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Ostkreis Begehrter Wachmacher in der Pandemie
Landkreis Ostkreis Begehrter Wachmacher in der Pandemie
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18:00 10.05.2021
Röstmeister Eckhardt Bierek lässt die Bohnen nach der Langzeitröstung aus der Trommel – sie werden danach mittels Luftkühlung abgekühlt.
Röstmeister Eckhardt Bierek lässt die Bohnen nach der Langzeitröstung aus der Trommel – sie werden danach mittels Luftkühlung abgekühlt. Quelle: Andreas Schmidt
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Albshausen

Kaffeeduft liegt in der Luft. Eckhardt Bierek zieht mittels eines Mettallröhrchens eine Probe aus dem großen Trommelröster. Er vergleicht die hellbraunen Bohnen mit solchen, die bereits geröstet wurden – und noch eine Nuance dunkler sind. „Einige Minuten brauchen sie noch“, sagt Bierek, gibt die Bohnen zurück in die Trommel und wartet.

Bierek ist Röstmeister der „Coffee & Tea Company“ in Albshausen, direkt an der B3. 2005 eröffnete die Rösterei, hatte auch lange Zeit ein Café mit Verkauf in der Gutenbergstraße. „Vor zwei Jahren sind wir aber von Marburg komplett nach Albshausen gezogen“, sagt Wolfgang Michael Heinz, einer der beiden Geschäftsführer der „Coffee & Tea Company“. Das Café – samt Rösterei – hat Marco Kohrell übernommen, der dort nun die „Schokofee“ betreibt – und mit der „Coffee & Tea Company“ zusammenarbeitet. So gibt es in Albshausen auch Spezialitäten von der „Schokofee“.

Wolfgang Michael Heinz, einer der beiden Geschäftsführer der „Coffee & Tea Company“ vor einem Regal mit Kaffeespezialitäten im Werksverkauf. Quelle: Andreas Schmidt

Doch warum der Weggang aus Marburg? Beim Versand gebe es eine solch immense Nachfrage, dass sich das Unternehmen darauf spezialisiert habe – und auf seinen Werksverkauf. „Wir haben rund 80 verschiedene Kaffees im Programm“, sagt Heinz, „man sollte gar nicht meinen, dass es so viele gibt“. In rund 120 Ländern werde die Bohne angebaut, „entsprechend unterschiedlich ist der Geschmack“.

Und dieser Geschmack ist weiterhin sehr beliebt: Die Menschen in Deutschland haben im Corona-Jahr 2020 mehr Kaffee getrunken als im Jahr zuvor. Wegen der Einschränkungen durch die Pandemie und des vermehrten Homeoffice-Einsatzes hätten die Menschen den Konsum in die eigenen vier Wände verlagert, teilte der Deutsche Kaffeeverband in Hamburg mit.

Insgesamt legte der Kaffeemarkt den Angaben zufolge 2020 um 1,5 Prozent zu. Das entspreche pro Kopf einer Steigerung von 20 Tassen Kaffee auf insgesamt 168 Liter. „Lockdown heißt nicht, dass der Konsument keinen Kaffee mehr trinkt, wenn Coffee-Shop und Kantine geschlossen sind. Vielmehr haben sich die Konsumorte in dieser Zeit verändert“, sagte Hauptgeschäftsführer Holger Preibisch.

Demnach verbrauchten die Menschen zufolge zu Hause 37 900 Tonnen Röstkaffee mehr als 2019 – ein Plus von elf Prozent. Auf der anderen Seite ging der Konsum außerhalb der eigenen vier Wände etwa in der Gastronomie oder am Arbeitsplatz um 30 300 Tonnen zurück. Das sei ein Minus von 23 Prozent.

Parallel zum größeren Kaffeedurst haben die Menschen auch ihre Kaffeemaschinen aufgerüstet. Inzwischen besitze fast jeder dritte Haushalt einen Vollautomaten. Entsprechend sei auch der Absatz von ganzen Kaffeebohnen um 26 Prozent gestiegen und erreiche nun einen Marktanteil von 37 Prozent. Am beliebtesten mit einem Marktanteil von 50 Prozent ist jedoch der klassische Filterkaffee – er legte um 0,2 Prozent zu.

Auch alle weiteren Kaffee-Varianten für die Zubereitung zu Hause seien im Corona-Jahr 2020 vermehrt gekauft worden. Kaffeemixgetränke in Pulverform legten um gut sieben Prozent zu, Kaffeepads um sechs Prozent und löslicher Kaffee um fünf Prozent. Zudem seien vier Prozent mehr Kaffeekapseln verkauft worden.

Röstmeister Eckhardt Bierek vergleicht eine gezogene Probe mit bereits geröstetem Kaffee. Quelle: Andreas Schmidt

Dass die Verbraucher nicht nur auf die Klassiker stehen, weiß indes Wolfgang Michael Heinz. „Wir haben beispielsweise den berühmten Jamaica Blue Mountain ebenso im Programm wie Kaffee von Hawaii oder unsere eigenen Kreationen wie Kaffee mit Masala-Gewürzen.“ Wie kommt es denn dazu? „Gerade bei Menschen aus der Asiatischen Region ist es sehr beliebt, den Kaffee mit Kardamom und Zimt zu genießen“, sagt Heinz. Entsprechend habe das Unternehmen eine entsprechende Kreation geschaffen. Ebenso wie den „Black Pirate“, der „mit gutem, jamaikanischen Rum versehen wurde. Und der Drachen-Kaffee wird nach der Röstung noch einmal über Buchenholz nachgeröstet, dann zieht die Räuchernote noch einmal zwei Tage durch – das ist wie bei einem Whiskey, der in besonderen Fässern gelagert wird“, schwärmt der Geschäftsführer, „es ist also für jeden was da“.

Wichtig sei, dass man in Albshausen auf die Langzeit-Röstung setze. Während Industrie-Kaffee nur ganz kurz geröstet und dann mittels Wasser abgekühlt werde, „läuft bei uns unter 20 Minuten gar nichts“, sagt Heinz. Die Deutsche Röster-Gilde besage, dass man von einer Langzeit-Röstung erst „ab einer Zeit von zwölf Minuten sprechen darf“. Denn durch das langsame Rösten entwickeln die Bohnen erst ihren charakteristischen Geschmack. „Und der ist bei jeder Bohne anders – daher ist das Rösten eine wahre Handwerkskunst“, sagt Heinz.

Dass das Kaffee-Geschäft vor allem im Privatbereich angezogen hat, kann auch er bestätigen. „Das spüren wir im Versand schon ganz deutlich, auch, wenn sich dieser Zuwachs recht langsam aufgebaut hat“, sagt der Geschäftsführer. „Doch dabei darf man eines nicht vergessen: Von einem Tag auf den anderen sind uns im Gegenzug nahezu alle Gastro-Kunden abgesprungen. Das war schon ein deutlicher Verlust, den das Privatkunden-Geschäft aber mittlerweile kompensiert hat.“ Zum Glück. Denn das Unternehmen trage Verantwortung für zahlreiche Mitarbeitende.

Von Andreas Schmidt und unserer Agentur