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Ostkreis Schrottauto landet wieder auf der Straße
Landkreis Ostkreis Schrottauto landet wieder auf der Straße
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00:18 30.10.2018
Justizia wartete auf den Antragsteller, doch der erschien nicht. Quelle: Peter Steffen
Kirchhain

Strafrichter Joachim Filmer hatte sich für den Sitzungstag im Kirchhainer Amtsgericht viel vorgenommen. Gleich neun Hauptverhandlungen hatte er angesetzt. Gleich der erste ­Delinquent glänzte durch Abwesenheit. Dabei wollte das ­Gericht nichts von dem Angeklagten, sondern dieser etwas von dem Gericht.

Wegen eines Diebstahls hatte das Amtsgericht den 74-jährigen Angeklagten aus dem Ostkreis im schriftlichen Verfahren – Strafbefehl genannt – verurteilt. Gegen diesen Strafbefehl hatte der Mann fristgerecht Einspruch eingelegt. So blieb dem Gericht nicht anderes übrig, als zwei Zeugen zu einer Hauptverhandlung zu laden. Die Zeugen kamen pünktlich, obwohl einer von diesen auf der Fahrt einen Plattfuß hatte. Er ließ sich eigens ein anderes ­Auto bringen, um seiner Zeugenpflicht nachzukommen.

Autoverwerter handelte aus Mitleid

Was war passiert? Das Polizeipräsidium hatte eine Anordnung auf Verschrottung eines zu diesem Zeitpunkt bei einem Autohaus abgestellten Autos Citroen C 8 erlassen. Der 74-Jährige wurde daraufhin bei einem Autoverwerter vorstellig. Diesen bat er um die Ausstellung eines Verwertungsnachweises, um so den sichergestellten Pkw von dem Autohaus ausgehändigt zu bekommen.

Sein Interesse an dem stillgelegten Auto begründete er damit, dass er sich einige Teile aus dem Fahrzeug ausbauen wolle, um den Citroen anschließend zur Verschrottung zu dem Autoverwerter zu bringen. Damit hatte sich der Angeklagte laut Anklage eines Diebstahls schuldig gemacht.

Urteil fällt nach Wartefrist

Im Vertrauen auf die Redlichkeit des 74-Jährigen und aus Mitleid mit diesem kam der Autoverwerter dem Wunsch des Mannes nach. Nach den Feststellungen der Strafverfolgungsbehörden holte der Angeklagte das Auto aus dem Autohaus ab, ohne es anschließend zur angeordneten Verschrottung zu bringen. Stattdessen soll er das Auto für seine Zwecke benutzt haben.

Dem als Zeugen geladenen Autoverwerter war die ­Geschichte sichtlich peinlich. 
Er habe es mit dem älteren Herrn nur gut gemeint und sei auf diesen reingefallen, sagte er beim letztlich vergeblichen ­
Warten auf den Angeklagten. Der zweite Zeuge von dem ­Autohaus nahm die Geschichte trotz der Aufregung um 
den Plattfuß relativ gelassen hin. Nach Ablauf der gesetzlichen Wartefrist sprach Richter Joachim Filmer das Urteil: „Der Einspruch gegen den Straf­befehl wird verworfen.“

Genau das hatte die Rechtsreferendarin, die die Staatsanwaltschaft vertrat, zuvor gefordert.

von Matthias Mayer