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Ostkreis Kennenlernen mit Handbremse
Landkreis Ostkreis Kennenlernen mit Handbremse
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20:31 19.01.2021
Friedemann Graß ist neuer Pfarrer von Wohra, Langendorf und Hertingshausen.
Friedemann Graß ist neuer Pfarrer von Wohra, Langendorf und Hertingshausen. Quelle: Florian Lerchbacher
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Wohra

Kennenlernen mit Handbremse, also virtuell oder mit Abstand und Mundschutz – mehr ist momentan nicht drin, bedauert Friedemann Graß. Dabei liegt dem neuen Pfarrer von Wohra, Langendorf und Hertingshausen der persönliche Kontakt zu den Gläubigen eigentlich sehr am Herzen. Doch Corona lässt genau das eben nicht wirklich zu – und macht auch noch dem Singen einen Strich durch die Rechnung, also genau dem, das Graß sehr wichtig ist: „Das Singen fehlt mir fast am meisten.“ In diesem Zusammenhang stellt er heraus, dass er sehr musikalisch ist und in der Musik auch noch eine Chance sieht: „Ich halte viel vom Gotteslob durch Lieder. Manche Menschen nimmt es mehr mit, wenn ein Gebet gesungen wird.“ Und selbst, wenn nur 25 Gläubige in einer Kirche seien, dann habe beispielsweise ein „Großer Gott wir loben Dich“ unter Orgelbegleitung eine große Wirkung: „So etwas braucht die Seele!“

Seit dem 1. Januar ist Graß Pfarrer der drei Wohrataler Dörfer. Bis das Pfarrhaus in Wohra einzugsfertig ist, wohnt er mit Ehefrau Dorothee und Tochter Carla noch in Sachsenberg im Waldecker Land, wo er in den vergangenen 16 Jahren tätig war. Aufgewachsen ist er in Trockenfurth bei Borken – religiös geprägt in einer evangelischen Freikirche. „Eigentlich wollte ich gar kein Pfarrer werden“, erinnert er sich. Sein Bruder hatte sich bereits für diesen Beruf beziehungsweise diese Berufung entschieden: „Und ein Pfarrer in der Familie reicht, dachte ich.“ Doch Gespräche mit einem Seelsorger hätten ihn dann doch auf diesen Weg geführt – und so studierte er Theologie in Bielefeld-Bethel und in Marburg. Sein Gemeindepraktikum machte er bei Gerhard Lueg in Speckswinkel, sein Vikariat absolvierte er in Wetter bei Dr. Frank Hofmann. „In Speckswinkel arbeitete ich mit Jung und Alt. Ich lernte die ganze Bandbreite kennen und hatte Zugang zu allen Altersgruppen. Das fand ich schön“, berichtet der 47-Jährige. Damals sei klar gewesen, dass eine Tätigkeit als Pfarrer das richtige für ihn sei.

Seine erste und bisher einzige Pfarrstelle war Sachsenberg – allerdings soll selbige im Jahr 2023 reduziert werden, was Graß dazu brachte, sich nach einer anderen, vollen Stelle umzuschauen. Jene in Wohra sei zwar auch nur eine Dreiviertelstelle, doch den Rest der Zeit ist er anderweitig im Kirchenkreis tätig. Allerdings muss erst noch das Pfarrhaus renoviert werden, ehe er und seine Familie umziehen kann – was übrigens auch ein Grund war, der ihn vom Wohratal überzeugte: Im Gegensatz zu seiner vorherigen Kirchengemeinde sei die jetzige bereit, Geld ins Wohnhaus des Pfarrers zu investieren – was in Sachsenberg 60 Jahre lang nicht der Fall gewesen sei.

Apropos Renovierungen: In Wohra sammelt ein Förderverein seit Jahren Geld, um das Gotteshaus zu sanieren. Die Gläubigen seien sehr engagiert, lobt Graß und berichtet, dass die Heizung kaputt sei, die Elektrik überarbeitet werden müsse und etwas frische Farbe der Kirche auch gut tun würde. Entsprechend stehe eine Sanierung auf der Agenda, was aber noch mit verschiedenen Protagonisten abgesprochen und geplant werden müsse. Er halte es auch für sinnvoll, gezielt um Spenden zu werben – und vielleicht werde auch der ein oder andere, der nicht der Gemeinde angehöre, sein Portemonnaie öffnen. „Es besteht oftmals eine hohe Verbundenheit mit der örtlichen Kirche. Jeder hat dort etwas erlebt , seien es Taufen, Trauungen oder Konfirmationen. Das gilt auch für die, die sonst nicht viel mit Religion am Hut haben.“ Doch damit nicht genug der Baustellen: Die Kita in Wohra bekomme gerade eine neue Küche und neue Türen, berichtet der Pfarrer - und auch in Hertingshausen gebe es großes Interesse, die örtliche Kirche zu sanieren.

Graß’ Ziel ist, die Gotteshäuser mit Leben zu füllen – auch durch kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte oder Lesungen. In Sachsenberg hatte er mit der Gemeinde aber neben musikalischen Abendgottesdiensten beispielsweise auch Public Viewing von Fußballspielen angeboten. Es sei eben wichtig, dass so auch verschiedenste Menschen unterschiedlicher Religionen zusammenkommen können, um Gemeinschaft zu erleben, betont er.

Bis solche Aktionen aber wieder möglich sind, wird es noch etwas dauern. Bis dahin müssen die Gläubigen noch mit Video-Gottesdiensten (mit Nachbargemeinden sind abwechselnde Angebote dieser Art geplant) oder, für jene, die technisch nicht so affin sind, mit Andachten auf Anrufbeantworter oder geschriebenen Predigten auskommen. Aber passend dazu wird es ja auch noch etwas dauern, bis Menschen den Pfarrer und seine Familie beim Spaziergang mit Hund Paula oder beim Joggen oder Radfahrern in den Feldern Wohratals antreffen können. „Ich mache gerne Sport“, gibt er einen Einblick in sein Privatleben und berichtet, früher auch Basketball und Fußball gespielt zu haben. „Es werden wieder Zeiten kommen, in denen wir gemeinsam singen und feiern werden“, macht er den Gläubigen in seiner Kirchengemeinde Mut und freut sich, diese dann auch persönlich und direkt kennenlernen zu können.

Von Florian Lerchbacher

24.01.2021
24.01.2021