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Kleiner Piks mit großer Hoffnung
Kleiner Piks mit großer Hoffnung
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08:58 24.01.2021
Daumen hoch: Annette Schulz, Mitarbeiterin im „Haus Elisabeth“ ist froh, dass sie am Freitag ihre zweite Corona-Impfung erhalten hat. Sven Kötter vom mobilen Impfteam des Landkreises gibt ihr die Spritze.
Daumen hoch: Annette Schulz, Mitarbeiterin im „Haus Elisabeth“ ist froh, dass sie am Freitag ihre zweite Corona-Impfung erhalten hat. Sven Kötter vom mobilen Impfteam des Landkreises gibt ihr die Spritze.
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Kirchhain

Tränen schießen ihr in die Augen. Elisabeth Fröhlich muss weinen, wenn sie an die Zeit des Corona-Ausbruchs im Evangelischen Altenhilfezentrum zurückdenkt. Drei Jahre lebt sie nun im „Haus Elisabeth“ in Kirchhain. Es ist ihr neues Zuhause geworden. Sie fühlt sich wohl, gut aufgehoben. „Aber diese Zeit war schlimm. Zu erleben, wie Menschen, die man kannte, sterben, das war sehr, sehr traurig“, sagt die 94-Jährige mit bebender Stimme und fügt kopfschüttelnd hinzu: „Da kann ich wirklich nicht verstehen, wieso sich Menschen nicht impfen lassen wollen.“

Sie selbst hat gerade ihre zweite Corona-Impfung bekommen. „Ich fühle mich gut, auch nach der ersten Impfung hatte ich keinerlei Beschwerden“, betont die rüstige Dame, die mit ihrem Rollator noch recht flott unterwegs ist.

Sie ist eine von insgesamt 104 Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Beschäftigten des Heimes, die am Freitagmorgen ihre zweite Impfung mit dem Biontech-Pfizer-Impfstoff bekommen.

Ein mobiles Impfteam des Landkreises Marburg-Biedenkopf hat im großen Aufenthaltsraum, dessen Türen zum Garten weit geöffnet sind, sein Lager aufgeschlagen. Alles läuft unter strengsten Hygienebedingungen ab. Im Nebenraum bereiten zwei medizinische Mitarbeiter des Teams die Impfungen vor. Sie entnehmen die Glasampullen mit dem Impfstoff der Kühlbox, ziehen mit den Spritzen vorsichtig die wertvolle Flüssigkeit auf. Sie sind hochkonzentriert. Sobald die Spritzen bereit sind, bringt sie ein Mitarbeiter in den improvisierten Impfraum, in dessen Mitte ein Tisch steht, an dem zwei weitere Mitarbeiter des Impfteams alles dokumentieren.

Arzt Andreas Vidal ist für die Pandemiebekämpfung aus dem Ruhestand zurückgekehrt. Der 72-Jährige unterstützte bereits beim ersten Impfdurchgang um die Weihnachtstage herum. „Die Ärztekammer hatte mich angeschrieben und da ich Zeit habe, die Kinder sind ja aus dem Haus, helfe ich doch gerne“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Behutsam redet er mit den Bewohnern, erklärt mögliche Nebenwirkungen und hält bei einigen auch mal die Hand. Doch den kleinen Piks der Spritze merken die meisten gar nicht. „Ach, schon fertig? Ja sowas, das gibt’s doch gar nicht“, jauchzt eine ältere Dame und fängt an zu lachen. Es läuft wie am Schnürchen. Die Bewohnerinnen und Bewohner, die nicht mehr mobil sind, werden mit dem Rollstuhl gebracht. Niemand muss vor der Tür lange warten.

Die Stimmung ist heiter, es wird viel gelacht an diesem Morgen. Viele sind offensichtlich erleichtert, nun die zweite Impfung zu erhalten. „Ich hoffe sehr, dass die Impfungen ausreichend Schutz bieten, sich nicht mehr anstecken zu können. Auch mit Hinblick auf die Mutationen hoffe ich, dass uns mit den Impfungen das, was wir letztes Jahr erlebt haben, erspart bleibt“, sagt Pflegedienstleiter Björn Borgmann. 26 der mehr als 90 Bewohner hatten sich zwischen Oktober und Dezember mit dem Coronavirus infiziert. Sechs von ihnen waren verstorben.

„Es war furchtbar, ein absoluter Alptraum, den ich so nicht noch einmal erleben möchte “, erinnert sich Heike Preis-Wege. Seit 35 Jahren arbeitet sie in der Pflege. Für sie ist es nicht nur wegen ihrer Erfahrungen im Haus Elisabeth selbstverständlich, dass sie sich impfen lässt. „Ich habe ein Kind, ich habe Eltern und Geschwister. Allein, um meine Familie zu schützen, würde ich mich impfen lassen“, betont sie. Auch ihre Kollegin Inge Nau hat ihre zweite Impfung erhalten und fühlt sich „wunderbar“. Schon nach der ersten Impfung habe sie keinerlei Nebenwirkungen gespürt. Sie kann nicht nachvollziehen, wieso es gerade in der Pflege Mitarbeitende gibt, die eine Impfung ablehnen. Erst vergangene Woche hatte Bayerns Ministerpräsident Söder ein Impfpflicht für Pflegekräfte ins Spiel gebracht, mit Hinblick auf Meldungen, dass vor allem Pflegekräfte die Corona-Impfungen ablehnten. Daraufhin hatte der Deutsche Ethikrat vermeldet, unter bestimmten Umständen könne über eine „bereichsbezogene Impfpflicht“ nachgedacht werden.

Impfungen in 35 Heimen des Landkreises

Im evangelischen Altenhilfezentrum „Haus Elisabeth“ braucht es das nicht. „Ich bin ganz froh, dass wir hier mehr Impfwillige haben, als uns momentan Impfstoff zur Verfügung gestellt werden kann“, sagt Pflegedienstleiter Björn Borgmann. Zu den Menschen, die noch auf eine Impfung warten, gehören zum einen neue Bewohnerinnen und Bewohner, zum anderen auch Personen, die bereits eine Corona-Infektion hatten oder Menschen, die sich zwischenzeitlich doch dazu entschieden haben, sich impfen zu lassen.

Fakt ist, dass im Landkreis Marburg-Biedenkopf bislang 291 Personen beide Impfungen erhalten haben. (Datenstand ist der 21.01.2021 – damit sind zum Beispiel die 104 Geimpften im Haus Elisabeth noch nicht mitgezählt). Das teilte die Pressestelle des Landkreises auf Anfrage der OP mit. Die erste Dosis des Biontech-Impstoffes haben im Landkreis bisher 4.243 Menschen erhalten. Insgesamt wurden in 35 Heimen im Landkreis Corona-Impfungen durchgeführt. Wie überall sei auch in Marburg-Biedenkopf der Impfstoff derzeit noch eine Mangelressource, heißt es aus der Kreisverwaltung.

Von Nadine Weigel