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Ostkreis Neuer Brennstoff, neue Technik
Landkreis Ostkreis Neuer Brennstoff, neue Technik
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00:20 26.05.2019
Der „Owe“ brennt: Den historischen Moment genießen Dr. Oliver Bastian (EAM Energie Plus), Ulrike Simon, Professor Rainer Waldhardt, Ursula Losekant-Hofmann (alle Bioenergiegenossenschaft Kleinseelheim) und Ulrich Löttert-Götz (EAM Natur, Leiter Bioenergie). Quelle: Matthias Mayer
Kleinseelheim

Seit diesem Moment darf sich Kleinseelheim Bioenergiedorf nennen, denn seit diesem Augenblick werden die derzeit knapp 70 an das Nahwärmenetz angeschlossenen Häuser mit biologisch erzeugter Heizenergie versorgt.

„Es ist wunderbar, dass der Ofen brennt. Es war ein langer Weg für uns. Wir haben positive Rückmeldungen unserer Genossenschaftsmitglieder bekommen. Die haben vom funktionierenden System berichtet, auch wenn die Wärme zunächst aus dem Flüssiggas-Ofen kam“, erklärte Professor Rainer Waldhardt.

Zusammen mit seinen Vorstandskollegen Ulrike Simon und Armin Bothur hatte Waldhardt große Lasten zu tragen. Diese entstanden durch die enormen Verzögerungen im Bauplan, für die die Genossenschaft nicht verantwortlich war.

Ein Ergebnis: Die Genossenschaft konnte nicht zum im Geschäftsplan festgelegten Zeitpunkt Nahwärme verkaufen, worauf sie vorübergehend in Schieflage geriet. Erst am 22. Oktober 2018 gingen die ersten Wohnhäuser ans Netz.

Endarbeiten gehen dem Ende entgegen

„Ich bin auch als Mitglied überzeugt von unserem Weg“, erklärte Waldhardt, der zugleich Verständnis für den Unmut vieler Kleinseelheimer äußerte. Die Bauphase sei zu lang und zu belastend gewesen. Als kleine Entschädigung wolle die Genossenschaft am 5. Juli die Dorfgemeinschaft zu einem Fest einladen, so das Vorstandsmitglied.

Derzeit gehen die Erdarbeiten dem Ende entgegen. Wie Rainer Waldhardt mitteilte, müssen noch das Bürgerhaus, das Sportheim des RSV Kleinseelheim und die Kindertagesstätte ans Netz angeschlossen und die Zuleitung zum Dorfplatz verlegt werden.

Ab Juli sollen die letzten Asphaltierungsarbeiten erfolgen. Bis dahin sei es für Interessenten noch ziemlich einfach, sich an das Netz anschließen zu lassen. Wie diese Zeitung berichtete, setzt Kleinseelheim auf einen noch ungewöhnlichen Energieträger.

Der heißt im Amtsdeutsch: „Landschaftspflegematerial“. Hinter dem Begriff verstecken sich Hecken und Sträucher, welche Kommunen, Gewerbetreibende und Privatleute bei der EAM Natur in Stausebach anliefern.

Ofen bringt eine Leistung von 950 kW 

Ein besonderer Energieträger erfordert eine besondere Technik. Dr. Oliver Bastian, Leiter Engineering bei EAM Energie Plus, stellte diese beim Rundgang mit der OP vor. Das geschredderte Astwerk wird in Stausebach in Container verladen und nach Kleinseelheim in die Heizzentrale verbracht.

Im Sommer wird ein Container pro Woche benötigt, im Winter sind das deren vier. Bevor das Material in den Ofen kommt, muss es erst getrocknet werden. Das geschieht über das sogenannte Heizregister. Diese Maschine treibt mit Abwärme auf dem zweigeschossigen Ofen das Wasser aus dem Brenngut.

Erst dann kommt das Material auf der Kratzkette, die auch mal derbes Material verträgt, in den Ofen. Was Bastian besonders beeindruckt, ist die Tatsache, dass erstmals energetisches Material zur Nahwärmegewinnung genutzt wird, das üblicherweise an der Straße liegen bleibe. Bis zu 200.000 Liter Heizöl könnten so in Kleinseelheim eingespart werden.

Stolze 950 kW Leistung bringt der von der Schweizer Firma S Schmid gelieferte Ofen. Was diesen nicht verlassen soll, geht durch einen Elektrofilter und einen Zyklonabscheider gereinigt ins Freie.

Anlage lässt sich über ein Smartphone überwachen

Die verbliebene Rostasche ist unbedenklich und landet in einem Kunststoffsack. Den gleichen Weg gehen auch die Zyklonasche und die Filter-Asche, die allerdings entsorgt werden müssen.

Reicht die Leistung an kalten Wintertagen nicht ganz aus, wird der Flüssiggas-Ofen aktiviert, der als Backup-Lösung dient. Damit dieser möglichst selten anspringt, gibt es noch einen 60 Kubikmeter großen Wärmespeicher, der bis unter das Hallendach reicht.

Die Schweizer Firma S Schmid hat die komplette Hardware für die Heizzentrale geliefert: Kesselanlage, Fördertechnik, Brennstoffcontainer, Heizregister und Filter. Die Anlage lässt sich über ein Smartphone ständig überwachen. Störungen laufen beim Hersteller auf.

„Es ist das erste Mal, dass wir mit einer Genossenschaft dieses Biomasse-Konzept umsetzen – und das zu 100 Prozent“, unterstrich Ulrich Löttert-Götz von der EAM Natur die Bedeutung des Projekts, der das Vorhaben der Genossenschaft Stausebach folgen solle.

Genossenschaftsmitglied Martin Methfessel sieht die Genossenschaft auf dem richtigem Weg. „Es stand für mich mit Blick auf die Klimapolitik fest, dass ich mitmachen würde. Die Investition ist zwar riesengroß, aber auf Sicht wird sich zeigen, dass sich diese gelohnt haben wird“, sagte der Familienvater.

von Matthias Mayer