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Ostkreis Konfrontation mitten im Protestcamp
Landkreis Ostkreis Konfrontation mitten im Protestcamp
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21:00 20.11.2020
Campbewohner und Polizisten standen sich am Freitag am Rande des Sportplatzes zeitweise direkt gegenüber. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Dannenrod

Es war ein besonderer Tag der Auseinandersetzungen zwischen Waldbesetzern auf der einen und der Polizei auf der anderen Seite. Mitten im Protestcamp am ehemaligen Dannenröder Sportplatz eskalierte die Situation, sie schaukelte sich vor allem im weiteren Verlauf regelrecht hoch. Was war geschehen? Nach Darstellung der Polizei hatte sich ein Einsatzfahrzeug im Bereich des Camps festgefahren und sollte freigeschleppt werden.

Warum das Fahrzeug diesen Weg mitten durch das Zentrum der Umweltaktivisten genommen hatte, war am Freitag unklar. Ein Räumpanzer rückte an, um es freizuschleppen. Der wurde von etwa 30 A-49-Gegnern blockiert, teilweise besetzt und beschmiert. Daraufhin sei Verstärkung angefordert worden, berichtet ein Polizeisprecher. Ein Wasserwerfer rückte an, kam aber nicht zum Einsatz, dazu ein Großaufgebot von Beamten. „Warum das hier so eskaliert, verstehe ich nicht“, sagte ein Dorfbewohner, der die Situation aus der Entfernung verfolgt hatte. Damit bestätigte er ähnliche Eindrücke von Beobachtern an diesem Mittag.

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Die Situation am Räumpanzer beruhigte sich danach zunächst. Als die Polizei dann aber versuchte, eine Barrikade am Rande der Wiese auf einem Feldweg zu räumen, gab es erneut massiven Ärger. Zwei Campbewohner kletterten auf die Barrikade und wurden von Beamten heruntergeholt. Ein Mann leistete deutlichen Widerstand, eine Frau ließ sich hingegen ohne Gegenwehr problemlos heruntergeleiten. Was der Frau dabei genau widerfuhr, war am Freitag unklar. Ein Polizeisprecher bezeichnete sie als leicht verletzt, es kursierten vor Ort unbestätigte Aussagen über Kreislaufprobleme. Sie kam mit dem Rettungswagen zur Untersuchung ins Krankenhaus.

Situation schaukelt sich gefährlich auf

Polizeieinheiten sammelten sich dann am Rande des Sportplatzes, wohin sich auch Teile der Campbewohner zurückgezogen hatten. Warum die Polizisten dann letztlich auch über das Gelände liefen, ob sie jemand gezielt verfolgt haben, der im Verdacht von Straftaten stand, wie spekuliert wurde, ließ sich bis gestern Abend nicht klären. Ein Polizeisprecher wollte dem Eindruck, dass sich dort eine Situation hochgeschaukelt hat, nicht widersprechen. Es gab mindestens eine Festnahme im Zusammenhang mit den Blockaden.

Wie angespannt die Situation derzeit ist, zeigte sich auch an anderer Stelle: Polizisten mussten sich in dieser Situation wieder einmal erhebliche Beleidigungen und Drohungen anhören. Auf dem Sportplatz standen zwei „Communicatoren“ auf Aufforderung eines Versammlungsleiters. Communicatoren sind speziell für Gespräche eingesetzte Beamte. Warum ihre Kollegen auf den Platz gelaufen waren, wussten sie nicht zu sagen. „Verpisst euch, setzt besser eure Helme auf“, schrie ein komplett Vermummter. An anderer Stelle wurde einem einzelnen Beamten nahe der Mahnwache lauthals gedroht, er solle lieber nicht allein unterwegs sein. Das wiederum ließ den Polizisten in dieser Situation augenscheinlich völlig unbeeindruckt.

Weiteres Camp ist geräumt

Währenddessen liefen die Baumfällarbeiten im Süden wie im Norden des Dannenröder Waldes weiter. Höhenretter räumten in einem nur noch rudimentär vorhandenen Camp letzte Baumhäuser. Widerstand gab es dort nicht. Ein leeres Baumhaus aus Sperrholzplatten fiel krachend zu Boden, während sich die Baumfällmaschinen immer näher an den Ort des Geschehens heranarbeiteten. Die Projektgesellschaft Deges schätzt, dass nach gut einer Woche mehr als ein Drittel der Bäume auf der Trasse gefällt sind. Drei Camps von ursprünglich elf sind mittlerweile geräumt, so die Polizei.

Klar ist, dass die Baumfällarbeiten am Wochenende weitergehen werden, auch am Totensonntag. Vertreter der evangelischen Kirche in Hessen, darunter Propst Helmut Wöllenstein aus Marburg, hatten dazu aufgefordert, wenigstens am Sonntag auf Baumfällungen unter Polizeieinsatz zu verzichten. Dazu wird es nun definitiv nicht kommen, wie auch Deges bestätigt. Klar ist auch, dass es am Sonntag wieder einen Waldspaziergang geben wird. Und es sind im Nachrichtendienst Twitter auch Ankündigungen zu finden, dass das Bündnis „Ende Gelände“ Blockadeaktionen plant. Möglicherweise droht also erneut ein unruhiges Wochenende.

Gestern kam es in Wiesbaden auch zu einer Protestaktion vor der Landesgeschäftsstelle von Bündnis 90/Die Grünen. Zwei Bäume wurden dort von Mitgliedern der Organisation Robin Wood besetzt.

Von Michael Rinde