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Ostkreis Wenn plötzlich die Orientierung fehlt
Landkreis Ostkreis Wenn plötzlich die Orientierung fehlt
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10:58 06.05.2020
Das Auto des Vereins LOK steht vor der Tür der geschlossenen Tagesstätte in der Wetzlarer Straße in Stadtallendorf. Quelle: Michael Rinde
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Stadtallendorf

Wenn die Orientierung wegbricht trifft das jeden – psychisch erkrankte Menschen ganz besonders drastisch. Egal, ob sie unter Depressionen, Angststörungen wie einer Psychose oder Schizophrenie leiden.

Teilweise jahrzehntelang gab ihnen die Tagesstätte des Stadtallendorfer Vereins LOK einen Anlaufpunkt und damit eine Struktur für den Alltag. Doch die Corona-Pandemie und der nötige Lockdown ließ all das in ganz kurzer Zeit zerplatzen.

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Angesichts von bis zu 40 Klienten, die allein den täglichen Mittagstisch der Tagesstätte nutzten, war die Schließung unvermeidlich, wie Reiner Nau und Justine Schindler von der LOK erläutern.

Nau und Schindler telefonierten im Beisein der OP und mit Wissen der Betroffenen mit mehreren ihrer Klienten. Diese nutzen teilweise sowohl das Angebot der Tagesstätte als auch das des Betreuten Wohnens der LOK. Es ist bei allen Gesprächspartnern am Telefon sehr gut hörbar, wie sehr ihnen etwas Wichtiges und Vertrautes in diesen Wochen jetzt fehlt.

Gerade geht es nicht so gut

Sie klingen allesamt traurig, eine von ihnen redet beinahe ununterbrochen, eine andere gibt sich einsilbig. Alle Klienten stammen aus dem Ostkreis, dem Einzugsgebiet des Vereins LOK und seiner Einrichtungen wie Tagesstätte und Betreutem Wohnen.

Es gehe ihr gerade nicht so gut, bekennt eine 75-Jährige am Telefon, sie habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Seit 1975 leidet sie unter schweren Depressionen. Anfang der 1980er-Jahre kam sie nach Stadtallendorf, arbeitete noch einige Jahre bei einem großen Unternehmen. Doch das krankheitsbedingte Aus im Berufsleben kam dann schnell und war unabwendbar.

Notangebot mit Hausbesuchen

„Ich sage es so wie es ist, ich bin lebensmüde“, bekennt die 75-Jährige. Allein deshalb ist ständige Betreuung wichtig, auch wenn sie aktuell keine Selbstmordgedanken hegt. Seit 1994 besucht sie die Tagesstätte. „Dann bin ich nicht so alleine“, sagt sie.

Jetzt kommen ihre Mahlzeiten per „Essen auf Rädern“. Das hat die LOK in ihrem Falle sofort organisiert. Sie ist eine von vielen Klienten, die überhaupt keine Angehörigen mehr haben, also auch keine Ausweichmöglichkeiten und eben Gesprächspartner.

Außerdem gibt es Hausbesuche ihrer Betreuer von der LOK. Das ist das Notangebot, welches das Team für seine Klienten geschaffen hat. Hinzu kommen regelmäßige Anrufe. Auch, damit die erkrankten Menschen zum Beispiel wichtige Arzttermine nicht versäumen und nicht gänzlich den Bezug zum Alltag draußen verlieren.

Das Gegenteil von dem, was sie brauchen

Das ist in Zeiten der Pandemie in mehrerer Hinsicht wichtig und wertvoll. „Denn viele Klienten haben aufgrund ihrer psychischen Erkrankung große Angst, an Corona zu erkranken und daran zu sterben“, erklärt Justine Schindler.

Da gilt es, aufzuklären, zu beruhigen, den Kontakt aufrechtzuerhalten – auch, um zu erkennen, was für Hilfen jetzt notwendig sind. Mancher Erkrankte wähle jetzt den Weg in die Selbstisolation, sagt Reiner Nau.

Das ist genau das Gegenteil von dem, was den LOK-Klienten eigentlich hilft. Die Tagesstätte verfolgt den Ansatz, Menschen mit Menschen zusammenzubringen, Isolation zu verhindern und Struktur für den Alltag zu geben.

Es geht nicht nur ums gemeinsame Essen

„Allein zu sein ist nicht schön“, fasst es eine 38-Jährige zusammen. War es bisher die Tagesstätte, die ihr Halt gab, so freut sie sich jetzt auf den Besuch ihrer Betreuerin alle paar Tage. Und auf den gemeinsamen Spaziergang durch die Stadt.

In der Tagesstätte gehe es nicht nur um das gemeinsame Essen. „Es gibt das Zusammensein und das Arbeiten“, sagt die Frau aus dem Ostkreis. Zur Tagesstätte gehören auch Beschäftigungsangebote, außerdem kurze Ausflüge.

Alle warten auf den Neustart

Die jetzige Form der Betreuung könne nur eine Notlösung sein, sagen Nau und Schindler unisono. Wobei noch nicht genau absehbar ist, wie lange das gesamte LOK-Team diese Nothilfe noch aufrechterhalten muss. „Wir warten auf die genauen Vorgaben, wie ein Neustart aussehen könnte“, sagt Reiner Nau. Vorstellbar sei eine Arbeit in Kleingruppen, eine Aufteilung der Klienten auf Vormittag und Nachmittag zum Beispiel.

Platzmangel gibt es in den Räumen in der Wetzlarer Straße nicht. Das schafft auch in der jetzigen Situation zumindest mögliche Spielräume. Im Betreuten Wohnen werden derzeit 70 Klienten von der LOK begleitet, die Tagesstätte hat 40 Klienten, die die Angebote im Normalbetrieb regelmäßig nutzen.

Von Michael Rinde