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Ostkreis Einer, der auf die Menschen zugeht
Landkreis Ostkreis Einer, der auf die Menschen zugeht
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13:17 28.05.2019
Klaus Hesse sitzt in seinem Garten ganz oben in Kirchhain. Heute feiert der ehemalige Bürgermeister der Stadt seinen 70. Geburtstag. Quelle: Matthias Mayer
Kirchhain

Gefeiert wird heute im Kreise der Familie mit Kindern und Enkelkindern. Die Stadt ehrt den Jubilar am Samstag, 1. Juni, mit einem Empfang im Bürgersaal des Rathauses. Dort wird sich der Altbürgermeister in das goldene Buch der Stadt eintragen. Dazu werden viele Weggefährten von Klaus Hesse erwartet.

Das Bürgermeisteramt war Klaus Hesse nicht in die Wiege gelegt. Der Vater des gebürtigen Kirchhainers war Eisenbahner. An eine höherere Schulbildung war nicht zu denken. So absolvierte Klaus Hesse die Hauptschule, die zu der Zeit einen ganzen anderen Status besaß. Bei diesem Abschluss sollte es nicht bleiben.

„Die Evangelische Kirche suchte Pfarrer-Nachwuchs. Das interessierte mich. So bin ich von der Hauptschule über die Abendschule zum zweisprachigen Abitur mit Latein und Griechisch gekommen“, erzählte Klaus Hesse im Gespräch mit dieser Zeitung. Tagsüber verkaufte er Metzgerei-Maschinen, abends plagte er sich mit Gerundium, Gerundiv und Ablativus absolutus.

Ein Hauptschüler schafft das Einser-Examen

Unversehens fand sich Klaus Hesse in der Universität wieder und mehr als einmal sagte er in den Hörsälen zu sich selbst: „Warum sitzt du hier? Du gehörst hier gar nicht hin.“ Die Selbstzweifel des ehemaligen Hauptschülers hielten ihn nicht davon ab, sein Studium der Theologie und Germanistik mit der Note 1 abzuschließen.

Der Abschluss fiel in die Zeit des politischen Aufbruchs. Willy Brandt prägte seine Prämisse „Mehr Demokratie wagen“, die letztlich nichts anderes ist, als ein Bekenntnis für eine bürgernahe Politik. Willy Brandt hat Klaus Hesse ebenso beeindruckt wie der Marburger Erziehungswissenschaftler Wolfgang Klafki. Der Kirchhainer wirkte an der Marburger Martin-Luther-Schule als Referendar und als Studienrat.

Bei seinem Wechsel an die Lahntalschule in Biedenkopf als Studiendirektor lernte er Gerhard Bartussek kennen, den späteren Kreistagsvorsitzenden. „Gerhard Bartussek hat mich als Person sehr beeindruckt“, sagte Klaus Hesse, der mit dem Biedenkopfer die gleiche politische Maxime teilt: „Es geht darum, auf die Menschen zuzugehen, ihnen zuzuhören, zu erfahren, was man für sie tun kann. Der größte Feind der Politik ist die Arroganz“, erzählt Klaus Hesse aus seiner Erfahrung.

Diese Prämisse hat der Kirchhainer sein ganzes politisches Leben lang befolgt. Das begann 1974 mit seinen Jahren im Stadtparlament. 1981 wechselte er in den Magistrat. Zwischen 1987 und 1992 war Klaus Hesse Erster Stadtrat und damit Stellvertreter von Bürgermeister Heinrich Röder.

Der Nachfolger der Heinriche

Damit wurde er 1992 der natürliche Nachfolger von Heinrich Röder im Amt des Kirchhainer Bürgermeisters, obwohl er nicht auf den Vornamen Heinrich hörte. Über Jahrzehnte war Kirchhain von Bürgermeistern regiert worden, die Heinrich hießen.

Zwölf Jahre lang, von 1992 bis 2004, blieb Klaus Hesse im Amt. Die soziale Komponente war ihm dabei besonders wichtig. Er habe von Anfang an Kirchhain als Wohnstadt angesehen. Für diese brauche es Wohnraum und Kindergärten. In seiner Amtszeit seien mehrere Kindergärten gebaut worden. Gleichzeitig habe er den heute verwirklichten Plan entwickelt, das Gebiet zwischen dem Forsthaus und Langenstein zu bebauen. Dazu sei die Altstadt-Sanierung gekommen, ein Projekt in Höhe von 13,69 Millionen Euro. Hinfällige Häuser seien saniert worden mit dem Ergebnis, dass dem Wohnungsmarkt zusätzliche rund 100 Wohnungen in den Sanierungsprojekten zur Verfügung gestellt wurden. Die Sanierung habe zudem aus dem Rathaus und dem Blauen Löwen städtebauliche Schmuckstücke gemacht.

Die soziale Ader des Bürgermeisters kam nicht überall an. Die heute unter dem Namen Heilpädagogische Gemeinschaft firmierende Einrichtung residierte damals in einem hinfälligen Gebäude in Marburg. Die Leitung suchte in Kirchhain ein passendes Grundstück. Das erwies sich als schwierig, weil einige Anlieger protestierten. Zur Überraschung des Bürgermeisters waren auch „Leute, die ich sehr schätze, darunter. Die befürchteten, dass die dort betreuten Kinder den Wert ihrer Grundstücke schmälern könnten. Ich habe mich durchgesetzt“, berichtete Klaus Hesse.

Zwei Großprojekte begleiteten die Ära Hesse. Das eine hatte nur mittelbar mit der Stadt Kirchhain zu tun. Der Landkreis wollte im Arzbachtal eine Art Müllreaktor bauen. Ein mehrere Meter hoher Wall sollte aus Sicht der Grünen als Fanal für das hohe Müllaufkommen in der offenen Landschaft entstehen und mit Müll gefüllt werden. Davon waren die Marburger Stadtteile Bauerbach und Schröck sowie der Kirchhainer Stadtteil Großseelheim betroffen. „Ich war vehement gegen die Mülldeponie im Arzbachtal. Und viele andere haben in dieser Sache an einem Strang gezogen. Nur der Kreistag nicht“, beschreibt Klaus Hesse die damalige Situation, die letztlich zugunsten der Deponie-Gegner ausging.

Der zweite Streitpunkt war die Ansiedlung des Globus-Markts. „Es gab unendliche Diskussionen um Globus. Mir wurde vorgeworfen, ich sei der Totengräber der Innenstadt“, erinnerte Klaus Hesse an diese aufregende Zeit. Globus habe Hunderttausende in immer wieder neue Planungen investiert und das Bauvolumen reduziert.

Er habe sich damals von der Überzeugung leiten lassen, dass sich der breit aufgestellte Kirchhainer Einzelhandel und Globus gut ergänzen würden. Und wenn Globus nicht im Kirchhainer Gewerbegebiet baue, dann anderswo. Globus scheiterte und Herkules kam. Wenn er heute die Verkaufsfläche von Herkules mit der von Globus zuletzt geplanten Verkaufsfläche vergleiche, sehe er keinen größeren Unterschied. Letztlich sei die damalige Auseinandersetzung eine politische Diskussion gewesen.

Die Bestandspflege der Kirchhainer Firmen sei ihm ebenso wichtig gewesen wie die Nähe zu den zwölf Stadtteilen. Die jährlichen Ortsvorsteher-Dienstfahrten seien wichtige Termine im Kalender gewesen. Bei diesen Gelegenheiten habe man einander zugehört und letztlich Kompromisse gefunden. Das gelte auch für die Zusammenarbeit im Magistrat. Nur höchst selten habe die Stimme des Bürgermeisters den Ausschlag geben müssen.

Klaus Hesse fühlte sein Haus gut bestellt, als er 2004 zu seiner dritten Amtszeit antrat. Für viele seiner Weggefährten sei die Wiederwahl eher eine Formsache, eine Selbstverständlichkeit gewesen.
„Die Zeichen der Zeit waren anders gestellt. Schröders Hartz-IV-Reform hat die SPD und ihre Anhänger in Teilen verprellt. „Nichts war mehr selbstverständlich“, erinnert Klaus Hesse an den schmerzhaftesten Moment seiner politischen Laufbahn. Jochen Kirchner löste ihn als Bürgermeister ab.

„Von der Rennbahn in den Sandkasten“

„Ich kam mir vor, als wäre ich von der Rennbahn im Sandkasten gelandet“, beschreibt der gewesene Bürgermeister diesen Absturz, an dessen Ausgang die Frage stand: „Was mache ich jetzt? Was kann ich?“
Die Antwort war ziemlich schnell gefunden. Klaus Hesse gründete ein Beratungsunternehmen, berät seitdem die unterschiedlichsten Mandanten von jungen Bürgermeistern bis hin zu Busfahrern. Sein Ziel: die von ihm beratenen Institutionen sollen durch das Kommunikationstraining in die Lage versetzt werden, eine bürgerorientierte Verwaltung aufzubauen.

Die Selbständigkeit erlaubt ihm, deutlich mehr Zeit mit seiner Frau Barbara, seinen Töchtern und Enkelkindern zu verbringen. Auch für den Ausbau seines Hobbys Musik – Schwerpunkt Jazz und Rock – findet Klaus Hesse noch Zeit. Und dem Ehrenamt bleibt er ohnehin verbunden. Seit 1991 gehört er dem Kreistag an. Für den Heimat- und Geschichtsverein bringt der 2. Vorsitzende unter anderem sein fotografisches Talent für den Kirchhainer Kalender ein.

Was bedeutet die Zahl 70 für Klaus Hesse? „Ich fühle mich wesentlich jünger. Die 70 ist eine biologische Zahl, die man zur Kenntnis nehmen muss.“

von Matthias Mayer