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Ostkreis Ein Sorgenkind wird gerettet
Landkreis Ostkreis Ein Sorgenkind wird gerettet
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11:58 21.09.2021
Einst Prunkstück, nun Schandfleck – doch für das Alte Amtsgericht ist Besserung in Sicht.
Einst Prunkstück, nun Schandfleck – doch für das Alte Amtsgericht ist Besserung in Sicht. Quelle: Florian Lerchbacher
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Kirchhain

Die historischen Böden, Türen und Fenster, das Treppenhaus mit den barocken, gedrechselten Balustern (das sind die Säulen eines Geländers), der liegende Dachstuhl, der ohne Stützen in der Mitte auskommt, die für ein altes Gebäude untypisch hohen Decken – Dr. Bernhard Buchstab, der Leiter der Außenstelle Marburg des Landesamtes für Denkmalpflege, kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus, wenn er durch das 1608 erbaute Alte Amtsgericht in Kirchhain geht.

An zahlreichen Stellen werde deutlich, dass es sich nicht um ein normales Haus, sondern ein höherrangiges Gebäude handelt – das allerdings mehr als ein Vierteljahrhundert leer stand und sich aus Laiensicht in katastrophalem Zustand befindet.

Mietwohnungen einrichten

Das sehen Lena und Milan Wagner anders. Das Paar hat das Gebäude erworben und will es in den kommenden zwei Jahren auf Vordermann bringen und dort Mietwohnungen einrichten. „Dafür, dass es so lange leer stand, ist es eigentlich in recht gutem Zustand“, sagt Milan Wagner, während seine Frau herausstellt: „Man darf sich vom Äußeren nicht abschrecken lassen. Das ist ein fantastisches altes Gebäude, das einige Schätzchen birgt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie es einmal aussehen wird.“

Zwei bis drei Jahre schon ist das Paar auf der Suche nach einem denkmalgeschützten Objekt, dem sie sich annehmen können. Noch viel länger versuchen die Stadt Kirchhain, die Denkmalagentur Marburg-Biedenkopf um Carsten Fehr und viele weitere Beteiligten, das Gebäude zu vermitteln. Vor zwölf Jahren hatte es die Schoofs Immobilien GmbH im Zusammenhang mit der Errichtung des Nahversorgungs- und Gesundheitszentrums Mühltorpassage erworben und rund 100.000 Euro in den Erhalt gesteckt.

Der Zufall hilft

„Aber uns wurde schnell klar, dass für dieses Projekt echte Experten gebraucht werden“, erklärte Doreen Vasicek als Vertreterin von Geschäftsführer Mohamed Younis und gab zu, dass das Unternehmen sich schlicht an diese Großaufgabe nicht herangetraut habe: „Aber wir sind sehr froh, dass es ein gutes Ende für uns und einen guten Anfang für Sie findet“, sagte sie in Richtung der Wagners. Die Familie aus Fulda war durch Zufall auf eines der ältesten und städtebaulich wichtigsten Gebäude der Ohmstadt aufmerksam geworden: Milans Vater Dietmar, Bauingenieur und Spezialist für denkmalgeschützte Gebäude, hatte ein von der Denkmalagentur angebrachtes Verkaufsplakat im Vorbeifahren gesehen – ein Werbebanner, das gar nicht so leicht aufzuhängen gewesen sei, wie sich Marian Zachow erinnert, schließlich habe man die Bausubstanz nicht noch weiter beschädigen wollen.

Der Erste Kreisbeigeordnete stellte ebenso wie Kirchhains Bürgermeister heraus, wie froh er sei, dass sich Liebhaber für den Kauf gefunden hätten: Das Alte Amtsgericht sei das Königsprojekt der bundesweit einzigartigen Denkmalagentur gewesen – die inzwischen übrigens nicht mehr nur dem Ostkreis, sondern allen Kommunen des Kreises offen steht.

Um Rettung bemüht

Hausmann erinnert sich, dass schon seine Vorgänger sich um die Rettung des historischen Hauses bemüht hätten, das inzwischen zum Schandfleck geworden war – entsprechend habe er es einst als erstes und schwierigstes Objekt bei der Denkmalagentur zur weiteren Vermarktung angemeldet. Carsten Fehr habe sich bei der Vermittlung des Gebäudes so manchen staubigen Fuß geholt und eine Vielzahl an Gesprächen geführt, berichtet Zachow, der sich selber auch noch mächtig ins Zeug legte. So unterbrach er beispielsweise einst einen Urlaub und fuhr 700 Kilometer nach München und zurück, um dafür zu sorgen, dass zum Alten Amtsgericht wieder Parkplätze gehören. Doch die Mühen scheinen sich gelohnt zu haben.

„Wir wissen das Gebäude nun in guten Händen“, resümiert Buchstab, während Zachow darauf verweist, dass die Denkmalagentur den Käufern weiterhin beratend zur Seite steht und ohnehin immer dann hilft, wenn Fragen zur Denkmalpflege auftreten – beispielsweise beim Kauf, bei Sanierungs- und Finanzierungsfragen, oftmals aber auch einfach „seelsorgerisch“. Das Alte Amtsgericht in Kirchhain wurde 1608 gebaut, befand sich anschließend im Eigentum verschiedener Kirchhainer Familien, war zwischenzeitlich in Bürgermeisterhand, dann Kreishaus und ab etwa 1850 städtisch. Erst war es kurhessisches und später königlich-preußisches Amtsgericht. Künftig wird es Wohnhaus.

Von Florian Lerchbacher