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Ostkreis Konsens gibt es, einen kleinen
Landkreis Ostkreis Konsens gibt es, einen kleinen
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08:32 22.10.2020
Der heimische CDU-Landtagsabgeordnete Dirk Bamberger (rechts), sein Vogelsberger Parteikollege Michael Ruhl (links) sowie die Landtagsabgeordnete der Grünen Katy Walther diskutierten mit zwei Aktivisten über die A 49. Quelle: Nadine Weigel
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Niederklein

Am Ende wird es doch noch emotional. „Ich arbeite seit 32 Jahren bei der Firma Winter und ich habe so viele Kollegen verloren, weil Arbeit ins Ausland verlagert wurde. Warum? Weil sie sagen: keine Autobahn, keine Arbeit für euch“, ruft der ältere Mann aufgebracht in Richtung zweier vermummter A-49-Gegner, die am Waldrand des Geierberges stehen und sich mit dem heimischen CDU-Landtagsabgeordneten Dirk Bamberger, seinem Vogelsberger Parteikollegen Michael Ruhl und der Grünen-Landtagsabgeordneten Katy Walther unterhalten.

Der Anwohner ist aufgebracht. Er moniert, dass die Wege verbarrikadiert seien und er gar nicht mehr richtig mit seinem Hund spazieren gehen könne. „Das tut uns leid, wir beide waren das nicht, aber Ihnen ist schon bewusst, dass genau hier mal eine Autobahn sein wird und Sie dann gar nicht mehr spazieren gehen können?“, entgegnet der Aktivist, der sich Guerrero nennt.

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Es war ein kleiner Schlagabtausch an einem ansonsten ruhigen Tag. Während am Vortag noch zahlreiche Baumbesetzer von der Polizei unter Protest aus dem Waldstück am Geiersberg zwischen Niederklein und Stadtallendorf getragen wurden, war dort am Mittwoch kein einziges Polizeifahrzeug zu sehen. Deges und Polizei hatten kurzerhand die Strategie geändert und die Rodungsarbeiten zurück in einen anderen, bereits geräumten Teil des Herrenwaldes nahe der Kurt-Schumacher-Straße verlagert.

Eine Hundertschaft an Polizeikräften aus Berlin und Rheinland-Pfalz bewachte die mit rotem Flatterband abgesperrten Bereiche. Es blieb ruhig. Autobahngegner unternahmen keine Störversuche und so zeigte sich Deges-Sprecher Michael Zarth am Abend zufrieden. Etwa 3,5 Hektar Bäume seien gefällt worden. Damit haben die Forstunternehmen im Deges-Auftrag bisher 27 Hektar Wald im Herrenwald und im Maulbacher Wald gefällt. Insgesamt sollen für die A-49-Trasse rund 85 Hektar Bäume weichen. „Durch die ganzen Ausgleichsmaßnahmen wird die Situation für die Natur nach dem Autobahnbau besser sein als vorher“, sagte Dirk Bamberger im Gespräch mit den Aktivisten und verwies darauf, dass die Rodungstrasse „ein forstwirtschaftlicher Nutzwald“ sei, aus dem ohnehin Bäume über die Jahre entnommen werden würden. Auch die Entlastung der Anwohner der B 3 sowie der B 62 und die Entzerrung der Verkehrsströme auf der A 7 führte Bamberger als positiven Nutzen des Lückenschlusses an.

Überzeugen konnte er die beiden Baumbesetzer damit nicht. „Es reicht nicht, 100 Hektar alten Wald zu fällen und dann 300 Hektar neuen Wald zu pflanzen. Wir brauchen alten Wald, wir sind in einer Klimakrise“, betonte Aktivist Appo.

Katy Walther (Grüne) pflichtete ihm bei: „Wir kennen das schon aus anderen Ausgleichsmaßnahmen, dass es schwierig ist, den ökologischen Nutzen eines alten Waldes wieder zu erreichen“, so Walther, die kritisierte, dass zu viele Projekte heutzutage noch auf den Autoverkehr ausgerichtet seien. Bamberger verwies auf den schwarz-grünen Koalitionsbeschluss, in die Sanierung alter Straßen zu investieren, um den Bau neuer Straßen zu vermeiden.

Der von den Aktivisten geforderte Schwerpunkt auf ÖPNV sei im ländlichen Raum kaum umzusetzen, betonte Michael Ruhl. „In kleinen Ortschaften braucht man ein Auto“, erklärte der Vogelsberger, musste sich dann aber die Frage der Aktivisten gefallen lassen, ob man nicht Carsharing in solchen Dörfern fördern könne.

Bei allen Unterschieden in der Diskussion erreichte die spontane Gesprächsrunde am Geiersberg zumindest einen kleinen Konsens: In Sachen Gewalt waren sich alle einig. Gewalttätiger Protest gehe gar nicht. Das sahen auch die beiden Aktivisten so: „Wenn man einen Stein auf einen Polizisten wirft, trifft man nicht nur die Uniform, sondern auch das Individuum.“

Von Nadine Weigel und Michael Rinde