Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Jugendarrest für Sani-Prügler
Landkreis Ostkreis Jugendarrest für Sani-Prügler
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 07.12.2020
Quelle: Archivfoto
Anzeige
Kirchhain

Apathisch sitzt der Angeklagte im Gerichtssaal. Zeitweise scheinen ihm die Augen zuzufallen, er spricht extrem leise, schaut abwesend auf seine Hände, ab und zu rollt eine Träne die Wangen hinunter. Geht es ihm gut? Kann er der Verhandlung folgen? Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe macht sich Sorgen um den jungen Mann. Er fühle sich nicht besonders wohl und sei etwas müde, aber folgen könne er schon, erklärt der 19-Jährige – von dem während der Verhandlung ein ganz anderes Bild gezeichnet wird, als jenes, das er abgibt: „Wenn er friedlich war, dann hat er geschlafen“, sagt ein Polizist über den jungen Mann, der sich wegen tätlicher Angriffe auf Rettungskräfte und Vollstreckungsbeamte, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Diebstahls und Beleidigung verantworten muss. „Viele, viele, viele“ Einsätze habe er wegen des 19-Jährigen gehabt, ergänzt der Polizist und gibt zu, „nicht unglücklich“ darüber zu sein, dass der Mann nicht mehr in einer Gemeinschaftsunterkunft in Kassel lebt, sondern inzwischen in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Neustadt – aus der ihn Beamte zur Verhandlung abholen mussten. Er habe den Termin vergessen, erklärt der Angeklagte, den die Polizei gegen 10.30 – also 45 Minuten nach dem eigentlichen Verhandlungsbeginn – aus dem Bett holte und nach Kirchhain ins Amtsgericht brachte.

Keine Erinnerung an Diebstahl von Frischhaltefolie

Den Diebstahl von drei Flaschen Rum in einem Discounter in Neustadt räumt er dafür sofort ein, ebenso den Diebstahl von Wodka aus einem anderen Supermarkt sowie das Zerstören von zwei Matratzen, während er über Nacht zum Ausnüchtern in Zellen der Polizei saß. Manchmal, wenn er Lust auf Alkohol aber kein Geld habe, dann komme es vor, dass er so handle, sagt der Angeklagte, ändert seine Aussage zur Häufigkeit dann doch noch in „sehr oft“ und fängt an zu lachen. Witzig sei daran nichts, wirft Richter Joachim Filmer ein und fragt, was es zu lachen gebe. Nichts, er lache nicht – er sei eben müde, entgegnet der 19-Jährige und wird dann noch gefragt, ob er sich auch des Diebstahls von zehn Rollen Frischhaltefolie schuldig bekenne. Daran erinnere er sich nicht, antwortet der junge Mann und verneint.

Anzeige

Danach geht’s an den Anklagepunkt, der am gravierendsten ist – und dessen angegebener Tathergang sich im Laufe der Verhandlung bestätigt: Im März dieses Jahres riefen Passanten den Rettungsdienst, nachdem sie den im Kasseler Stadtgebiet bewusstlos auf dem Boden Liegenden vorgefunden hatten. Die Rettungskräfte untersuchten den Mann und überprüften seine Vitalwerte. Als er nicht reagierte, wollten sie ihn vom kalten Boden auf eine Trage verfrachten. Plötzlich kam er zu Bewusstsein, beleidigte die Kräfte mit Worten wie „Fuck you“ und „I will kill you“, trat nach einem Rettungssanitäter und schlug in Richtung Kopf der Auszubildenden. Als er dann auch noch ihn schlagen wollte, habe er ihn am Boden fixiert und anschließend darauf gewartet, dass die alarmierte Polizei eintreffe, berichtet der Rettungswachenleiter, der mit im Einsatz war – und dem Mann Alkoholkonsum und die „klassischen Zeichen einer Drogenintoxikation“ attestiert. Zwischenzeitlich sei er immer wieder „aufgeklart und dann wieder eingetrübt“, ergänzt der Sanitäter zum Verhalten des Angeklagten, der den Eindruck gemacht habe, das Anliegen der Rettungskräfte zu verstehen. Dennoch sei er aggressiv gewesen – so wie auch später gegenüber der eintreffenden Polizei. Und diese habe er auch zu bespucken versucht, so einer der Beamten, der resümierte: „Er war in ganzer Linie auf Widerstandskurs.“

Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe bedauerte, dass der Angeklagte seinen Termin bei ihr nicht wahrgenommen habe und sie daher nichts über seine Hintergründe wisse.

Richter redet Angeklagtem ins Gewissen

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft sprach sich dafür aus, Jugendstrafrecht anzuwenden. Außerdem analysierte er, der Angriff auf Rettungskräfte sei wohl im Zustand verminderter Schuldfähigkeit geschehen – da der Angeklagte entweder unter dem Einfluss von Drogen oder eben von Alkohol oder gar von beidem gestanden habe. Er schlug eine Woche Jugenddauerarrest vor und sprach von einem „problematischen Umgang mit Alkohol“.

Richter Filmer folgte der Anregung und redete dem Angeklagten noch ins Gewissen. Zunächst kritisierte er die „fehlende Ernsthaftigkeit“ und nannte als Beispiele das Vergessen des Termins und das Lachen während der Verhandlung. Dann ärgerte er sich, dass er einen Angriff auf Rettungskräfte nicht nachvollziehen könne, kein Verständnis dafür habe und ganz besonders verurteile: Diese Kräfte würden in Notlagen ohne Wenn und Aber helfen und man greife sie einfach nicht an. Es sei erschreckend, dass der Angeklagte auch keinerlei Anzeichen gemacht habe, sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Insgesamt müsse der Mann von seinem aggressiven Verhalten wegkommen: „So kann man nicht mit seiner Umwelt umgehen – unabhängig davon, in welcher Situation man sich selbst befindet.“ Wenn es keine Verhaltensänderung gebe, könne die Woche Jugenddauerarrest „der Beginn einer Karriere im Knast sein“.

von Florian Lerchbacher