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Ostkreis Aufstehen, ansprechen, aufklären
Landkreis Ostkreis Aufstehen, ansprechen, aufklären
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17:58 22.06.2020
Sebastian Sack ist einer der Lehrer. die sich an der Alfred-Wegener-Schule um "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" kümmern. Quelle: Florian Lerchbacher
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Kirchhain

Während des Höhepunkts der Flüchtlingskrise standen einige Realschülerinnen – zum Teil mit Migrationshintergrund – auf und initiierten, dass die Alfred-Wegener-Schule (AWS) „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ wird. Nun ist das Thema wieder brandaktuell, doch inwieweit gibt es an Schulen überhaupt Rassismus?

„Ich befürchte, er kommt an jeder Schule vor“, sagt Sebastian Sack, einer von vier Lehrern, die sich an der Kirchhainer Bildungseinrichtung um die Arbeitsgemeinschaft kümmern, stellt aber auch gleichzeitig heraus, dass die AWS sich um das Siegel nicht etwa bemüht habe, weil es an ihr eine Rassismus-Problematik gegeben habe oder gibt.

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Es sei eher ein Ausdruck einer Haltung: „Das ist ein Auftrag. Ein Versprechen, an der Schule ein Klima zu erzeugen, bei dem Diskriminierung in keiner Form Platz hat.“ Nichtsdestotrotz habe auch er auf dem Pausenhof schon Worte wie „Schwuchtel“, „Neger“ oder „Jude“ gehört: „Meist äußert sich Rassismus, wenn jemand beschimpft oder beleidigt werden soll.“

Ansprechen reicht oft schon

In einer Vielzahl der Fälle sei die Wortwahl eine unreflektierte Handlung und geschehe aus Unwissenheit, es gebe aber auch tief verwurzelten Hass, der sich auf diese Art und Weise äußere: „Diskriminierung ist sehr vielfältig – teils ist es böser Wille, teils geschieht es aus Ignoranz und persönlicher Schwäche.“

Eins sei aber sicher: An der Alfred-Wegener-Schule wird dies nicht hingenommen. „Aufstehen, ansprechen, aufklären“, lautet die Prämisse – sowohl für Lehrer als auch für Schüler. Meist reiche es schon, die jungen Menschen direkt auf ihre Wortwahl anzusprechen:

„Dann merken sie oft selber, was ihre Worte eigentlich für einen Hintergrund haben und wirklich bedeuten“, sagt Sack. Manchmal müsse aber auch noch Aufklärung folgen, beispielsweise in Form eines historischen Exkurses: „Die sinnvollste Form ist Haltung zeigen, Haltung erzeugen.“

Aufklärung im klassischen Sinne

Was sehr gut funktioniere, um Diskriminierung entgegenzuwirken, sei der Perspektivwechsel: „Wer diskriminiert, hat auch Schwächen, über die er selbst diskriminiert werden könnte.“

Also aufzeigen, wie es wäre, selber in der „Opferrolle“ zu sein – und natürlich Bildung. Und so setzt sich die Arbeitsgemeinschaft „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ seit einigen Jahren mit Themen wie der Pride Week, Antisemitismus oder Stammtischparolen auseinander, geht damit auch an die Öffentlichkeit und sucht das Gespräch mit den Menschen – also Aufklärung im ganz klassischen Sinne durch das Vermitteln von Informationen.

„Gleichzeitig muss man im Falle des Falles aber auch ganz klar auf das Fehlverhalten hinweisen und deutlich machen, dass Rassismus und Diskriminierung hier nicht hingehören“, betont Sack und ergänzt, dass die Thematik auch keinesfalls bagatellisiert werden dürfe nach dem Motto „War ja nur Unwissenheit.“

Selbst schon angefeindet worden

Wichtig sei, tiefgehend zu diskutieren – und trotz aller Emotionalität eben nicht emotional zu werden. Das Besprechen erwähnter Themen helfe vielen Schülern auch, für ihre Werte einzustehen und selbstbewusst mit ihnen umzugehen.

Inzwischen haben die Schulen, an denen es die Arbeitsgemeinschaft „Schule ohne Rassismus“ gibt, ein kleines Netzwerk im Landkreis gesponnen: „Ich wurde aufgrund meines Engagements gegen rechts auch schon Ziel von Anfeindungen, Drohungen und Pöbeleien“, nennt Sack einen Grund und ergänzt:

„Auch deswegen ist eine Solidarisierung wichtig: So merkt man, dass man nicht alleine steht.“ Dabei hegen nicht nur er und seine Mitstreiter, sondern sehr viele Menschen auf dieser Welt eine Hoffnung, die Sack noch einmal artikuliert: „Wir alle sind in der Verantwortung, dass das Thema Rassismus irgendwann kein Thema mehr ist.“

Von Florian Lerchbacher

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