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Ostkreis Kommt es im Forst zur Eskalation?
Landkreis Ostkreis Kommt es im Forst zur Eskalation?
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19:35 18.08.2020
A49-Gegner stehen bei einer Pressekonferenz im Dannenröder Forst.
A49-Gegner stehen bei einer Pressekonferenz im Dannenröder Forst. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Dannenrod

Wie geht es weiter im Dannenröder Forst? Die Stimmung scheint hitzig: Auf der einen Seite stehen die Deges (Die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH) und das Freiherrlich Schenck’sche Forstamt Schweinsberg, auf der anderen Seite die Aktivisten, die sich gegen den Bau der Autobahn 49 stellen. Und die Vorwürfe, die einander gemacht werden, haben es in sich. Forstamtsleiter Hubertus Bieneck sorgt sich um den Brandschutz und die Forstwirtschaft, berichtet aber auch von Bedrohungssituationen. Die Aktivisten fühlen sich derweil bedroht.

Bieneck betont im Gespräch mit dieser Zeitung, dass die Wege im Dannenröder Forst dringend frei bleiben müssten, um den Wald weiter bewirtschaften zu können – vor allem aber auch, um den Brandschutz gewährleisten zu können. Zum einen, weil aufgrund der großen Hitze derzeit akute Waldbrandgefahr bestehe, zum anderen aber auch, weil die Baumhausbewohner offenes Feuer machen würden, Kochstellen betreiben und sogar Photovoltaikanlagen auf zweien ihrer Häuser installiert hätten.

Ein großes Problem sei, dass die Aktivisten Löcher in die Wege gegraben und Barrikaden aufgestellt hätten. Vor einigen Monaten sei dies bereits der Fall gewesen, doch nach klärenden Gesprächen hätten die A49-Gegner die Hindernisse wieder entfernt. Damals habe er mit „drei ganz vernünftigen“ Menschen verhandelt – doch inzwischen lasse sich weniger gut mit den Aktivisten reden. Diese hätten erneut Barrikaden aufgestellt und sie, nachdem er mit der Polizei drohte, auch wieder entfernt. Dennoch sei er nicht bereit, das Spielchen noch einmal mitzumachen.

Aus diesem Grund patrouilliere nun ein Sicherheitsdienst in dem Gebiet – dessen Fahrzeug Aktivisten umstellt und die Mitarbeiter aus dem Wald vertrieben hätten. Ein dieser Zeitung zugespieltes Foto zeigt eine Situation, die an Guerillakriege erinnert. Anzeige sei gestellt, und dies sei auch nicht der einzige Fall, in dem die Aktivisten Menschen Angst gemacht hätten – es sei sogar mit dem Einsatz von Waffen gedroht worden.

Außerdem moniert der Forstamtsleiter, dass Aktivisten Jagdeinrichtungen und auch schon eine Eichenkultur zerstört hätten. Eine weitere Neuerung neben dem Sicherheitsdienst: Deges und das Forstamt bauen Schranken auf, damit kein „unkontrollierter Fahrzeugverkehr“ im Wald erfolge – die Gefahr, dass Autos Feuer auslösten, sei bei „normalen Fahrzeugen“ groß, während die von Forstmitarbeitern genutzten SUVs höher über dem Untergrund lägen und damit sicherer seien.

Auf Nachfrage dieser Zeitung erklärt eine Aktivistin, dass der Kontakt zum Forstamt eigentlich gut sei. Gleichzeitig räumt sie aber auch ein, dass sich die Waldbesetzer provoziert, wenn nicht gar bedroht fühlten durch den Einsatz des Sicherheitsdienstes – der derselbe sei, der einst im Hambacher Forst tätig war und sich dort einen Namen als „brutaler Schlägertrupp“ gemacht habe.

Bieneck sagt, das Unternehmen sei das einzige gewesen, dass sich zugetraut habe, im Forst tätig zu werden. Die Aktivistin bezeichnet dies als vorgeschobenen Grund. Viel eher würden die Sicherheitsdienstmitarbeiter auch unbescholtene Waldspaziergänger verunsichern, wenn nicht gar bedrohen – einfach, indem sie sich ihnen in den Weg stellten. „Wir sind nicht angriffslustig“, sagt die Frau und ergänzt, dass die Anschuldigungen den Sinn hätten, die Aktivisten als gewaltbereit darzustellen. „Dass die Schlägertruppe zum Einsatz kommt, ist klares Zeichen, dass Deges die Eskalation will“, meint sie, erklärt aber gleichzeitig auch, dass die Aktivisten sich aus autonomen Gruppen zusammensetzten: „Ich kann nur für mich reden. Was bestimmte Menschen machen, dafür tragen sie eben selber die Verantwortung.“

Deges und das Forstamt jedenfalls fordern die Aktivisten auf, „sich aus dem Wald zurückzuziehen und unter allen Umständen die Regeln zur Vermeidung von Waldbränden einzuhalten sowie die Erreichbarkeit von Rettungspunkten nicht zu blockieren“.

Derweil hat ein Bürger des Landkreises ganz andere Pläne: Er hat Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Gießen gestellt „wegen illegalen, verbotenen Hüttenbaus“. Die rechtliche Festlegung sei, dass die Benutzung des Waldes zum Lagern über Nacht bei Dunkelheit, zum Zelten oder Campieren ohne Erlaubnis verboten sei und mit Geldstrafe zu ahnden ist. Und erst recht sei das Errichten einer oder mehrerer bewohnbarer Hütten unzulässig.

Mahnwache vor dem Hessischen Landtag

Er fordert Polizei und Staatsanwaltschaft auf zu handeln. In diesem Zusammenhang erinnert er an die Proteste rund um den geplanten Bau der Startbahn West in Frankfurt in den 1980er Jahren: „Die Behörden schauten – wie heute auch – dem illegalen Bau eines Hüttendorfes mit Kirche im Wald bei Mörfelden-Walldorf tatenlos zu. Als dann die Rodung des Waldes und der Bau der Startbahn beginnen sollten, mussten Polizeibeamte einen hohen Preis für das schludrige Nichthandeln der eigentlich zuständigen Behörden bezahlen. Polizeibeamte wurden verletzt. Demonstranten wurden verletzt. Es gab Chaos.“ Das drohe wieder – müsse aber dringend verhindert werden.

Das bundesweite Bündnis „Wald Statt Asphalt“ – bestehend aus zahlreichen Gruppierungen – plant für Freitag einen dezentralen Aktionstag, der sich gegen den Weiterbau der A49 und die Rodung des Dannenröder Forstes richtet. Unter anderem sind eine 24-stündige Mahnwache vor dem Hessischen Landtag in Wiesbaden und eine Demo in Marburg vorgesehen. Im Forst an sich werde es keine Aktion geben, erklärt die Aktivistin gegenüber der Oberhessischen Presse: „Wir leben ja quasi eine permanente Protestform. Unser Fokus liegt darauf, das Thema in die Städte zu bringen.“

Von Florian Lerchbacher

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