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Ostkreis „Altlastenblase gibt es nicht“
Landkreis Ostkreis „Altlastenblase gibt es nicht“
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11:56 08.10.2020
In Stadtallendorf gab es über Jahrzehnte eine konsequente Sanierung von Rüstungsaltlasten. Das Archivbild entstand in der Klein-Aue im Jahr 2015. Quelle: Nadine Weigel/Archiv
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Stadtallendorf

Die Angst um das Trinkwasser ist eines der Hauptargumente der Umweltaktivisten und A49-Gegner. Bei Demonstrationen und Kundgebungen taucht in Redebeiträgen immer wieder eine „Altlasten-Blase“ auf, die bei Erdarbeiten in großer Tiefe angebohrt werden könnte. Es geht um die Rüstungsaltlasten der Stadtallendorfer Sprengstoffwerke aus der NS-Zeit, um die Werke von Wasag und DAG.

Das Szenario der A49-Gegner sieht in groben Zügen vor, dass Schadstoffe im Grundwasser in Bewegung gebracht werden und damit das Trinkwasser direkt gefährdet wird. Als besonders gefährlich gilt aus Sicht der Umweltschützer die geplante Brücke im Gleetal mit ihren tiefen Gründungen.

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Dort gibt es allerdings keine bekannten Rüstungsaltlasten, erklärt das Regierungspräsidium Gießen auf Nachfrage der OP. Altlasten seien in diesem Bereich nicht bekannt und auch nicht zu erwarten, so ein Behördensprecher.

In Stadtallendorf befinden sich die Rüstungsaltlasten des ehemaligen DAG-Geländes (südwestliches Stadtgebiet) und des Wasag-Geländes im Herrenwald, östlich von Stadtallendorf gelegen. Die Projektgesellschaft Deges hatte eine auf der geplanten Trasse gelegene, frühere Sprengstoff-Füllgruppe im Vorfeld der Bauarbeiten bereits saniert.

ZMW: Schadstoffe von Bauarbeiten unberührt

Sorgen hat der Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke (ZMW) in der Tat ums Grundwasser. Allerdings weit weniger wegen Rüstungsaltlasten im Boden, wie Zweckverbandsgeschäftsführer Karl-Heinz Schäfer auch klar formuliert: „Was die Altlasten angeht, bin ich sehr viel entspannter.“ Seine Sorge gilt vor allem der bei allen Sicherheitsvorkehrungen nicht ausgeschlossenen Möglichkeit, dass Grundwasserstöcke in der Tiefe etwa bei Bohrarbeiten für Brücken getroffen werden könnten.

Wie sich das Grundwasser dann verhielte, kann der ZMW nicht vorhersagen. Aber Schäfer betont klar und deutlich: „Eine Altlastenblase bei Stadtallendorf gibt es nicht.“ Zwar befinden sich trotz aufwendiger, Jahrzehnte dauernder Sanierungen Schadstoffe in einem Teil des Bodens. Doch die blieben aus Sicht des Zweckverbandes völlig unberührt von Bauarbeiten. Zudem fördert der Zweckverband in ganz anderen Tiefen. „Bildlich gesprochen liegen vereinzelt Schadstoffe im ersten Stock des Bodens, wir fördern mit unseren Brunnen aber im dritten und vierten Stock“, so Schäfer.

Aktivkohlefiltern im Wasserwerk

Auch aus räumlichen Gründen sieht der ZMW keine Probleme beim Thema Altlasten, Grundwasserschutz und A49-Bauarbeiten. Denn der sogenannte Westflügel der Förderbrunnen liegt sehr weit entfernt von den geplanten Brückenbauwerken, etwa zwischen Niederklein und Lehrbach. An diesem Westflügel nahe am Wasserwerk Stadtallendorf existiert seit Jahrzehnten eine besondere Sicherung. Abschöpfbrunnen fangen möglicherweise belastetes Wasser ab, es wird separat entsorgt. Nicht zuletzt bleibt immer ein besonderes Bollwerk zum Schutz des Trinkwassers vor eingedrungenen Schadstoffen.

Im Stadtallendorfer Wasserwerk wird das Wasser mit speziellen Aktivkohlefiltern zusätzlich gereinigt. Das Verfahren ist bewährt. Nicht umsonst gilt das „blaue Gold“, so Schäfers Bezeichnung für Trinkwasser, aus Stadtallendorf als das bestens gereinigte Wasser. Auch das Regierungspräsidium Gießen rechnet mit keiner Beeinträchtigung des Grundwassers durch Rüstungsaltlasten beim Weiterbau der A49.

In den vergangenen Jahrzehnten hat das RP die Rüstungsaltlasten-Sanierung in Stadtallendorf als Aufsichtsbehörde begleitet. Auch das Regierungspräsidium sieht die Aktivkohlefilterung bei sprengstofftypischen, gefährlichen chemischen Verbindungen als eine effektive letzte Absicherung des Trinkwassers aus Stadtallendorf. „Auf Grund der Baumaßnahme A49 ist jedoch mit keiner Schadstoffmobilisierung zu rechnen“, sagt Thorsten Haas, stellvertretender Sprecher des RP.

Von Michael Rinde