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Ostkreis Baumbesetzer richten sich häuslich ein
Landkreis Ostkreis Baumbesetzer richten sich häuslich ein
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08:00 21.10.2019
Eine Aktivistin geht in Richtung von Baumhaus und Bauwagen im Dannenröder Forst.  Quelle: Nadine Weigel
Dannenrod

„Anki“ nennt sich die junge Aktivistin. Sie ist erst seit zwei Tagen bei den Baumbesetzern aktiv. Selbst auf eines der Baumhäuser steigen wird sie nicht. Sie hat massive Höhenangst. „Aber es braucht auch Bodenarbeiter“, sagt die junge Frau aus Marburg. Beim Besuch der OP hat sie gerade ­eine Kiste voll Pilze gesammelt. Sie kennt sich aus, macht das seit Jahren als Hobby.

Für sie ist die Menge der gefundenen Pilze ein Zeichen dafür, wie gesund der Dannenröder Forst ist. Die Aktivisten haben vor einer Woche verkündet, dass sie die Besetzung aufrechterhalten, auch wenn es erst in einem Jahr zu den Baumfällungen auf der A-49-Trasse kommen soll. Das hatte das Unternehmen Deges vor sieben Tagen ebenfalls verkündet.

Trotzdem soll es nächstes Jahr zu einem Baubeginn auf den A-49-Abschnitten zwischen Schwalmstadt, Stadtallendorf und Gemünden (Felda) kommen. Die Arbeiten sollen an anderen Stellen auf der rund 30 Kilometer langen Strecke beginnen, an Stellen, an denen vorher nicht großflächig gerodet werden muss. Lässt sich sagen, wo genau? Derzeit noch nicht. Eine Nachfrage der OP bei Deges ergab, dass diese Festlegung allein Sache des privaten Partners sein wird.

Zeitverzögerung einer Ausgleichsmaßnahme

Die A 49 soll in öffentlich-privater Partnerschaft (ÖPP) weitergebaut werden, zumindest ab Schwalmstadt. Das Bund-Länder-Unternehmen Deges ist für die Auswahl des Partners und die Bauvorbereitung verantwortlich. Vorarbeiten laufen trotz neuem Zeitplan weiter, auch die Aufforstungen zum Ausgleich der nötigen Baumfällungen im Dannenröder Forst und im Herrenwald (siehe Kasten).

Die Verschiebung der Baumfällarbeiten vor einer Woche war eine massive Überraschung. Der Grund liegt laut Deges in Zeitverzögerungen bei einer Ausgleichsmaßnahme. Die Umsiedlung von Zauneidechsen ist nicht so schnell vorangekommen wie geplant. Eigentlich hätte auch der private Partner noch in diesem Jahr ausgewählt werden sollen, mutmaßlich ein Konsortium.

Wie die potenziellen Partner, die sich an der Ausschreibung beteiligt haben, auf die Änderungen reagiert haben, lässt die Deges-Pressestelle offen. Als Grund wird das laufende Vergabeverfahren angegeben. Nach früheren Zeitplänen dürfte es jetzt eigentlich nur noch zwei Bieter im Verfahren geben. Ob das so ist, ist während der Vergabe nicht zu erfahren.

Zurück in den Dannenröder Forst zu den Baumbesetzern und ihren Unterstützern. Nach wie vor gibt es Betrieb an der Mahnwache am Dannenröder Sportplatz. Am Freitagmittag bringt jemand „irgendwo aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf“ wie der Besucher sagt, einen duftenden Kessel warmen Mittagessens vorbei. Ein Teil bleibt am Bauwagen am Sportplatz. Der Rest wird mit dem Fahrrad in den Wald zu den drei besetzten Bäumen gebracht.

Wiederaufforstung

Etwa 85 Hektar Wald müssen für den Weiterbau der A 49 gefällt werden. Jeder gefällte Baum, so die Vorgabe der Planfeststellungsbeschlüsse, muss ersetzt werden. Zu einem kleinen Teil ist das schon geschehen: Laut Deges sind in diesem Frühjahr am Geiersberg bei Stadtallendorf 7 Hektar und bei Rülfenrod bei Gemünden (Felda) 8,6 Hektar Bäume gesetzt worden. Im nächsten Frühjahr sind Pflanzungen am Hopfenberg (27,8 Hektar) vorgesehen. Weitere Pflanzungen sind auf kleineren Flächen vor und nach den Bauarbeiten geplant. Gepflanzt werden laut Deges Eichen und Hainbuchen und ergänzend Kirschen, Ebereschen und Feldahorn.

Per Seil kommen eben nicht nur ­Besetzer auf die Bäume. Direkt neben den besetzten und mit Seilen miteinander verbundenen Bäumen gibt es seit einiger Zeit einen Bauwagen. Auf die Frage der OP, wie der dort hingelangt ist, gibt es nur ein Achselzucken eines Aktivisten als Antwort. Wie die OP am Freitag erfuhr, ist auch ein Zelt auf dem Weg in den Wald. Es soll zeitnahe stehen.

Ganz offensichtlich richten sich die Klimaaktivisten, so bezeichnen sich die meisten selbst, auf eine wirklich lange Verweildauer ein. Bis vor einer Woche hatten viele Beobachter über kurz oder lang mit einer Zuspitzung, sprich einer drohenden Räumung gerechnet. Unmittelbaren Zeitdruck gibt es angesichts des neuen Zeitplanes nun nicht mehr. Doch wie geht Deges mit der angekündigten Dauerbesetzung des Forstes um?

„Die Deges steht hierzu in Abstimmung mit den zuständigen Behörden“, sagt Sprecher Lutz Günther. Im Bauwagen an der „Mahnwache“ am Sportplatz saß am Freitagvormittag auch Pfarrer Alexander Starck. Er halte regelmäßig Kontakt zu den Baumbesetzern und auch ihren Unterstützern. Starck betreut die Gemeinden in Dannenrod, Appenroth und Maulbach.

Glöckengeläut auch als eine Mahnung

In allen drei Gemeinden haben die Kirchenvorstände beschlossen, das Mittags- und Abendsläuten auf eine Viertelstunde jeweils zu verlängern. „Sicherlich ist das auch ein Zeichen der Solidarität mit den Aktivisten. Vor allem dient das Glockenläuten zur Mahnung zum Erhalt der Schöpfung“, sagt Pfarrer Starck. An diesem Freitag sitzen neben Aktivistin Anki noch mehrere Unterstützer zusammen.

Ihnen allen ist bewusst, dass es im Ostkreis des Kreises Marburg-Biedenkopf eine sehr breite und starke Lobby für den A-49-Weiterbau gibt. Und dass zahlreiche Menschen auf die Autobahn bauen, damit ihre Dörfer von Verkehr entlastet werden. Pfarrer Starck weiß, dass die A 49 die Menschen in der Region spaltet. Er will darum das längere Glockengeläut auch als eine Mahnung verstanden wissen, alle Diskussionen sachlich zu führen.

Aktivistin „Anki“ hat sich lange überlegt, ob sie sich bei den Besetzern engagiert. Vor sechs Wochen war sie bei einer Waldbegehung dabei, sah den Wald und entschied sich dafür. Sie macht kein Geheimnis daraus, dass sie in der Nähe von Marburg lebt und arbeitet. Sie hat sich Zeit, zunächst einige Tage, nur „freigeschaufelt“. „Bei alledem müssen wir an die nächste Generation denken“, sagt sie.     

von Michael Rinde