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Ostkreis Kanubau: 900 Nieten und jede Menge Geduld
Landkreis Ostkreis Kanubau: 900 Nieten und jede Menge Geduld
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10:58 03.07.2021
Zimmerer-Azubi Sebastian Unverricht (rechts) hat binnen zwei Jahren in seiner Freizeit ein Kanu gebaut – das wurde am Freitag mit Familie, Freunden und Kollegen gefeiert.
Zimmerer-Azubi Sebastian Unverricht (rechts) hat binnen zwei Jahren in seiner Freizeit ein Kanu gebaut – das wurde am Freitag mit Familie, Freunden und Kollegen gefeiert. Quelle: Fotos: Andreas Schmidt
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Emsdorf

Zwei Jahre lang hat Zimmerer-Azubi Sebastian Unverricht an seinem Kanu gearbeitet. Knapp vier Meter lang ist es, in jeder Menge Handarbeit entstanden. Am Freitag gab es dann Stapellauf, Bootstaufe und Probefahrt im Emsdorfer Feuerwehrteich – dazu waren nicht nur Freunde, Nachbarn und Kollegen gekommen: Auch Unverrichts Familie war aus dem südhessischen Hochheim angereist, um das Ereignis zu erleben.

Der 22-Jährige steht am Ende seiner Ausbildung bei Holzbau Pfeiffer in Emsdorf. Gerade hat er seine theoretische Prüfung absolviert, diese Woche steht noch die Praxis an. „Bisher lief es ziemlich gut“, sagt er lachend. Holz ist für ihn „einfach mein Werkstoff“, sagt er. Doch wie kam es zum Projekt „Kanu-Bau“? „Ich war einige Male segeln – sich mit der Kraft der Natur fortzubewegen hat mich einfach fasziniert“, erzählt der angehende Geselle. „Ein Boot zu restaurieren oder eines zu bauen, das wäre ja bei meinem Beruf genau das Ding. Aber ich habe eigentlich keinen Platz dafür.“

Drei Kellerräume in Beschlag genommen

Er überlegte also, wie er Platz und Holzboot zusammenbringen könne. Nach weiterem Überlegen stand der Plan fest: Es soll ein zwölf Fuß langes Kanu werden, „in traditioneller Klinkerbauweise“, sagt der 22-Jährige. Dabei überlappen die oberen Planken immer die unteren, zusammengehalten wird das Kanu durch Kupfernieten und einige Bronzeschrauben.

Doch einfach so losbauen war nicht drin: Zunächst sammelte er Informationen. Im Netz, auf Youtube und aus Dutzenden Büchern aus dem In- und Ausland, wie sein Großvater erzählt. „Er hat auch drei Kellerräume in Beschlag genommen“, sagt er. „Und einige Bücherregale.“ Denn der Azubi wohnt bei seinen Großeltern in Emsdorf. Nach der Informationsphase fertigte Sebastian Unverricht einen 1:1-Plan an, „aus dem konnte ich dann auch die Schablonen rausnehmen und die entsprechenden Werkzeuge bauen“.

Seine Form erhält das Kanu durch Spanten – sie sind die tragenden Bauteile, die im Inneren zur Verstärkung des Rumpfs dienen. Und die wurden im Bugholzverfahren über Wasserdampf erwärmt und in Form gebracht. Dieses Verfahren wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von Michael Thonet entwickelt – die Bugholz-Möbel des Unternehmens, das seit 1953 in Frankenberg ansässig ist, sind weltberühmt.

Das Biegen stellte Sebastian Unverricht durchaus vor Herausforderungen. „Die Temperatur des Dampfs muss genau stimmen, sonst wird das Holz zu weich.“ Denn der holzeigene „Klebstoff“, das Lignin, kann die Fasern dann nicht mehr zusammenhalten. Auf einer transportablen Kochplatte – Leihgabe von den Großeltern – erwärmte er Wasser, der Dampf wurde in eine Holzbox geleitet, in die dann die zu biegenden Teile kamen. Die kurzen Spanten hat Unverricht dann per Hand in den Rumpf „eingebogen“, für die langen Steven an den Kielenden hat sich der 22-Jährige Biegeschienen gebaut. „Das war ziemlich anstrengend, denn es war sehr wuchtiges Holz.“ Insgesamt ist er mit seinem Projekt sehr zufrieden. „Wahrscheinlich hätte ich sogar ein längeres Boot gebaut, wenn ich mehr Platz gehabt hätte“, sagt er. Doch die 3,66 Meter passen genau in das alte Wohnzimmer im Dachgeschoss seiner Großeltern.

Am Freitag wurde das Kanu dann an den Feuerwehrteich in Emsdorf gebracht. Dort hatte der Tüftler eine Rutsche gebaut, mit der das Boot – nach der Taufe auf den Namen „Graf“ durch Schwester und Großvater – vom Stapel gelassen wurde. Dutzende Menschen waren gekommen, um dabei zu sein – neben Familie und Freunden und Nachbarn auch die Belegschaft von Holzbau Pfeiffer. Unter Applaus stach das Kanu in See. Dann stieg der Erbauer ein, pflügte durch das Wasser – und bot danach Mitfahrten an.

Für seinen Chef Hartmut Pfeiffer steht fest: „Sebastian ist ein sehr talentierter junger Mann. Neben dem, was die Ausbildung schon mit sich bringt, ist dieser Bootsbau absolut außergewöhnlich – es macht mich unglaublich stolz, als Ausbildungsmeister heute dabei sein zu dürfen“, sagt er. Die Leistung sei „absolut überragend, das geht weit über die Ausbildung eines Zimmerers hinaus. Die Qualität ist absolut bewundernswert“, lobt Pfeiffer.

Jetzt folgen Touren auf Ohm, Lahn und Main

Auch Monika und Christoph Unverricht, die Eltern von Sebastian, sind absolut begeistert, „da steckt so viel Arbeit und Ausdauer drin – das ist toll“. Er habe schon in der Kindheit gerne geschnitzt und mit Holz gearbeitet, verraten die beiden.

Und was hat Sebastian Unverricht nun mit seinem Kanu vor? „Ein paar Touren auf der Ohm und auf der Lahn unternehmen. Und auf dem Main bei meinen Eltern werde ich bestimmt auch mal rumpaddeln“, sagt er. „Aber das Wichtigste war mir der Bauprozess – um zu lernen, wie ein solches Boot in traditioneller Holzbauweise gebaut wird.“

Von Andreas Schmidt