Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Teststäbchen statt schwerer Brückenteile
Landkreis Ostkreis Teststäbchen statt schwerer Brückenteile
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:58 04.02.2021
Soldaten helfen nun beim Testen in Altenheimen. Leutnant Nils Twielemeier steckt ein Wattestäbchen nach einem Schnelltest zurück in ein Röhrchen.
Soldaten helfen nun beim Testen in Altenheimen. Leutnant Nils Twielemeier steckt ein Wattestäbchen nach einem Schnelltest zurück in ein Röhrchen. Quelle: Foto: Nadine Weigel
Anzeige
Kirchhain

Es sind nur Sekunden, in denen sich das kleine Stäbchen tief in der Nase befindet. Sehr tief. „Tut mir leid, das muss so sein“, sagt Leutnant Nils Twielemeier beim Schnelltest im Evangelischen Altenpflegezentrum St. Elisabeth. Es schmerzt einen kurzen Moment. Marlena Franz vom Altenpflegeteam reicht gleich ein Taschentuch herüber. Twielemeier und Oberstabsgefreiter Tim Meyer sind zwei der 24 Bundeswehr-Soldaten, die seit gestern im Landkreis in Alteneinrichtungen helfen. Der Kreis lud gestern kurzfristig in das Kirchhainer Altenpflegezentrum ein, um einen Eindruck von dieser schon etwas besonderen Unterstützung zu vermitteln.

Die „helfenden Hände“ stammen allesamt aus dem Panzerpionier-Bataillon 1 aus Niedersachsen. Statt Brückenteilen bewegen diese Soldaten jetzt Teststäbchen. Zweieinhalb Wochen sind die Soldaten jetzt im Einsatz im Kreis Marburg-Biedenkopf, wenn nötig an sieben Tagen. Sie sind nicht in der Stadtallendorfer Kaserne einquartiert, die voll belegt ist, sondern in Marburg untergebracht. Alle Soldaten sind freiwillig in diesen besonderen Einsatz gegangen, wie Leutnant Twielemeier erklärt. „Wenn Hilfe gebraucht wird, dann helfen wir natürlich“, beschreibt er seine Motivation. Die Zusammenarbeit mit Gesundheitsamt und Pflegepersonal war bisher „rundum gut“, so die Einschätzung des Soldaten. Mitarbeiter des Gesundheitsamtes hatten die Soldaten am Montag und Dienstag für ihre Aufgaben geschult. Außerdem gibt es ja auch noch die erfahrenen Mitarbeiter im Altenpflegezentrum, die ihnen beim Start jederzeit zur Seite stehen. Am Mittwoch ist das zum Beispiel Marlena Franz.

Mehr Sicherheit für die Bewohner

Es geht um das Testen und auch um das Dokumentieren. Jeder Besucher in Altenpflegeeinrichtungen wird getestet. Zweimal in der Woche muss auch das Personal abgestrichen werden. Im Evangelischen Altenpflegezentrum Haus Elisabeth waren das allein 140 Tests in der vergangenen Woche, wie Pflegedienstleiter Björn Borgmann erklärt. Das „Haus Elisabeth“ hat das Hilfsangebot durch die Bundeswehr gerne angenommen, wie Borgmann erläutert. „Das hilft, unseren Bewohnern weitere Freiheit und Sicherheit zu geben“, betont er. Mitarbeiter des Altenpflegezentrums können sich wieder mehr auf ihre Kernaufgabe, die Pflege und Begleitung der Bewohner, konzentrieren.

Der Landkreis hatte zunächst den Bedarf bei den Einrichtungen ermittelt und dann das Amtshilfeersuchen gestellt. „Und das lief alles sehr schnell“, lobt Vizelandrat Marian Zachow die Organisation seitens der Bundeswehr. Er sei positiv überrascht gewesen, wie schnell alles realisiert worden sei. Noch am Abend der ersten Kontaktaufnahme gab es eine Rückmeldung aus dem Verteidigungsministerium.

Ein Hilfsangebot, kein Zwang

Ob die Altenpflegeeinrichtungen Unterstützung beim Testen und Dokumentieren bekommen, entscheiden sie selbst. „Es ist ein Angebot, kein Zwang“, hebt Marian Zachow hervor. Im Kreis haben 17 Altenheime und drei Eingliederungshilfe-Einrichtungen davon Gebrauch gemacht. „Auch Nachzügler, die sich das noch einmal überlegt haben, könnten wir noch berücksichtigen“, sagt Dr. Constanze Schul, stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamtes. Bedenken, dass die Soldaten selbst zu einem Infektionsrisiko für Einrichtungen werden könnten, treten die Medizinerin und Zachow gemeinsam entgegen. Alle Soldaten werden innerhalb einer Woche drei Mal getestet. Es gibt zwei Schnell- und einen PCR-Test, der im Labor ausgewertet wird.

Ralf Reul ist Teamleiter für den Bundeswehr-Einsatz innerhalb der Kreisverwaltung. Er lobt die gut strukturierte und an Planen gewöhnte Arbeit der Soldaten ausdrücklich. Der Kreis hat schon sehr gute Erfahrungen mit der Truppe gemacht, als dringend Hilfe für das Gesundheitsamt selbst nötig wurde. Nach wie vor sind elf Soldaten im Kreishaus bei der Kontaktnachverfolgung im Einsatz, das sind inzwischen weniger als beim Start im vergangenen Jahr.

Die Soldaten in den Altenpflegeeinrichtungen helfen nicht nur beim Testen und Dokumentieren. Während des Besuchs der OP kündigen sie zum Beispiel auch Besuche bei den Bewohnern an. Besuche müssen, damit das Testen gewährleistet ist, im Haus Elisabeth abgesprochen werden. Wer seine Lieben häufiger in der Woche besucht, braucht alle 48 Stunden einen neuen Schnelltest. Das hat sich längst eingespielt.

Wahrscheinlich bleibt die Hilfe der Soldaten auf einen Zeitraum von zweieinhalb Wochen befristet. „Wobei ich mir schon eine Verlängerung wünschte“, sagt Zachow. Danach soll es Unterstützung durch von der Arbeitsagentur vermittelte Helfer geben. Die Anfragen hat der Kreis bereits auf den Weg gebracht.

Seit März vergangenen Jahres gibt es in der heimischen Kreisverwaltung die Task Force für Altenheime. Sie berät und begleitet Einrichtungen auch über das Pflichtprogramm hinaus. Auch das ist ein freiwilliges Angebot des Landkreises.

Von Michael Rinde

04.02.2021
03.02.2021