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Ostkreis Einen, aber nicht anklagen
Landkreis Ostkreis Einen, aber nicht anklagen
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13:56 19.06.2020
Dr. Fikret Yüzgülen setzt auf Kindergärten wie Schulen beim Kampf gegen Rassismus. Quelle: Michael Rinde
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Stadtallendorf

Deutschland sei nicht rassistisch, unterstreicht Dr. Fikret Yüzgülen. Aber es gebe deutliche Alarmmomente, so der Kinderarzt. Seit 48 Jahren lebt der 56-Jährige in Deutschland. Geboren ist er in Antakya in der Türkei.

Seit Jahrzehnten ist Deutschland seine Heimat, seine Wurzeln bewahrt er sich aber bewusst. Mit Rassismus ist Yüzgülen immer wieder in Berührung gekommen, oft eben auch sehr niederschwellig.

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Besonders war für ihn ein Erlebnis gegen Ende seiner Schulzeit. Ein Lehrer stellte die Frage in der Klasse, was die einzelnen Schüler denn mal werden wollten. „Mein Traum war es schon immer, Arzt zu werden“, so Yüzgülen. Als er das äußerte, brach der Lehrer in schallendes Lachen aus.

„Du wirst maximal Industriearbeiter“, so seine Einschätzung. Ein einschneidendes, bedrückendes Erlebnis. Mit purem Rassismus kam der Mediziner Jahre später als Deutscher auf Reisen wieder in Berührung. In Großbritannien beschimpfte ihn jemand aufgrund dessen als „Nazi“. Auch das hat er erlebt.

Unterschwellige Bedrohung der Demokratie

Name und Aussehen sind für ihn die beiden „Auswahlkriterien“ von Rassisten für Menschen, die aus ihrer Sicht ausgegrenzt werden müssen, die nicht „dazugehören“ dürften. Es sei nicht der Pass, so seine Erfahrung. Er selbst sieht sich als „deutscher als manchen Deutschen, der hier geboren wurde“.

Das Hauptproblem in der Gegenwart sieht Yüzgülen darin, dass Rassismus sich eben viel unterschwelliger seinen Weg bahnt in der deutschen Gesellschaft. „Das Erschreckende ist für mich, dass er hoffähig wird“, merkt er an. Hoffähig in mittlerweile allen Schichten der deutschen Gesellschaft.

Die Mittelschicht sieht Yüzgülen dabei besonders betroffen. „Das wird man ja noch sagen dürfen“, ist für ihn häufig zu einer Eintrittskarte für eine folgende rassistische Äußerung geworden. Quasi ein Türöffner, um eine rassistische Aussage hinterherschieben zu können. Yüzgülen engagiert sich im Kampf gegen diese unterschwellige Bedrohung der demokratischen Gesellschaft. Er ist Pate für die Georg-Büchner-Schule als „Schule ohne Rassismus“. Als er gefragt wurde, hat er gleich „Ja“ gesagt.

Konfrontation verdrängt die Toleranz

Denn Bildung ist für ihn das Werkzeug, um dem Rassismus beizukommen. Ein umfassendes Wissen, die Fähigkeit zur Toleranz, Bewusstsein über die eigene Geschichte, auch die der Region, da müssen aus Yüzgülens Sicht Kindergarten wie erst recht die Schule ansetzen.

Die „Black-Lives-Matter“-Bewegung freut ihn. Verbunden ist das aber auch mit der großen Hoffnung, dass dies eben kein einfaches Strohfeuer aus einem schrecklichen, aktuellen Anlass heraus bleibt.

Noch einen Trend, der zum Rassismus beiträgt, hat er ausgemacht. Schwindende Toleranz gegenüber der Meinung von anderen, so lange sie sich eben auf demokratischen Grundlagen bewegen. Die Konfrontation verdrängt die Toleranz.

Auch da sieht er Bildungsdefizite als Mitursache, wirbt für mehr Bildung, für ein Plus an Toleranz, um den Alarmzeichen zu begegnen. Am Schluss des Gespräches mit der OP macht Dr. Fikret Yüzgülen klar, worauf es aus seiner Sicht jetzt besonders ankommen muss: „Wir sollten einen, nicht anklagen. Dafür müssen wir hart an uns arbeiten.“

Von Michael Rinde

17.06.2020
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