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Ostkreis „Wir sind Dienstleister für die Künstler“
Landkreis Ostkreis „Wir sind Dienstleister für die Künstler“
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13:58 06.01.2021
Josch Emmert (vorne) bei der Arbeit.
Josch Emmert (vorne) bei der Arbeit. Quelle: barbara SCHNEIDER photographie
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Schwalmstadt

An den 8. März erinnert sich Josch Emmert noch genau. „Wir hatten an dem Tag unsere letzte Show – in der Köln-Arena mit Mario Barth. Das war der Tag, an dem Gesundheitsminister Jens Spahn gesagt hat, dass Veranstaltungen mit mehr als 1 000 Teilnehmern abgesagt werden sollten“, erzählt Emmert. Es war eine Zäsur für eine ganze Branche, zu der auch die Firma Emmert Veranstaltungstechnik gehört. „Wir haben die Woche noch weitergearbeitet und die beladenen Lkws erst einmal stehen gelassen. Ende Mai haben wir dann ausgeladen.“ Die Krise dauert länger, als am Anfang alle geahnt haben.

„Ich mache das schon mein ganzes Leben lang“, sagt der 44-Jährige über seinen Beruf. Es begann damit, dass sein Vater Hans Emmert ein Tonstudio hatte und nebenher als Manager für Bands arbeitete. „Daraus ist unsere Firma für Veranstaltungstechnik entstanden“, erzählt Josch Emmert. „Wir sind seit Jahren Dienstleister für viele bekannte Künstler und begleiten ganze Tourneen.“ Schon als Jugendlicher habe er seinem Vater bei der Arbeit geholfen, ein paar Lampen oder die Tonanlage aufgebaut. Nach dem Zivildienst absolvierte er eine Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik. 2002 gründete er mit seinem Vater eine GmbH, die inzwischen zwölf festangestellte Mitarbeiter hat. Hans und Josch Emmert sind auch Geschäftsführer der Firma.

„Spezialisiert auf das, was jetzt verboten ist“

„Die Firma ist immer gewachsen, wir hatten gut zu tun bis März“, berichtet Josch Emmert. „Wir hatten zwei bis fünf Aufträge pro Tag.“ Bei manchen dieser Aufträge gehe es nur um Tontechnik, bei anderen um Lichttechnik. Einige Künstler haben eigene Techniker und leihen von der Firma Emmert nur Lautsprecher aus, andere buchen die Schwalmstädter Dienstleister auch als Techniker. Oft arbeiten Emmert und seine Mitarbeiter dabei mit einer Band-Crew aus Soloselbstständigen zusammen. Sie sind Dienstleister für Comedians wie Mario Barth, Eckhard von Hirschhausen und Badesalz, auch für Musiker wie den Sänger Clueso. Es sind Künstler, die große Hallen füllen. „Wir machen Veranstaltungen zwischen 1 500 und 10 000 Besuchern“, sagt Emmert. „Wir sind vollständig spezialisiert auf das, was jetzt verboten ist.“

„Wir sind jeden Tag irgendwo anders – heute in München, morgen in Nürnberg, übermorgen in Stuttgart“, beschreibt Josch Emmert sein Berufsleben. „Viele unserer Künstler spielen auch im deutschsprachigen Ausland – in Österreich, in der Schweiz, auch mal in Luxemburg, in Liechtenstein war ich auch schon.“ In Marburg hat die Firma auch schon bei Veranstaltungen mitgearbeitet – im Georg-Gaßmann-Stadion, in der Stadthalle, im KFZ. Bei manchen Künstlern begleitet das Unternehmen die ganze Tour, dazu gehören dann auch Auftritte in kleineren Sälen. „Man sitzt auch mal Backstage mit den Künstlern beim Abendessen“, berichtet Emmert. Da komme es auch vor, dass der Künstler seine neueste Idee mit den Technikern bespricht oder bei einem Treffen den nächsten Auftrag vereinbart. „Aber wir sind Dienstleister, nicht die Freunde der Künstler – wir müssen einen Top-Job erbringen, wir müssen mit Leistung glänzen.“

„Die Künstler brauchen Crews mit Herzblut“

Sein Beruf sei etwas ganz anderes als ein „Nine-to-five-Job“, sagt Emmert: „Der große Reiz ist, dass man seine Arbeit selbst gestaltet und einteilt. Man sieht sehr viele Menschen und Städte und hat jeden Tag ein neues Problem zu lösen. Da steckt viel Herzblut drin – und die Künstler brauchen Crews mit Herzblut.“

In der Corona-Krise sei er als Unternehmer nun zum ersten Mal in einer Situation, für die er keine Lösung wisse, sagt Emmert. Seine große Sorge ist, dass ein Teil der Branche, in der Menschen mit so viel Herzblut arbeiten, die Krise nicht überleben wird. „Die ganze Branche kann nur abwarten“, sagt er, „unsere Kunden sind jetzt auch vollständig mit der Pandemie beschäftigt“. Er erzählt von einem Konzertveranstalter, der für die Rückabwicklung von Kartenverkäufen sogar noch Personal einstellen musste. Dabei nehme er nicht nur keinen Cent ein, sondern müsse den Endkunden sogar den kompletten Preis erstatten, inklusive der Vorverkaufs-Gebühr, die er gar nicht kassiert habe.

„Am härtesten trifft es die Soloselbstständigen“, sagt Emmert. Weil sie in der Regel keine Betriebsausgaben haben, hätten sie auch kaum Anspruch auf staatliche Hilfe, viele hätten sich arbeitslos gemeldet. Er selbst lebe von Rücklagen, könne für sein Unternehmen aber immerhin staatliche Überbrückungs- und Wirtschaftshilfen in Anspruch nehmen. Da der Betrieb quasi stillsteht, musste sich Emmert Veranstaltungstechnik von zwei Auszubildenden trennen. Und die Technik in Millionenwert, die zum Teil über Kredite finanziert ist, steht ungenutzt herum und lässt sich nicht einmal verkaufen.

Sein Wunsch für 2021 ist klar: „Dass man diese Krise irgendwie in den Griff kriegt." Dazu gehören für ihn nicht nur Impfstoffe, sondern auch eine andere gesellschaftliche Wahrnehmung: Die Einsicht, dass zur Gesundheit auch Kultur gehört. Denn für seine Branche ist die Krise erst zu Ende, wenn Veranstaltungen nicht nur erlaubt sind, sondern auch das Publikum mitmacht: „Wenn die Menschen zurückkommen, wenn sie wieder sagen, ich werde ins Konzert gehen oder ich verschenke Tickets.“

Von Stefan Dietrich