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Ostkreis Beim Tritt in den Bauch ist das Maß voll
Landkreis Ostkreis Beim Tritt in den Bauch ist das Maß voll
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20:00 24.01.2022
Die Beziehung ging zu Bruch und endete mit Streits, in denen es auch zu körperlichen Übergriffen kam.
Die Beziehung ging zu Bruch und endete mit Streits, in denen es auch zu körperlichen Übergriffen kam. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa (Archivfoto)
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Kirchhain

Eine große Portion Verständnis brachten Staatsanwältin und Richter einem 26-Jährigen entgegen, der am Ende einer Beziehung immer wieder mit seiner Lebensgefährtin gestritten hatte. So angespannt die Situation gewesen sei und so sehr die Frau den Mann auch provoziert haben möge – bei Körperverletzung höre der Spaß auf, betonte Richter Joachim Filmer in seinem Urteil.

Wegen drei Taten hatte sich der Kirchhainer vor Gericht verantworten sollen: Die Anklage drehte sich um gefährliche Körperverletzung, vorsätzliche Körperverletzung in Tateinheit mit Beleidigung und Diebstahl. Sowohl Richter als auch Staatsanwältin waren vor Beginn der Verhandlung davon ausgegangen, dass es am Ende zum Widerrufen der doppelten Bewährung des Angeklagten kommen würde – davon sahen sie aber in Plädoyer beziehungsweise Urteil ab. Die Beleidigungen seien beidseitig gewesen, kommentierten sie. Und auch der Vorwurf, dass der Mann seiner Lebensgefährtin 20 Euro aus dem Portemonnaie gestohlen haben soll, wurde nicht weiter verfolgt, sondern wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Keine gefährliche Körperverletzung

Des Weiteren sahen sie die Voraussetzungen für eine gefährliche Körperverletzung nicht gegeben. Ursprünglich hatte es geheißen, dass der Angeklagte einen Wäscheständer in Richtung seiner Lebensgefährtin geworfen und am Oberschenkel getroffen hatte. Sowohl Staatsanwältin als auch Richter kamen aber zu dem Schluss, dass der Mann den Wäscheständer zur Seite gestoßen und die Frau unglücklich getroffen habe.

Was blieb, waren eine Ohrfeige und ein Einklemmen des Fußes der 32-Jährigen, die sich im Anschluss an den Streit ins Badezimmer zurückziehen wollte – was der Angeklagte zu verhindern suchte, indem er an der Tür zog und so ihren Fuß einklemmte. Dafür gab es ebenso wie für eine zweite Tat ein Urteil wegen Körperverletzung: Während eines zweiten Streits hatte der Mann der Frau den Arm verdreht und sie zu Boden gestoßen, um zu seinem Handy zu gelangen und die Auseinandersetzung zu filmen. Dies habe er getan, um über Beweismittel zu verfügen. Als sich die Frau wieder aufrichtete, trat er ihr noch in den Bauch – an dieser Stelle sei die Grenze endgültig überschritten gewesen, so Filmer.

In seinem Resümee sprach der Richter von einer insgesamt aufgeheizten Situation: Immer wieder war es zu Streits in der Beziehung gekommen. Der Angeklagte sagte, seine Lebensgefährtin habe sich als „Sugar Mummy“ dargestellt, ihn quasi bevormundet und nur gelegentlich Geld zugeteilt – er sei damals Pflegestufe III gewesen, habe Psychopharmaka nehmen müssen und das Kranken- beziehungsweise Pflegegeld einfach auf ihr Konto überweisen lassen, da er bei ihr wohnte. Insgesamt zeichnete er das Bild einer zerrütteten Beziehung.

Angeklagter bricht sein Schlusswort ab

Die Frau schilderte vornehmlich die angeklagten Taten und sprach über die Verletzungen. „Er lässt einen nach Streits nie in Ruhe“, lautete ihre Erklärung, warum es vermehrt zur Eskalation kam.

Ein Nachbar des einstigen Paares sagte als Zeuge aus. Er berichtete, mit beiden befreundet gewesen zu sein, viele „Zoffs“, aber niemals Handgreiflichkeiten mitbekommen zu haben. „Sie hat ihn ganz schön provoziert“, erklärte er und ergänzte, den Angeklagten auch gelegentlich zu sich geholt zu haben, damit sich die Wogen glätten können. Einmal seien ihm blaue Flecken an ihrem Körper aufgefallen und er habe sie gefragt, ob sie geschlagen wurde. „Nein, nein, sie sei sehr empfindlich“, sei die Antwort gewesen mit Verweis darauf, sich gestoßen zu haben.

Im „letzten Wort“ wollte der Angeklagte monieren, dass man es als Mann in Streits schwieriger habe – wurde aber von Verteidiger und Richter darauf hingewiesen, er möge sich nun nicht „verquatschen“. Und so brach der 26-Jährige seine Worte ab.

Die Staatsanwältin plädierte letztendlich auf eine Geldstrafe in Höhe von 150 Tagessätzen à 30 Euro. Der Verteidiger hielt den Gesamtbetrag für „relativ hoch gegriffen“, sprach sich für eine „preiswertere Strafe“ aus und erklärte, sein Mandant habe einst Probleme mit Amphetaminen gehabt und sich in dieser Zeit die Vorstrafen eingehandelt: „Er hat sein Leben aber mit viel Eigeninitiative in die richtigen Bahnen gelenkt.“ Der Richter entschied sich letztendlich für 130 Tagessätze. Er erklärte, dass er die Bewährung nicht aufheben wolle, sondern eine Geldstrafe für ausreichend halte, da die Vorstrafen nichts mit Körperverletzung zu tun hatten.

Von Florian Lerchbacher

24.01.2022
23.01.2022