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Ostkreis „Archiv“ soll lebendiges Denkmal sein
Landkreis Ostkreis „Archiv“ soll lebendiges Denkmal sein
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17:00 13.06.2021
Kerstin Ebert, Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, berichtete über das Projekt. Links ist Künstler Matthias Braun zu sehen.
Kerstin Ebert, Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, berichtete über das Projekt. Links ist Künstler Matthias Braun zu sehen. Quelle: Florian Lerchbacher
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Kirchhain

Schon seit einigen Wochen steht das Monument „Archiv“ vor dem jüdischen Friedhof. Nun weihten die Stadt Kirchhain und der Heimat- und Geschichtsverein mit einer feierlichen Zeremonie das Denkmal ein. Es solle eine lebendige Gedenkstätte sein, betonte Bürgermeister Olaf Hausmann und erklärte: „Das Archiv verbindet Geschichte, Erinnerung, Kunst und Lehre – eine hervorragende Symbiose für einen Schulstandort.“

Der Rathauschef erinnerte an die Vergangenheit: Josef Beckmann – einst Anwalt in Kirchhain – hatte nach der Schändung des Gebetshauses während der Reichspogromnacht 1938 beziehungsweise dem Abriss des Gebetshauses 1946 / 1947 einige Fragmente gesichert und in der Folge aufbewahrt.

Vor etwa drei Jahren nahm die Familie Beckmann dann Kontakt zu Ehrenbürger Willibald Preis auf, damit die Reste eines Fensters und eine Säule aus der Synagoge zurück nach Kirchhain kommen. „Uns war klar, dass wir sie der Öffentlichkeit zugänglich machen wollten, zumal uns die Geschichte und die Erinnerungskultur an unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger sehr am Herzen liegt“, sagte Hausmann, erinnerte an zahlreiche Stolpersteinverlegungen und ergänzte, dass Stadt und Verein einen Kunstwettbewerb ausriefen.

Der Entwurf des Würzburgers Matthias Braun machte das Rennen: Er erinnert an einen Setzkasten, in dem die mit Hintergrundinformationen versehenen Fragmente nun stehen.

Es sei letztendlich etwas kleiner ausgefallen, als ursprünglich angedacht, berichtete der Künstler: „Aber das Schöne an einem Projekt ist, dass es sich entwickelt.“ Er freute sich, dass die Stadt ein Zeichen setze – was angesichts von Wahlergebnissen wie dem in Sachen-Anhalt eminent wichtig sei. Vor allem gefalle ihm aber auch der Standort in der Nähe der Schulen: „Gerade die jungen Generationen sollen aus der Geschichte lernen und dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.“ „Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust rücken zeitlich in immer weitere Ferne. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten wachzuhalten und sich aktiv mit der Thematik auseinanderzusetzen, sagte Kerstin Ebert, die Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, und sprach über die Finanzierung des rund 50 000 Euro teuren Projektes – das ausschließlich durch Spenden und einige wenige Fördergelder umgesetzt wurde: Bürger, Unternehmen, Vereine und auch Nachfahren von jüdischen Opfern aus Kirchhain beteiligten sich.

Von Bund oder Land sei aber nichts gekommen, außer lobender Worte für das Projekt. Förderprogramm für solche Projekte gebe es nicht – und auch von Stiftungen oder der Bundeszentrale für politische Bildung seien nur Absagen gekommen: „Eine nicht gerade aufbauende und fördernde Art.“ Das Wissenschaftsministerium ließ zumindest eine „kleinere“ Vereinsförderung springen, ansonsten gab es noch etwas Unterstützung von der Bosch-Stiftung und dem Landkreis. Außerdem stellte Eintracht Frankfurt ein signiertes Trikot zur Verfügung, dessen Versteigerung 1 000 Euro brachte. In den kommenden Tagen wird noch eine Ruhebank neben dem Monument aufgestellt, die Klaus Hesse – Stellvertreter Eberts – spendet.

Landrätin Kirsten Fründt lobte die Kirchhainer Stadtgesellschaft dafür, dass sie sich im ländlichen Raum für Erinnerungskultur einsetze: Das sei besonders wichtig vor dem Hintergrund, dass Schüler oft „nicht so richtig gut informiert sind“ und sich im Klaren sein müssten, dass es Hass und Zerstörung auch vor Ort gegeben habe. Schülerinnen der Alfred-Wegener-Schule untermalten die Veranstaltung musikalisch, zudem warf eine Gruppe Jugendlicher aus der Stolperstein-AG um Lehrerin Barbara Sonnenberger einen Blick zurück.

Die Synagoge war 1904 eingeweiht worden. 70 bis 80 jüdische Familien lebten damals in Kirchhain – von denen nur eine nach dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrte, aber die Stadt dann auch wieder verließ. Schüler Fabian Wilhelm und Mitschülerin Madelaine Stahl zitierten Max Haas, der im Alter von 23 Zeuge des Übergriffs von SS-Männern und Hitlerjungen auf die Synagoge gewesen war. Er musste beobachten, wie sie die Synagoge demolierten „und die Volksmenge hat drumrum gestanden und jedes Mal gejubelt, wenn so ein Riesenleuchter runtergeholt worden ist“. Sonnenberger ergänzte, dass die jüdische Gemeinde im Jahr 1938 die Synagoge für einen geringen Betrag an die Stadt abtreten musste, die sie an einen Privatmann verkaufte, der sie als Scheune und später als Lager für die Allendorfer Sprengstoffwerke vermietete. In den 1950er-Jahren wurde der Ostflügel abgerissen und der Westflügel in ein Wohnhaus umgewandelt.

Die Fragmente erinnern nun als stumme Zeugen an die Synagoge, die Schicksale und die Gräueltaten der Nazis. Bernd Beckmann erklärte im Namen seiner Familie, diese sei froh gewesen über die Nachricht, dass die Steine zu einem Denkmal werden sollten. Die Umsetzung gefalle ihm gut, lobte er.

Von Florian Lerchbacher

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