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Ostkreis Neues Bündnis will breiten Widerstand
Landkreis Ostkreis Neues Bündnis will breiten Widerstand
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18:13 07.08.2020
Baumbesetzer verfolgen die Pressekonferenz mitten im Dannenröder Forst. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Dannenrod

Das „Barrio“ ist eine von mehreren Flächen inmitten von Baumhäusern im Dannenröder Wald. Am Freitag war die auf ihr stehende, aus Holz gebaute „Waldkulturbühne“ Ort einer Pressekonferenz. Dort verkündeten gleich mehrere Initiativen und Gruppen die Gründung ihres gemeinsamen Bündnisses „Autokorrektur“. Dahinter stehen nunmehr das Aktionsbündnis „Keine A 49“, „Fridays for Future“, „Ende Gelände“, „Aktion Schlagloch“ und natürlich die Dannenröder Waldbesetzer selbst.

Ihre klare, übereinstimmende Aussage: Jede der Gruppen will auf ihre Weise einen Beitrag leisten, um Räumungen von Baumhäusern und Baumfällungen zu verhindern. Am 1. Oktober beginnt die Fällsaison. Verteilt im Dannenröder Wald, vor allem auf Flächen der geplanten Trasse, gibt es nach OP-Recherchen mehr als 20 Baumhäuser. Auf eine entsprechende Frage hin erklärte Kim Lauterbach von den Waldbesetzern, dass es derzeit etwa 100 Aktivisten gebe. „Im Falle einer Räumung durch die Polizei werden wir eine vierstellige Zahl erreichen“, ist sie überzeugt.

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Alle Sprecher des neugegründeten Aktionsbündnisses machten gestern deutlich, dass sie auf vielfältige Formen des Widerstandes gegen Räumung und Baumfällungen setzen werden: von „Blockade in und um den Wald“ ist mehrfach die Rede, von „kreativem Widerstand“ und auch von pauschalem „zivilen Ungehorsam“ und der „Ausnutzung aller politischen und rechtlichen Mittel“. Letzteres strebt das Aktionsbündnis „Keine A 49“ an. Der „Danni“, das Kürzel der Aktivisten und A-49-Gegner für den Dannenröder Wald, solle zu einem „Symbol für die Verkehrswende“ werden, so die Ankündigung von Paula Eisner von „Ende Gelände“. An diesem Morgen im Wald wird noch einmal klar, dass es die Besetzer wie auch ihre Unterstützer und Mitstreiter mit ihrem Kampf gegen den A-49-Weiterbau sehr ernst meinen, wenn sie Widerstand ankündigen. Das unterstreicht auch die Sprecherin der „Aktion Schlagloch“, die sich als Lola Löwenzahn bezeichnet: „Wir stellen uns der Auto- und Straßenbauindustrie in den Weg.“

Kein Kommentar zu Sachbeschädigungen

Auf die Frage, wie sie zum Einsatz von Gewalt stünden, wenn es denn zur Räumung kommt, gibt es keine klare Aussage. Die Eskalation werde von der Polizei ausgehen, heißt es seitens der Sprecherin der eigentlichen Waldbesetzer. Die lehnt auch einen Kommentar zu den Sachbeschädigungen auf Baustellen ab. Unter anderem waren fünf Sprengvorrichtungen an Baggern auf der A-49-Baustelle bei Schwalmstadt gefunden worden. „Wir sind für Aktionen wütender autonomer Gruppen nicht verantwortlich“, so Kim Lauterbach.

„Fridays for Future“ setzt auf bundesweite Kundgebungen für den Erhalt des vollständigen Dannenröder Waldes, das machte Sprecher Leonard Diez klar. Der Vorwurf: „Wirtschaftliche Interessen gehen immer noch vor den Klimawandel.“

Nicht nur im Dannenröder Wald werden für die Trasse und Brückenbauwerke der A 49 Bäume gefällt werden müssen, auch im Herrenwald bei Stadtallendorf. Auf Nachfrage der OP erklärten Vertreter von „Autokorrektur“, dass sie dort ebenfalls aktiv werden wollten. „Wir werden vergleichbare Aktionen auch für den Herrenwald starten“, heißt es vom Podium unter den schattenspendenden Bäumen.

„Ende Gelände“ ist vor allem im Rheinland bei Auseinandersetzungen rund um den Kohleabbau engagiert. Die Gruppe oder Kampagne wurde vom Bundesamt für Verfassungsschutz als linksextremistisch eingeordnet. „Erst in die Grube, dann in den Wald“, kündigte Paula Eisner als Sprecherin an. Ende September werde sich „Ende Gelände“ zunächst im Rheinland gegen Kohleabbau engagieren, um dann in Dannenrod aktiv zu werden. Der etwa 200 Einwohner zählende Stadtteil von Homberg (Ohm) kann sich also in jedem Falle auf bundesweite Aufmerksamkeit einstellen.

Forderung nach „neuer APO“

Barbara Schlemmer, Sprecherin des Aktionsbündnisses „Keine A 49“ und kommunalpolitisch bei Bündnis 90/Die Grünen engagiert, wählte deutliche Formulierungen in Richtung ihres Parteifreundes, Wirtschafts- und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir. Sollte es unter einer grünen Regierungsbeteiligung zu einer Räumung kommen, dann „werden sich viele Ortsvereine pulverisieren“. Sie animierte zu einer neuen „außerparlamentischen Opposition“ (APO). „Wir brauchen die APO jetzt noch einmal“, so Schlemmer. Die APO-Bewegung entstand in den 1960er-Jahren und ist mit den bundesweiten Studentenprotesten untrennbar verbunden.

Politisch und rechtlich will sich das Aktionsbündnis „Keine A 49“ vor allem den Ausgleichsmaßnahmen widmen, die die Bürgerinitiative für nicht ausreichend umgesetzt und fehlerhaft hält. Deshalb, so die Aussage Schlemmers, sei das Baurecht rechtswidrig.

Von Michael Rinde

07.08.2020