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Ostkreis Streuobst – das fast vergessene Kulturgut
Landkreis Ostkreis Streuobst – das fast vergessene Kulturgut
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09:58 13.05.2021
Herrlich blühen derzeit verschiedene Bäume auf der Streuobstwiese in den Lambern.
Herrlich blühen derzeit verschiedene Bäume auf der Streuobstwiese in den Lambern. Quelle: Fotos: Florian Lerchbacher
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Kirchhain

Nur noch wenige Menschen wissen Streuobstwiesen und heimisches Obst aus der Nachbarschaft zu schätzen. Das sagen die Mitglieder des BUND-Ortsverbandes Kirchhain-Amöneburg-Rauschenberg – die sich seit rund 20 Jahren um die größte, „In den Lambern“ gelegene Streuobstwiese im Kirchhainer Stadtgebiet kümmern. Aus wirtschaftlicher Sicht seien die Anlagen kein Faktor mehr, betont Dr. Ralph Büchler und erinnert daran, dass die Stadt früher die Erlaubnis, Bäume abzuernten, versteigert habe.

Inzwischen sei das Interesse stark zurückgegangen, berichtet Meike Bonsa von der Verwaltung Kirchhains: Im vergangenen Jahr habe sich gerade einmal ein Dutzend Bürger gemeldet, das städtische Bäume (die nicht auf verpachteten Wiesen stehen!) im Kernstadtgebiet kostenlos abernten wollten – und nicht einmal alle von ihnen hätten diese Erlaubnis dann auch genutzt. In den Stadtteilen sei die Nachfrage noch etwas höher.

Ein Lebensraum für rund 5 000 Tierarten

Es gibt sie also noch, die Menschen, die das Obst aus der Nachbarschaft noch zu schätzen wissen. 16 Flächen hat die Stadt verpachtet – es gibt aber noch viele mehr, betont Bonsa: Vor allem das Interesse an Pflaumen-Beständen sei schwindend gering. Und so lautet das Ziel der BUNDler und der Stadt, wieder ein Bewusstsein für Streuobstwiesen zu schaffen – die übrigens inzwischen als immaterielles Kulturerbe anerkannt sind. Noch dazu ist der 30. April seit diesem Jahr „Tag der Streuobstwiesen“.

Rund 200 Obstbäume stehen auf der Fläche „In den Lambern“. Rund 40 Prozent hätten die Naturschützer in den vergangenen 20 Jahren nachgepflanzt, berichtet Büchler und betont: „Man muss so ein wertvolles Biotop einfach erhalten.“ Es biete beispielsweise rund 5 000 Tierarten einen Lebensraum, und in den Baumkronen würden um die 1 500 Insektenarten leben, wirft Zita Sprengard ein.

Was es in Kirchhain im Gegensatz zu früher aber derzeit nicht gebe, seien Steinkauze, fügt Bernt Klapper hinzu. Anders sei das in Amöneburg, wo sie gleich in verschiedenen Revieren existierten. „Vielleicht können wir sie ja wieder anlocken“, ergänzt er und verweist auf drei neu aufgehängte Steinkauzröhren. Nur ein Projekt der Kirchhainer, die in diesem Jahr beispielsweise zwei Maronen- und fünf Apfelbäume pflanzten (die Klapper händisch zweimal in der Woche gießt), jede Menge Gestrüpp entfernten – und fünf Tafeln aufstellten, auf denen sie über die wachsenden Früchte, die Tierwelt und vieles mehr informieren. Die Streuobstwiese liegt schließlich unmittelbar am neu gestalteten Spielplatz und zu Teilen auch an der Extratour Himmelsberg – die durch die Neuerung auch noch eine zusätzliche Aufwertung erfährt, wie sich Bürgermeister Olaf Hausmann freut.

Ein Apfelfest im Herbst?

Die Pflege einer Streuobstwiese ist durchaus aufwendig – und auch nicht immer einfach. So gingen beispielsweise viele Menschen noch immer davon aus, dass die Mistel unter Naturschutz steht, erklären die Kirchhainer. Die Mistel sei aber einer der schlimmsten Parasiten und müsste dringend aus den Bäumen herausgeschnitten werden. In den Lambern sei das kein Problem mehr, wohl aber an anderen Stellen (unter anderem im Gaulsgrund).

Und so wollen die BUNDler in Zusammenarbeit mit der Stadt den Austausch fördern mit anderen Menschen, die ebenfalls Streuobstwiesen besitzen oder pachten und sich mit der Pflege auseinandersetzen. Aus diesem Grund streben sie an, einen runden Tisch zu initiieren – und am besten auch noch den Landschaftspflegeverband, der im Landkreis gegründet werden soll, einzubinden. Außerdem möchten sie ihre Mitbürger wieder für das Thema begeistern. Besonders haben sie dabei junge Familien im Blick, die den Wert des Obstes aus der Nachbarschaft wiedererkennen sollen. Eine Idee ist, im Herbst ein Apfelfest zu veranstalten und unter anderem 60 bis 70 unterschiedliche Apfelsorten zur Verköstigung anzubieten. Dabei soll es nicht nur um die verschiedenen Geschmacksrichtungen gehen, sondern auch um andere Details. Sprengard stellt in diesem Zusammenhang beispielsweise heraus, dass Menschen, die eigentlich unter einer Apfelallergie litten, auf alte Sorten nicht reagieren würden.

Es gibt also gleich mehrere Ansätze, um das spannende Thema der Streuobstwiesen, die jahrhundertelang das Landschaftsbild Mittelhessens prägten, den Bürgern wieder näher zu bringen. Wer mehr dazu erfahren möchte, kann sich auf der Homepage des BUND Kirchhain-Amöneburg-Rauschenberg informieren oder die Mitglieder direkt ansprechen – oder ihnen, wenn sie mit der Pflege der Anlage beschäftigt sind, gerne auch helfen. Die Ortsgruppe sucht nämlich Unterstützung und neue Mitstreiter.

Von Florian Lerchbacher