von Florian Lerchbacher

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