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Ostkreis Die 100 ist im Nu geknackt
Landkreis Ostkreis Die 100 ist im Nu geknackt
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09:00 09.10.2021
Günter Sichma von den Johannitern impft den Stadtallendorfer Studenten Wjatscheslaw Rapp.
Günter Sichma von den Johannitern impft den Stadtallendorfer Studenten Wjatscheslaw Rapp. Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
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Kirchhain

Bisher waren Nicole Schulz und Jason Kelch die einzigen in ihrer Familie, die sich nicht hatten impfen lassen. „Ich dachte, Corona würde sich auch so wieder legen“, sagt die Mutter des 14-Jährigen. Doch nun, da die Fallzahlen wieder steigen und überall die 2- oder 3-G-Regel greift, sei es ihr zu heikel geworden. Die beiden trafen die Entscheidung, sich doch impfen zu lassen und nutzten die Gelegenheit, dass der Landkreis an der Alfred-Wegener-Schule am Freitag mobile Teams einsetzte und eine Impfaktion anbot. „Ganz ohne Termin oder Anmeldung – das fanden wir praktisch“, sagt Schulz.

Auch der Stadtallendorfer Wjatscheslaw Rapp war einer von weit über 100 Impflingen, die sich ihre erste Dosis in den Oberarm jagen ließen. „Ich sage es ganz offen: Bei mir hat es finanzielle Gründe“, erklärt der Student und betont, er sei kein Impfgegner, habe sich aber bisher nicht wirklich mit der Thematik auseinandergesetzt und gut damit leben können, sich an Regeln zu halten, aufzupassen und sich regelmäßig testen zu lassen. Doch da er die Tests bald selber zahlen müsse und sich Studierende an der Uni zweimal pro Woche testen lassen müssten, setze er nun lieber auf das Impfen. „Ich habe mich also mit einem befreundeten Arzt ausgetauscht. Er hatte keine Argumente, die dagegen sprechen – und hier bin ich nun“, erklärt er.

„Ich möchte, dass mein Sohn wieder mehr Freiheiten hat“, sagt eine Stadtallendorferin, die ihren 14 Jahre alten Sohn impfen ließ. Insbesondere Kinder seien die Leidtragenden des Lockdowns und der daraus resultierenden Einschränkungen gewesen. Nun müssten sie sich ständig testen lassen, „so viel wie an keinem Arbeitsplatz“ – davon wolle sie ihren Sohn befreien. Dabei habe sie eigentlich noch etwas warten wollen, weil es schließlich noch keine Langzeitstudien zu den Impfstoffen gebe und sich ihr Filius ja noch in der Pubertät befinde, resümiert sie und freut sich, dass sie einfach die Aktion nutzen konnten und sich nicht auf Wartelisten beim Hausarzt setzen lassen mussten.

Und eben dieses Unkomplizierte hatte dem Landkreis sehr am Herzen gelegen. Es sei wichtig, dass Menschen einfach vorbeikommen und sich ohne großen Aufwand eine Impfdosis geben lassen können, betont Marian Zachow, der Erste Kreisbeigeordnete. Es sei ihm wichtig, dass sich die Menschen durchaus Gedanken machen, ob sie sich oder ihre Kinder impfen lassen wollen. Ist die Entscheidung einmal gefallen, sei es dann aber auch gut, diese einfach umsetzen zu können. Daher habe der Kreis die Sonderimpfaktion sowohl für Schülerinnen und Schüler als auch für alle anderen Menschen angeboten. Eine ähnliche Aktion in Biedenkopf vor einigen Wochen habe zwar weniger gute Resonanz erzielt und sei etwas desillusionierend gewesen – aber eben nicht entmutigend. Und so sollten nun, nach dem Erfolg in Kirchhain, nach den Herbstferien weitere Sonderaktionen an großen Schulstandorten folgen.

Gleich zu Beginn des fünfstündigen Termins standen die Impfwilligen in einer Schlange, die vom Eingang des Schülerhauses bis zur Straße reichte, berichtet Schulleiter Matthias Bosse. Er sei sich sicher gewesen, die Zahl von 100 Impfungen zu knacken, aber dass dies in den ersten anderthalb Stunden passiere, habe er nicht gedacht. „Ich würde ganz grob schätzen, dass etwa drei Viertel Schüler der AWS waren“, sagt er und betont im selben Atemzug, dass keinerlei Statistiken oder Daten erhoben wurden und niemand darauf geachtet habe, wer sich impfen lasse und wer nicht. Alles sei völlig freiwillig gewesen. Den großen Erfolg führt er darauf zurück, dass die Lehrenden mit der Schülervertretung bei der Planung der Aktion zusammenarbeiteten: „Peer to peer ist einfach noch einmal eine ganz andere Geschichte, als wenn Lehrer den Schülern sagen, dass es sowohl für sich als auch die Allgemeinheit gut ist, sich impfen zu lassen.“ Die Schüler hätten selber Aufklärungsarbeit geleistet, an der Erstellung von Flyern mitgearbeitet und diese dann über die sozialen Medien beziehungsweise „ihre Kanäle“ verbreitet.

„Die Verunsicherung und die skeptischen Töne rund um Impfungen insbesondere für Jugendliche haben auch dank der Impfempfehlung der Stiko (Ständige Impfkommission, d. Red.) für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren abgenommen“, ergänzt Burkhard Schuldt, der Leiter des Staatlichen Schulamtes. Um die Impfkampagne zu unterstützen, beteilige sich seine Behörde daher gerne mit Sonderaktionen an Schulen.

Von Florian Lerchbacher